Nur vier Prozent der Strasse sind fürs Velo da

Wie viel Platz haben Auto, Velo und Fussverkehr in Schweizer Städten? Eine Auswertung von SRF und goNEON zeigt die Flächenverteilung: Für die Veloinfrastruktur bleiben nur wenige Prozent.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velojournal.ch)
News, 08.09.2026

Wer bekommt wie viel Platz auf der Strasse? SRF News ist dieser Frage mit einer gross angelegten Datenauswertung nachgegangen. Untersucht wurde die Aufteilung des öffentlichen Strassenraums in mehreren Schweizer Städten. Dabei wurde zwischen Fahrbahn, Trottoir, Parkplätzen sowie Velostreifen und abgetrennten Velowegen unterschieden.

Das Ergebnis fällt aus Velosicht deutlich aus: In sämtlichen untersuchten Städten beanspruchen Velostreifen und abgetrennte Velowege lediglich drei bis vier Prozent der erfassten Fläche. Mit Abstand am meisten Raum nimmt die übrige Fahrbahn ein. Sie umfasst neben dem motorisierten Individualverkehr allerdings auch Bus- und Tramspuren. Danach folgen die Trottoirs. Öffentliche Parkplätze beanspruchen in den meisten untersuchten Städten ebenfalls mehr Fläche als die Veloinfrastruktur. Eine Ausnahme bildet Zug, wo Parkplätze im öffentlichen Strassenraum vergleichsweise wenig Raum einnehmen. Hier vielleicht noch ein Satz, dass es in Zug wohl einfach mehr private Parkplätze gibt, der Motorisierungsgrad sehr hoch ist und das Velo deshalb nicht mehr Platz bekommt.

Strassenraum aus verschiedenen Datenquellen zusammengesetzt

Für die Analyse wurden nicht Strassen vor Ort vermessen. Das Zürcher Technologieunternehmen goNEON führte im Auftrag von SRF verschiedene räumliche Datensätze zusammen. Die Lage von Fahrbahnen und Trottoirs stammt aus den amtlichen Vermessungen, die Angaben zu Parkplätzen aus Datensätzen der jeweiligen Städte. Weil solche Parkplatzdaten nicht überall verfügbar sind, beeinflusste deren Verfügbarkeit auch die Auswahl der untersuchten Städte.

Bei der Veloinfrastruktur stützt sich die Analyse auf OpenStreetMap. Berücksichtigt wurden dort ausdrücklich als Velostreifen oder Velospuren eingetragene Bereiche. Für einen Velostreifen rechnete goNEON mit einer Breite von 1,5 Metern, bei einer bidirektionalen Verbindung mit 2,5 Metern. Strassen, auf denen Velos zwar fahren dürfen, aber keine eigene Veloinfrastruktur eingezeichnet ist, zählen somit nicht zur Velofläche. Private Parkplätze, Parkhäuser und Garagen wurden ebenfalls nicht berücksichtigt.

Die Zahlen zeigen deshalb nicht, wie viel Strassenraum Velofahrende tatsächlich benutzen können. Sie zeigen vielmehr, welcher Anteil des öffentlichen Strassenraums explizit als Veloinfrastruktur ausgewiesen ist.

Technologie mit ETH-Hintergrund

Hinter der technischen Auswertung steht goNEON. Das Unternehmen wurde von den ETH-Absolventen Lukas Ballo und Raphael Eder gegründet und entwickelt KI-gestützte Werkzeuge für die Infrastruktur- und Verkehrsplanung. Die Technologie hat ihren Ursprung in Forschungsarbeiten an der ETH Zürich zur computergestützten Planung und Umgestaltung städtischer Verkehrssysteme.

Die Software verbindet räumliche Daten mit technischen Vorgaben und Planungsregeln. Damit lassen sich beispielsweise Velokorridore, Parkierungsflächen oder unterschiedliche Varianten der Strassenraumaufteilung automatisiert untersuchen. goNEON arbeitet unter anderem mit Städten, Planungsbüros und Infrastrukturbetreibern zusammen.

Fläche allein macht noch keine Velostadt

Interessant ist insbesondere der Vergleich zwischen den Städten. Bern schneidet beispielsweise bei Befragungen zur Velofreundlichkeit regelmässig gut ab, weist in der SRF-Auswertung aber nicht wesentlich mehr Velofläche auf als andere Städte. Dafür ist die vorhandene Infrastruktur vergleichsweise gut miteinander vernetzt. Die Analyse zeigt damit auch: Entscheidend ist nicht allein, wie viel Fläche dem Velo zur Verfügung steht, sondern ebenso, wo sie liegt und ob daraus ein zusammenhängendes Netz entsteht.

Dennoch macht die Auswertung die Grössenverhältnisse sichtbar: Während die explizite Veloinfrastruktur nur einen kleinen Teil des öffentlichen Strassenraums beansprucht, entfällt ein Vielfaches davon auf die übrige Fahrbahn und vielerorts auch mehr Fläche auf das Abstellen von Autos. So schreibt SRF News: «Den Städten ist gemein: Das Auto nimmt bisher viel Platz ein (…)». Zu diesem Siegeszug der motorisierten Indiviudalmobilität kam es gemäss dem Beitrag durch den Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg: «Das Auto war nicht nur ein Statussymbol, sondern stand für Freiheit und Modernität. Dementsprechend verdrängten Autos auf Schweizer Strassen zunehmend andere Verkehrsteilnehmende. Auf den Strassen wurde es enger und gefährlicher.»

So appelliert die Auswertung an ein Umdenken und hält fest, dass «wer alleine Auto fährt, blockiert mit dem Fahrzeug und dem nötigen Bremsweg viel mehr Fläche als Menschen auf dem Velo, im Bus oder im Tram. Auf die einzelne Person heruntergerechnet braucht ein Auto über zwölfmal mehr Platz als ein Velo oder ein Sitzplatz im ÖV». 

Die komplette Auswertung bietet interaktive Grafiken und Detailansichten unter anderem zu den Städten Bern, Zürich, Genf und Zug. Einzelne Stadtquartiere können per Mausklick ausgewählt und die Verteilung der Verkehrsflächen näher betrachtet werden. Sie ist bei SRF News unter dem Titel «Strassenflächen im Vergleich. Parkplätze schlagen Velostreifen. Wem gehört die Strasse?» abrufbar.

Zur interaktiven Auswertung von SRF News

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Im Kreis fahren die Probanden am Verkehrsflussexperiment.
News

Experiment: Verkehrsfluss auch fürs Velo

50 % aller Verkehrsflächen sollen der Mikromobilität zur Verfügung stehen.
News

«E-Bike City»: Velos sollen Zürich erobern

ETH Zürich E-Bike City. Visualisierung einer velofreundlichen Strassenkreuzung.
News

ETH skizziert die Velostadt der Zukunft