Geschichten auf zwei Rädern: Velo-Lektüre für den Herbst

Vom Kinderbuch über den Sportroman bis zur Kulturerzählung: Diese Auswahl an Büchern zeigt, wie vielseitig sich über das Velo schreiben lässt – als Fluchtmittel, Freundschaftsprüfung oder Fenster in die Zeitgeschichte.

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Pete Mijnssen, Julie Nielsen & Dres Balmer
News, Kultur, 16.09.2026

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Flucht und Rückkehr

Im Sommer 2021 reisen Sportjournalist David Walsh und Pippa York gemeinsam im Tross der Tour de France durch Frankreich und Europa. Für Walsh ist es die Gelegenheit, eine der wohl rätselhaftesten Persönlichkeiten der Tour-Geschichte wirklich kennenzulernen. Und für York eine Chance, das Rennen, an dem sie als Robert Millar insgesamt elfmal teilgenommen hatte, noch einmal hautnah zu erleben. Millar gewann 1984 die Bergwertung («King of the Mountains») und belegte den vierten Platz im Gesamtklassement. 

Mit Walsh beobachtet und kommentiert sie dabei knapp vierzig Jahre später auch den kometenhaften Aufstieg von Tadej Pogačar. Pippa York, die als Junge in Glasgows Arbeiterklasse aufwuchs, reflektiert den Einstieg in den Radsport, der Flucht und Zuflucht in einem war. Das frühe Hingezogensein zum anderen Geschlecht und das Verstecken im männerdominierten Radsport sind zentrales Thema. Das Buch erzählt von den Höhen und Tiefen ihrer Karriere, ihrem Coming-out mit Geschlechtsangleichung in ihren Vierzigern und dem Leben nach dem Profisport. Kontroverse Themen wie Doping, Geschlechterrollen im Sport und die Faszination der Tour machen das Buch zur spannenden Lektüre. 

Die Flucht. Pippa York & David Walsh. Covadonga-Verlag, 2026, 352 Seiten, ca. Fr. 37.–. Übersetzt aus dem Englischen von Olaf Bentkämper

Ausbruch statt Zusammenbruch

Albert, 1900 geboren, stellt Kartonschachteln her, erst in Lörrach, dann in Basel. Die schweizerisch-deutsche Nachbarschaft lebt unbürokratisch, ohne Grenzkontrollen, bis die Nazis 1935 die Schlagbäume senken und die regionalen Lebensadern durchschneiden. Albert wird die politische Entwicklung so unheimlich, dass er im Sommer 1939 abhaut zu einer kühnen Velotour. Sein Leitsatz: Ausbruch statt Zusammenbruch. 

Die Fahrt geht zur Landesausstellung in Zürich, dann nach Morgarten, zu vermeintlichen Kraftorten wackeren Eidgenossentums. Doch auch dort spürt er die wachsende Nazi-Sympa- thie. Er flucht und strampelt seine Wut in die Pedale, kämpft sich durch Schluchten und über Pässe, legt in zwei Wochen siebenhundert Kilometer zurück. Am Schluss der Reise notiert er: «Nun war ich ruhiger geworden und wusste, was ich zu tun hatte.» 

Im Zweiten Weltkrieg leistet er zwei Jahre Militärdienst. 2021 fährt Benedikt Meyer die Route seines Grossvaters nach und beschreibt, wie er angesichts der Zeitläufte ähnliche Beklommenheiten empfindet. 

Alberts Tour. Wie mein Grossvater sein Fahrrad nahm und verschwand. Benedikt Meyer. Zytglogge-Verlag, 2026, 126 Seiten, ca. Fr. 26.–

Gemeinsam kommt man weiter

Frank und sein bester Freund Bert würden gerne eine grosse Radtour machen. Aber es gibt da ein winziges Problem: Zuerst läuft immer alles prima, aber dann eiert Bert auf seinem Velo jeweils ziemlich unberechenbar durch die Gegend. 

