Trennungsängste

Die Velohersteller bringen jedes Jahr neue Modelle auf den Markt. Doch wieso sollte man ein Fahrrad ersetzen, das noch tiptop in Schuss ist? Dr. V. Love kennt die Antwort.

Dr. V. Love, Velosoph (dr.v.love@velojournal.ch)
VLove, 16.11.2022

Ich bin seit Jahren überzeugter Velofahrer. In letzter Zeit habe ich aber immer öfter den Eindruck, dass ich und mein Mondia-Herrenvelo von Anfang der Neunzigerjahre belächelt werden. Es scheint, als ob man stets das neuste Velomodell haben müsste, um als etwas zu gelten. Ich sehe nicht ein, weshalb ich ein Fahrrad, das noch tipptopp in Schuss ist, durch ein neues ersetzen sollte. Liege ich mit meiner Ansicht falsch? 

P. L. aus Oetwil a. d. L. 

Sehr geehrter Herr L.

Mitnichten! Es ist nur so: Der späte Spätkapitalismus sieht Menschen wie Sie nicht vor. Einer seiner Fetische ist die Kategorie «Neu!» (und ich meine hier nicht die pionierhafte deutsche Band). Sie steht immer noch für Aufregung, schnelleren Puls, libidinösen Kitzel. Neu ist besser, neu ist schöner, neu muss man haben, neu ist neu, la-laaa-lalala. 

Ganz unter uns: Auch die Publikation, die Sie in Händen halten, lebt von diesem ewigen Glamourversprechen des Neuen. Und der Schreiber dieser Kolumnen – so viel Transparenz darf sein – profitiert durchaus mit: Die weitläufige Villa mit Infinity-Pool, dieser Rückzugsort inmitten rebenbestückter toskanischer Hügel, aber auch die Fabergé-Eier-Sammlung, die Jacht, die etwas zu oft im Parkverbot steht – all dies wäre sonst nur schwer finanzierbar gewesen. 

Für die Sentimentaleren unter uns hält der Kapitalismus, der grosse Allesverdauer, eine weitere Option bereit. Vielleicht erinnern Sie sich an den Kram, der noch vor 30 Jahren in den Brockenhäusern vor sich hin gammelte: schraddelige, abgerockte Dinge, die man nicht mehr brauchte und weggab – weil das Neue lockte. Windige Findige führten für solchermassen aus der Warenwelt Aussortiertes irgendwann das Label «Vintage» ein, erhöhten die Preise um das Zehn- bis Zwanzigfache und begannen, damit richtig Kasse zu machen.

Ihre wunderbar pragmatische Einstellung gegenüber dieser durchdrehenden Warenwelt, lieber Herr L., ist für «die Wirtschaft» nicht interessant. Denn Sie erliegen weder dem Tand permanenter velozipedöser Neuheiten noch dem faulen Zauber von Vintage-Bikes. Sie machen etwas viel Besseres: Sie fahren Ihr Velo, solange dessen Räder Sie tragen.

Ich bin in Ihrem Team. Hört die Signale: Ihr Dr. V. Love aka Eddy Marx
 

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