Radprofi Stefan Küng: «Ohne meine Frau wäre das nicht möglich»

Stefan Küng ist Radprofi – und Familienvater. Wie funktioniert ein solches Leben, wenn man 200 Tage im Jahr nicht zu Hause ist?

Frederic Härri, Redaktor (frederic.haerri@velojournal.ch)
News, 16.09.2026

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Wenn Stefan Küng auf Reisen geht, verschiebt sein Sohn einen Magneten. Auf einer Weltkarte im Kinderzimmer überwindet der vierjährige Noé mit Leichtigkeit die Landesgrenzen und weiss stets, wo sich der Papa gerade aufhält. Immer da nämlich, wo der Magnet zum Stehen kommt. 

Einige Nationen hat Noé auf diese Weise schon kennengelernt. Belgien etwa, wo sein Vater Anfang dieses Jahres stürzte, sich einen Bruch am linken Oberschenkelknochen zuzog und in den ersten Wochen danach auf Krücken ging. Polen, wo dem einstweilen genesenen Vater nur ein knappes halbes Jahr später ein Etappensieg in dessen Lieblingsdisziplin, dem Zeitfahren, glückte. Oder Spanien, wo er sin Husarenstück wiederholte und an der legendären Vuelta a España erneut eine Etappe gewann.

Weit weg von Frauenfeld

In Bewegung ist Noés Magnet oft. Was daran liegt, dass Stefan Küng einen Beruf ausübt, der nur schlecht im Homeoffice ausgeübt werden kann. Küng ist Radprofi und als solcher nach eigener Einschätzung 150 bis 200 Tage im Jahr unterwegs. Rennen, Trainingslager, Teamanlässe, quer durch Europa verteilt und manchmal ganz schön weit weg vom heimischen Frauenfeld entfernt. 

Was Küng aber eben auch ist: Vater. Mit Ehefrau Céline hat er neben Noé auch Sohn Rémi, der vor wenigen Wochen ein Jahr alt geworden ist. Man ist geneigt zu fragen: Wie lassen sich die Reisen und langen Stunden auf dem Sattel mit einem geregelten Familienleben vereinbaren? Küng ist per Videoanruf zugeschaltet. 

Als ihm dieses Magazin die Frage stellt, lächelt der 32-Jährige. Fast so, als ob er die Antwort darauf bestimmt schon Hunderte Male gegeben hätte.

Der Zwiespalt auf dem Velo

«Mir ist bewusst, dass unser Alltag nicht den gängigen Vorstellungen entspricht», sagt Küng. «Wenn ich an der Tour de France fahre, ist Céline einen Monat lang quasi alleinerziehend. Ohne ihre Unterstützung und ihr Verständnis könnten wir ein solches Leben nie führen. Dafür bin ich ihr unheimlich dankbar.» Kennengelernt hat Küng Céline vor elf Jahren, als er seit einem halben Jahr als Radprofi aktiv war. Beiden war bewusst, auf was sie sich einlassen, wenn irgendwann die Familienplanung zum Thema wird. 

Nun führen sie ein Leben, das mit Organisationstalent mehr als nur passabel bewältigt werden kann. Es gibt Regeln, Abmachungen, niemand soll zu kurz kommen. Und doch gab es Zeiten, da hat Küng mit seinem Lebensentwurf gerungen.

Sass er auf dem Rennvelo, warf er sich vor, Céline zu wenig Entlastung zu bieten. War er zu Hause, kreisten die Gedanken um das Training: Hätte er nicht doch länger dehnen, in die Massage gehen, die Ausfahrt um eine Stunde verlängern sollen? Der Zwiespalt war nicht aufzulösen. 

Heute ist das anders, weil Küng ein entspannteres Verhältnis zu seinem Job gefunden hat: «An Ruhetagen gehört die Zeit meiner Familie. Dann rühre ich das Velo nicht an.»

Vor zwei Jahren verloren die Küngs ihr Kind 

Die Öffentlichkeit lässt Küng am Familienalltag derweil nur dosiert teilhaben. Auf private Posts verzichtet er in der Regel, in den sozialen Medien findet Küng, der Radfahrer, statt und nicht Küng, der Privatmensch. An einem Frühjahrstag vor zwei Jahren aber macht er eine Ausnahme, als er auf Instagram in wenigen Zeilen erzählt, dass er und die in der 20. Woche schwangere Céline das gemeinsame Kind verloren haben. 

Die folgenden Rennen lässt Küng aus. Er hätte sich eine Ausrede einfallen lassen, hätte lügen können. Niemand hätte nachgefragt. Doch Küng ist es wichtiger, «zu sagen, wie es ist». 

Die Offenheit erntet Zuspruch, das Paar erhält Zuschriften voller Trost. Ungeplant leisten die Küngs einen Beitrag, das Stigma rund um Fehlgeburten zumindest ein wenig kleiner werden zu lassen.

Vom Verstehen und Vermissen

Umso deutlicher wird das, als sie ihre Geschichte Ende 2025 in der SRF-Sendung «Kehrseite» erzählen. Stefan Küng ist erst skeptisch, als ihn die Anfrage erreicht. «Doch weil Céline das Thema genauso betrifft wie mich», bespricht er es mit ihr. Gemeinsam willigen sie ein. Und die Anteilnahme, die sie erfahren, ist gross. Geteiltes Leid ist halbes Leid, heisst es. Den Küngs wird bewusst, dass daran tatsächlich etwas dran ist. 

In der Zwischenzeit hat ihnen das Leben doch ein zweites Kind geschenkt. Der im Juli vor einem Jahr zur Welt gekommene Rémi ist zu jung, um zu verstehen, dass er in eine Radfahrerfamilie hineingeboren worden ist. Anders Noé, der versteht, weshalb der Papa viele Tage im Jahr fernab von zu Hause ist. Ihn darum aber nicht weniger vermisst. Auch Stefan Küng vermisst. Die Familie, die eigenen vier Wände. 

Nur hat er gelernt, den Rationalisten in sich gewinnen zu lassen: «Das Leben als Radprofi ist endlich. In ein paar Jahren ist meine Karriere zu Ende, und ich werde wieder mehr zu Hause sein.» 

Bis es so weit ist, wird im Kinderzimmer noch einige Male ein Magnet verschoben.

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