Enten, Hasen und Waschbären können ein Lied davon singen. Frank beschliesst deshalb, seinem Freund das Velofahren beizubringen. Was zunächst vielversprechend beginnt, endet mit einem Sturz und dem frustrierten Bert. Doch Aufgeben kommt für die beiden nicht infrage. Stattdessen wird kurzerhand ein neuer Plan geschmiedet: Wenn einer nicht weiterkommt, findet man eben gemeinsam eine andere Lösung. 

Und am Ende zeigt sich, dass auch der vermeintlich unsichere Fahrer mehr kann, als er selbst glaubt. Es braucht ihm bloss jemand den Rücken zu stärken. 

Naylor-Ballesteros arbeitet mit wenigen, bewusst gesetzten Strichen, die seinen Figuren eine ganz eigene Charakteristik verleihen. Die zurück- haltend skizzierte Herbstlandschaft bildet einen ruhigen Hintergrund, vor dem die leuchtenden Velos und farbigen Accessoires besonders schön zur Geltung kommen. Hinter dem Humor steckt eine schöne Geschichte über Freundschaft, Vertrauen und den Mut, etwas noch einmal zu versuchen. Ein charmantes Bilderbuch für kleine Velofans ab 3 Jahren.

Frank und Bert – Die Sache mit dem Fahrradfahren. Chris Naylor-Ballesteros. Coppenrath-Verlag, 2024, 40 Seiten, ca. Fr. 24.90.–

Schrauben, was das Zeug hält

Flo ist enttäuscht, weil er sein Velo nicht mitnehmen darf. Doch dann entdeckt er im alten Schuppen seiner Oma eine kleine Fahrradwerkstatt, und Flos grosses Ferienabenteuer beginnt. Denn Oma teilt Flos Begeisterung fürs Velo. Früher selbst Rennradfahrerin, zeigt sie ihm, wie sich mit ein paar Handgriffen, etwas Geduld und dem richtigen Werkzeug aus einem alten Velo wieder ein fahrtüchtiges machen lässt. 

Gemeinsam bringen sie Omas alte Rennvelos auf Vordermann. Bald spricht sich herum, dass der junge Velomechaniker etwas von seinem Handwerk versteht, und plötzlich stehen auch die Nachbarinnen und Nachbarn mit ihren kaputten Velos vor der Werkstatt. Kurze Kapitel, einfache Sätze und Verständnisfragen machen das Buch zugänglich, ohne die Geschichte unnötig zu vereinfachen. Besonders schön ist die Verbindung von Fahrradbegeisterung und Generationenbeziehung: Flo entdeckt nicht nur eine neue Leidenschaft, sondern auch eine überraschende Seite seiner Oma. 

Die Illustrationen von Larisa Lauber lockern den Text auf und brin- gen die Werkstatt, ihre Werkzeuge und die Velos anschaulich ins Buch. Ein sympathisches Erstlesebuch ab etwa 7 Jahren, das zeigt, dass ein kaputtes Velo manchmal der Anfang eines guten Abenteuers ist. 

Flos fabelhafte Fahrrad-Werkstatt. Sven Gerhardt & Larisa Lauber. Ravensburger Verlag, 2021, 48 Seiten, ca. Fr. 15.50.–, über veloteile-schweiz.ch erhältlich

Viva la bicicletta!

Robbie reist mit seiner Familie nach Rimini, wo der Giro Station macht. Zwischen Sprints, rosa Trikots, einem verschwundenen Opa und seinem Freund Bruno, dessen Karriere auf dem Spiel steht, wird aus dem Familienurlaub schnell ein rasantes Abenteuer. Spannend und dicht wird die Geschichte mit Wissen rund ums Rennvelofahren gespickt. Fachbegriffe aus dem Radsport werden ganz nebenbei erklärt, sodass auch weniger erfahrene Leserinnen und Leser verstehen, was im Peloton, bei einer Attacke oder einem Ausreissversuch eigentlich passiert. 

