Gut ist nicht gleich gut

Die European Cyclists’ Federation veröffentlichte Anfang Sommer eine Studie zur Velofreundlichkeit der europäischen Zugbetreiber. Die SBB schnitten hervorragend ab. Ein Resultat mit Vorbehalt.

Fabian Baumann, Redaktor

Fabian Baumann, Redaktor (fabian.baumann@velojournal.ch)
17.09.2021

Es waren Rekordwerte, die die SBB im Sommer 2020 verzeichneten. So viele Menschen, die mit Velo und Zug in der Schweiz unterwegs waren, gab es noch nie. Allein im Juli des vergangenen Jahres sind laut SBB rund 80'000 Velotageskarten verkauft worden. Das Resultat waren vollgestopfte Wagen und Reisende, die für ihr Fahrrad keinen Platz im Zug fanden.

Allerdings ist der Velotransport im Zug ein Dauerthema. Plätze für Fahrräder in Zügen sind Mangelware. Und das nicht erst, seit Herr und Frau Schweizer im Corona-Sommer ihre Liebe zu Velos und Ferien im eigenen Land wiederentdeckt haben.

Umso erstaunlicher, dass die europäische Velolobby ECF (European Cyclists’ Federation) in einer im Frühling publizierten Studie den SBB gute Noten beim Velotransport ausstellt. Besonders gut schneiden sie bei den verfügbaren Veloplätzen ab. Die Maximalpunktzahl erhalten sie auch für die Funktionalität ihrer Website.

Weniger gut bewertet – mit 4 von 10 Punkten – werden die Mietmöglichkeit von Fahrrädern via SBB und der Preis von Velotickets und Platzreservationen. Hier gibt es für die Schweizerischen Bundesbahnen bloss 2 von 5 Punkten.

Umso erstaunlicher, dass die europäische Velolobby ECF (European Cyclists’ Federation) in einer im Frühling publizierten Studie den SBB gute Noten beim Velotransport ausstellt.

Mit einem Total von 38 Punkten nehmen die SBB im europäischen Vergleich gemäss Studie einen Spitzenplatz ein. Besser schneidet nur NS-DB (Intercity Berlin), eine Kooperation von Niederländischer und Deutscher Bahn, ab, die aber nur eine einzige Strecke betreibt. Die DB selbst landet auf dem fünften Rang.

Gut in der Vergangenheit …

Pro Velo Schweiz hat die SBB oft für ihr Angebot beim Velotransport kritisiert. In einer Stellungnahme nennt die Lobbyorganisation denn auch Gründe für das – überraschend – gute Abschneiden der Bundesbahnen. Gegenwärtig haben die SBB noch viel altes Rollmaterial im Einsatz. In den seit den 80er-Jahren auf den Gleisen rollenden Zügen gibt es teilweise bis zu 35 Veloplätze. Das alte Rollmaterial wird derzeit ersetzt, die Wagen werden in naher Zukunft verschwinden.

In den 29 neuen Giruno-Zügen, die zwischen 2019 und 2020 eingeführt wurden, haben nur noch vier Fahrräder Platz. Und selbst wenn sie als Doppelkomposition geführt werden, gibt es viermal weniger Fläche für Velos als in den alten Zügen. Kritisch ist die Situation auch bei den neuen Doppelstöckern (FV-Dosto). Diese haben auf dem Papier zwar mehr Veloplätze als früher, nämlich bis zu 14. Doch «die Plätze sind sehr schmal und lassen kaum Platz für mitreisende Personen», heisst es bei Pro Velo Schweiz.

Die ECF selbst relativiert das gute Abschneiden der SBB. «Aktuell bieten die SBB flächendeckend rund 19 Veloplätze pro Zug an. Diese hohe Zahl ist vor allem auf das reichliche Platzangebot im in die Jahre gekommenen Intercity/Euro-City-­Zug zurückzuführen. Die SBB rüsten gerade ihre Flotte auf, und wir sind darüber informiert, dass die neuen Züge weniger Plätze bieten», heisst es in der Studie.

Mit der Ausdehnung der Reservationspflicht auf alle IC-Züge sei der Selbstverlad von Fahrrädern teurer und komplizierter geworden, kritisiert Pro Velo.

Die Lobbyorganisation fügt an, dass die Entwicklung bei den SBB alles andere als ermutigend sei. «Falls diese Studie in einigen Jahren wiederholt wird, werden die SBB wahrscheinlich nicht mehr punkten.»

… weniger gut in der Zukunft

Während die ECF-Studie damit eher die Vergangenheit als die Gegenwart abbildet, relativiert ein zusätzlicher Faktor den zweiten Rang der SBB beim Velotransport. Mit der Ausdehnung der Reservationspflicht auf alle IC-Züge sei der Selbstverlad von Fahrrädern teurer und komplizierter geworden, kritisiert Pro Velo. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Nachfrage nach kombinierter Mobilität steige.

Von den Schweizer Bundesbahnen erwarte man, dass die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden stärker berücksichtigt würden. Anstatt weniger sollte neu beschafftes Rollmaterial mehr Platz für die Mitnahme von Velos, Kinderwagen, Sportgeräten und Gepäck bieten. Die eingeführte Reservationspflicht sei abzuschaffen, fordert die Velolobby.

Wie sich jüngst zeigte, steht Pro Velo mit dieser Meinung nicht allein da. Die im Frühling zusammen mit 13 weiteren Organisationen lancierte Petition wurde von 54 000 Personen unterzeichnet. Anfang September wurde die Petition offiziell eingereicht. Der Ball liegt nun bei den SBB und dem Bundesrat.