Pro & Kontra: Wädli rasieren oder nicht?

Rasierte Waden gehören für viele zum Rennvelo wie enge Hosen und weisse Socken. Doch muss die Matte wirklich weg? Valentin Grünig greift zum Rasierer, während Emil Bischofberger wachsen lässt, wie es die Natur vorsieht.

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Valentin Grünig & Emil Bischofberger
News, 16.09.2026

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Pro: 

Aerodynamik, keine eingewachsenen Haare nach Stürzen, keine ausgerissenen bei der Massage – wenn die Gruppenausfahrten im Sommer lang sind, hört man viele Argumente für das Enthaaren der Beine. Ich merkte schnell: Für mich ist der wahre Grund ein anderer. 

Das erste Mal rasierte ich mir 2018 die Beine vor der Liège–Bastogne–Liège Challenge. Die Hobbyversion der «alten Dame» unter den Frühjahresklassikern führte über 287 Kilometer und rund 5000 Höhenmeter durch die belgischen Ardennen. Stürze, nach denen Haare hätten einwachsen können, blieben zum Glück aus, als ich nach rund zehn Stunden in Lüttich über den Zielstrich rollte. 

Leider massierte mich da auch niemand – einer von vielen Unterschieden zwischen Hobby- und Profirennen. Immerhin schien den ganzen Tag die Sonne, und meine neueste Optimierung kam dank der kurzen Hosen wenigstens zur Geltung. Ob das gewonnene Quäntchen Aerodynamik mir auf dem hügeligen Parcours einen Vorteil verschaffte? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem ist die Beinrasur seit der «Doyenne», wie Fans das Rennen auch nennen, fester Bestandteil meiner Vorbereitung auf grosse Radabenteuer. 

Denn nur wenn ich wie (fast) alle anderen mit rasierten Beinen an der Startlinie stehe, weiss ich: Ich bin bis ins letzte Detail vorbereitet. Seit gut acht Jahren verleiht mir die Beinrasur so zusätzliches Selbstvertrauen. Genauso lange quatschen mich Freundinnen in der Badi auf meine glänzenden Wädli an. Das «Rasierst du deine Beine?!», im belustigt zu hohen Ton, beantwortete ich lange mit meiner einstudierten Liste: Sturz, Aerodynamik, Massage und so. Heute sage ich knapp: «Ja, ich fahre Rennvelo.» 

Bereut habe ich die Beinrasur dennoch nie. Die Wahl, wo, wie und wieso ich mich rasiere, geht in erster Linie mich etwas an. Nicht ich bin komisch, weil ich ab und zu meine Beine rasiere, sondern viel eher die, die sich etwas zu sehr für die Rasuren anderer interessieren. Wem es also hilft, sich vor dem nächsten Rennen, der bisher längsten Ausfahrt oder einem Groupride mit schnelleren Gümmelern richtig vorbereitet zu fühlen: nicht verunsichern lassen und ausprobieren. Weg mit der Matte!

Kontra:

Warum rasiert sich der Hobbygümmeler die Beine? Weil er damit allen zeigt: Ich meine es ernst mit meinem Hobby. Das tue ich auch, trotzdem wäre ich in einem Vierteljahrhundert auf dem Rennvelo nie auf die Idee gekommen, eine Rasierklinge an meiner Wade anzusetzen. 

Nicht nur, weil mir das Instrument als Bartträger grundsätzlich suspekt ist. Wer die Velokollegen nach ihren Rasurgründen fragt, hört immer dieselben Radprofi-Argumente: Bei einem Sturz sei die Wundpflege einfacher. Zudem die Massage angenehmer. Letzteres kann ich sogar bestätigen. Als ich einst an einem einwöchigen Rennen teilnahm und jeden Abend eine intensive Massage erhielt, bereute ich kurzzeitig meine Standhaftigkeit gegenüber der Beinrasur. Ab Wochenhälfte waren die Haarfollikel an den Oberschenkeln schliesslich so stark entzündet, dass sie beim Massieren mehr schmerzten als die müden Muskeln darunter. 

Nur: Wie oft werden wir Hobbygümmeler täglich massiert? Eben. Dasselbe gilt für die Stürze: Holz anfassen, aber wer keine Rennen bestreitet, schlittert doch eher selten über den Asphalt. 

Bleibt die Ästhetik. Da bin ich sogar bereit anzuerkennen, dass glänzende, rasierte Waden in Kombination mit schickem Trikot, Hose und weissen Socken ziemlich schnittig aussehen. Trotzdem bevorzuge ich das Understatement und mache es wie einst Bernard Hinault. Der trat jeweils im Frühling zu den ersten Rennen mit unrasierten Beinen an – und fuhr trotzdem allen davon. Worauf die Gegner raunten: «Und was, wenn er sie erst rasiert?» Später tat es ihm Peter Sagan gleich – und jüngst wurde Jonas Vingegaard im Trainingslager mit dicht behaarten Beinen entdeckt. 

Sie alle bestätigen die Erkenntnis, die ich dank der Frauen im eigenen Haushalt gemacht habe: So cool ist die ewige Rasiererei eben doch nicht. Bleibt schliesslich die intime Frage an alle Wädlirasierer: Wo hört die Rasur auf? Oberhalb des Knies, sodass ihr daheim quasi mit kurzer Fellhose ins Bett hüpft? Oder muss konsequenterweise alles ab, von der Sohle bis zum Scheitel? Da ist mir die Ästhetik im Adamskostüm dann doch wichtiger als jene im Peloton.

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