Anschaulich vermittelt Hasselbusch zudem, dass Radrennen weit mehr sind, als möglichst schnell in die Pedale zu treten: Taktik, Teamarbeit und strategisches Denken entscheiden darüber, wann angegriffen wird, wer Windschatten gibt oder weshalb ein Fahrer auf seine Chance wartet. Ergänzt wird das Ganze durch ein kleines italienisches Glossar. 

Gelato, Pizza, Rimini und Dolce Vita sind nicht bloss Kulisse. Hasselbusch erzählt von Land, Leuten, Essen und Eigenheiten und verwebt kulturelle Fakten, wie etwa die Erfindung des «Gelatos», geschickt mit der Handlung. So wird der Giro zur Entdeckungsreise, bei der man nebenbei erstaunlich viel über Italien lernt. Ein temporeicher Sportroman, der Rennradwissen, Abenteuer und italienisches Lebensgefühl verbindet. Ab 9 Jahren. 

Rennracker Robbie beim Giro d’Italia. Birgit Hasselbusch. Covadonga Verlag, 2026, 176 Seiten, ca. Fr. 25.90.–

Radsport und Propaganda

Schon Jahre vor der Nazi-Machtübernahme 1933 säubern die riesigen bürgerlichen Sportverbände Deutschlands ihre Reihen von linken und jüdischen Sportlern von sich aus, obwohl die Arier-Regeln der NSDAP erst später gelten. Weil der linke «Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität» diese Ausschlüsse verweigert, überfallen und plündern SA-Schlägertrupps seine Einrichtungen. 

Die vielen Sechstagerennen sind Massenveranstaltungen, und da wittert die NSDAP propagandistisches Potenzial. Spitzenfahrer wie Gustav Kilian, Heinz Vopel und Albert Richter werden zu Weltstars, Kilian und Vopel schwenken bei Siegerehrungen auch in New York die Hakenkreuzfahne, werden von Hermann Göring empfangen und geehrt. 

Der Weltmeister Albert Richter aber verweigert in den Zeremonien Nazi-Symbole und den Hitlergruss, äussert sich öffentlich gegen die Nazis. Im Dezember 1939 gewinnt er in Berlin sein letztes Rennen, will dann in die Schweiz fliehen, wird beim Grenzübertritt in Lörrach verhaftet und im Gefängnis erschossen. 

Radsport im Nationalsozialismus. Ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Sportgeschichte. Dieter Vaupel. Verlag Die Werkstatt, 2023, 208 Seiten, ca Fr. 30.–

Eine Kulturgeschichte

Hans-Erhard Lessing erzählt, wie das Zweirad vor über 200 Jahren weltweit eine nie gekannte Euphorie auslöste. Der Physiker und Technikhistoriker ist einer der führenden Fahrradexperten. Seine Kulturgeschichte des Zweirads ist voller Überraschungen – vom Ausbruch eines Vulkans am Beginn bis zur «Fliegenden Taube» in fast jedem Haushalt Chinas. Von der Laufmaschine über das Hoch- und Niederrad, vom Tret- zum Rennrad und E-Bike: Das Velo ist heute weltweit das weitverbreitetste Verkehrsmittel. 

Etwa 12–14 Milliarden Fahrräder wurden seit seiner Erfindung gebaut, und 90 Millionen werden allein in Deutschland bewegt. Lessing vertieft auch die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die das Fahrrad auslöste. Wie etwa dessen Einfluss auf die Frauen-Emanzipation. Die E-Bike-Revolution und deren Auswirkungen auf den individuellen Verkehr werden zwar nur angetippt. Kein Wunder, erschien das Buch zuerst als Festschrift zum 200-Jahr-Jubiläum 2017. Trotzdem ist es noch immer ein gutes Nachschlagewerk für alle, die mehr über die Geschichte des Zweirads erfahren möchten. 

Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte. Hans-Erhard Lessing. Klett-Cotta, 2. Auflage, 2025, 288 Seiten, ca. Fr. 11.–

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