Am Limit

Sommerzeit – Veloverrücktenzeit. Zwei Bücher beschreiben das Gefühl, am Limit zu fahren. Einmal erzählen Radprofis von ihren Leiden, einmal gehts um Ultracycling.

Dres Balmer, Autor

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kultur, 13.07.2022

Strasser Ultra

In die Kategorie Ultracycling gehören Fernfahrten, die über Tag und Nacht, mit minimalen Pausen, zu absolvieren sind. Die berühmteste ist wohl das Race Across America (RAAM), von Küste zu Küste durch die USA. Sie hat in den letzten Jahren auch Europa inspiriert, wo es immer mehr ähnliche Fernfahrten gibt.

Obwohl solche Unternehmen härter sind als Giro, Vuelta und Tour de France, geniessen sie in der Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit als die grossen Rundfahrten. Eine der Lichtgestalten bei solchem Tun ist der Österreicher Christoph Strasser. Er hat das RAAM über eine Distanz von rund 5000 Kilometer sechsmal gewonnen.

Er schafft auf dieser Distanz in einer guten Woche eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 25 km/h. Dann macht er sich daran, die Distanz und die Zeit zu verringern, aber den Schnitt zu erhöhen, nach und nach.

2015 fährt er im Freien in 24 Stunden 896 Kilometern, 2017 sind es im Vélodrome Suisse in Grenchen in derselben Zeit deren 942. Am 16./17. Juli 2021 knackt er rund um den Flugplatz Zeltweg in der Steiermark mit 1026 Kilometern und einem Schnitt von 42,75 km/h die Tausendermarke – und damit ist für ihn der perfekte Tag gelungen.

Wie diese Entwicklung vor sich geht, beschreibt David Misch, indem er für die Suche nach dem perfekten Tag 24 Kapitel gestaltet, die dynamisch Strassers Werdegang beschreiben, sprachlich elegant, mit Einschüben von klugem Strasser-Originalton.

Das Buch sprengt den Rahmen der sportlichen Einfalt und führt zu den psychologischen und philosophischen Hintergründen, welche Christoph Strasser, der sich als «Weitradlfahrer» bezeichnet, zur Jagd nach dem perfekten Tag bringen.

1000/24, Christoph Strasser und die Jagd nach dem perfekten Tag

David Misch. Covadonga-Verlag, Bielefeld 2021, 38.90 Franken.

Teufelslappen, verdammter

Die Flamme Rouge ist der dreieckige rote Wimpel, der bei Radrennen anzeigt, dass die Fahrer nun am letzten Kilometer vor dem Ziel sind. Das klingt harmlos, doch was sich auf diesem letzten Stück alles abspielen kann, liefert dramatischen Stoff, zumal dann, wenn eine kleine Ausreissergruppe vor dem Feld hier ankommt.

Es beginnt das Taktieren, die Rivalen schätzen einander ab, der eine fragt sich, wann er aus dem Windschatten des anderen ausbrechen und den Sprint anziehen soll, der andere bleibt hart am linken oder rechten Rand, um die Übersicht zu behalten.

Die Körper leiden, in den Köpfen rasen die Hirngespinste, die Seelen bluten, denn in diesen Minuten und Sekunden geht es um alles oder nichts. Jenseits des roten «Teufelslappens», wie der Wimpel auch genannt wird, destilliert sich das Wesen des Radsports in all seinen Facetten. Gewinnen oder unterliegen? Triumph oder Demütigung?

Zu den Erfahrungen auf ihrem letzten Kilometer befragen die Autoren 14 Radgrössen, elf Männer, zwei Frauen und einen Mann, der zur Frau geworden ist. Das sind Himmelfahrten hinauf und Höllenstürze hinunter in die Condition humaine, auf zwei Rädern, wie auf der Bühne, in 14 Aufzügen.

Spannend ist auch das Kapitel über den Einbezug des letzten Kilometers in die Streckenplanung und damit in die Dramaturgie der Etappe, denn die grossen Rundfahrten sind auch Inszenierungen.

Streckenplaner Fabian Wegmann und der Ex-Profi Dietrich Thurau sind sich darin einig, dass die Digitalisierung den Rennverlauf immer voraussehbarer und damit langweiliger macht. Waren das also die 14 letzten Dramen hinter dem Teufelslappen?

Flamme Rouge. Nur noch 1000 Meter – Radprofis erzählen ihre Schicksale 

Daniel Lenz und Florian Summerer. Covadonga-Verlag, Bielefeld 2019, 26.70 Franken

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