Der Tour-Poker von Tudor Pro Cycling

Auf der grössten Radsportbühne schrammt das Schweizer Team knapp an einem Topergebnis vorbei. Es ist das Los der kleinen Equipen, die für den Erfolg viel riskieren müssen.

Emil Bischofberger, Autor (emil.bischofberger@velojournal.ch)
News, 16.09.2026

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In der letzten Woche der Tour de France kann das Schweizer Team vom Coup träumen. Wenigstens ein bisschen. Auf der 16. Etappe rückt das Team Tudor Pro Cycling mit Yannis Voisard auf Rang 10 des Gesamtklassements vor, dank eines starken Bergzeitfahrens des Jurassiers. Nur fünf Etappen fehlen da noch bis Paris, es wäre die erste Top-10-Klassierung an der Tour für einen Schweizer seit 2015. 

Damals gelang dies Mathias Frank – für das Schweizer Team IAM Cycling. Insofern hätte es seine Logik, würde Voisard und Tudor Pro Cycling dieses nächste Topergebnis glücken. Doch es bleibt beim Konjunktiv. Zwei Etappen später rutscht Voisard einen Platz zurück; Rang 11 hält der 28-Jährige bis zum Schluss. 

Trotzdem ist Voisard das grosse Highlight von Tudor Pro Cycling bei der zweiten Teilnahme an der Tour de France. «Das war extrem schön», sagt Team-CEO Raphael Meyer und gibt zu, dass man nicht damit gerechnet habe. Schliesslich war es Voisards Tour-Debüt.

Grosses Verletzungspech 

Als es darum geht, die Tour ganz generell zu resümieren, atmet Meyer im Gespräch mit dem Journalisten am Telefon zuerst einmal tief ein und aus, ehe er antwortet. Dann sagt er: «Sie war herausfordernd. Und das wussten wir schon ab dem Opening Weekend Ende Februar.» 

An diesem ersten Renntag in Belgien stürzte mit Stefan Küng ein Tudor-Neuzugang so unglücklich, dass er mit einem Oberschenkelbruch monatelang ausfiel – und damit schon zum Saisonstart das Tour-Projekt aus der Balance brachte. 

Projekt um Küng geplant

Weil die Tour in Barcelona mit einem Mannschaftszeitfahren begann, hatte das Team Tudor Pro Cycling zusammen mit seinem Grenchner Radsponsor BMC dies zum Anlass genommen, ein grosses Projekt um Küng herum aufzuziehen – und um das neue BMC-Zeitfahrvelo. 

«Als Stefan stürzte, wussten wir sofort, dass es schwierig werden könnte», sagt Meyer. Zwar gab Küng kurz vor der Tour de France sein Comeback. Um in der grössten Rundfahrt des Jahres eine Rolle zu spielen, dafür reichte seine Form aber nicht.

Die Episode zeigt: Für ein Team wie Tudor ist die Tour de France eine enorm wichtige Plattform – aber auch ein grosses Pokerspiel. Als kleines Team muss die Schweizer Equipe eine andere Strategie fahren als die grossen und vor allem finanzstarken Teams, bei denen die besten Fahrer unter Vertrag sind. 

Zugleich kann sich der Poker lohnen, denn nie ist die weltweite Aufmerksamkeit für den Radsport grösser als während der drei Rennwochen im Juli. Entsprechend stark konzentrieren sich die Teams auf die Tour. Auf das Team Tudor heruntergebrochen bedeutet dies: 70 Personen sind in irgendeiner Form in die Planung oder Umsetzung der drei Tour-Wochen involviert, nur acht von ihnen sind Rennfahrer. Am Startwochenende waren 50 Personen für das Team in Barcelona vor Ort.

Eine Ansammlung von Kompromissen

Trotz des Personalaufwands: Im Rennen spielt Tudor kaum eine Rolle. Warum also dieser Poker mit dem Mannschaftszeitfahrprojekt? 

Meyer sagt: «Ein Veloteam ist eine Ansammlung von Kompromissen, wie das generell für das Führen einer Firma gilt.» Bei Tudor entschied man sich nach Küngs Verletzung, am Zeitfahrprojekt festzuhalten, «weil wir in den nächsten zehn Jahren davon profitieren werden», so Meyer.

Budget im 10-Millionen-Bereich

Tudor ist nicht das einzige Team, das sich an der Tour mit Brosamen begnügen muss. Die 21 Etappensiege teilten sich zehn Teams, was wiederum bedeutete, dass 13 Mannschaften leer ausgingen. 

Der Lichtblick aus Tudor-Sicht: das Team Uno-X. Diesem gelang in der aktuellen Saison bei allen drei Grand Tours ein Etappensieg, obschon die Norweger ähnlich wie Tudor mit einem kleinen Budget im 10-Millionen-Euro-Bereich operieren – ein Klacks zu den kolportierten 50 Millionen Euro, die Branchenkrösus UAE-Emirates um Tadej Pogačar zur Verfügung hat. 

«Uno-X ist seit 2020 ein Pro Team, hat also in sei- nen Strukturen drei Jahre Vorsprung auf uns», sagt Meyer. «Ich tausche mich oft mit deren Teamchef Thor Hushovd aus und bin überzeugt, dass wir auch dorthin kommen werden. Aber es braucht Geduld.»

Resultate helfen, diese Geduld zu bewahren. Etwa jene an der Polenrundfahrt, zwei Wochen nach der Tour: Im Zeitfahren gewinnt Küng sein erstes Rennen für Tudor, Kollege Marco Brenner gelingt mit dem Gesamtsieg ein Coup. 

An der Vuelta lieferte ein Duo ab

«Vor einem Jahr sass ich am Giro noch mit Marco in der Ambulanz, nachdem er schwer gestürzt war», erinnert sich Meyer. «Der Radsport ist wie das Leben: Man muss einfach immer weiterarbeiten. Das zeigte Voisard an der Tour – und nun das Duo Küng/Brenner in Polen.» 

Mit den beiden Siegern reiste das Team auch zur Vuelta, verbunden mit der Hoffnung, den ersten Coup an einer Grand Tour zu schaffen. Tatsächlich lieferten Brenner und Küng in der zweiten und dritten Vuelta-Woche ab: Beide Fahrer gewannen je eine Etappe für Tudor.

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