Auch Zürichs zweite Velovorzugsroute ist nicht autofrei

Die Stadt Zürich hat seit Anfang April eine zweite Velovorzugsroute. Bei der Eröffnung wurde das Hauptaugenmerk auf die Sicherheit der Schulkinder gelegt. Autoverkehr ist auch auf der zweiten Vorzugsroute erlaubt.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
Kommentar, 09.04.2024

Die zweite Velovorzugsroute der Stadt Zürich ist Anfang April durch die beiden Stadträtinnen Karin Rykart und Simone Brander beim Schulhaus Mühlbach eröffnet worden. Die Route führt 2.5 Kilometer auf der Mühlebachstrasse und der Zollikerstrasse durch das Seefeld-Quartier.

Die Velofahrenden haben auf der Route mehrheitlich Vortritt und der Autoverkehr sei gering, erklärte Brander bei der Eröffnung. Die beiden Stadträtinnen waren auffallend darum bemüht, aufzuzeigen, wie sehr der Stadtregierung die Schulkinder am Herzen liegen.

Schulkinder im Fokus

Es scheint kein Zufall zu sein, dass ausgerechnet das Schulhaus als Ort für die Eröffnung gewählt wurde. Die Schulkinder und deren Sicherheit standen denn auch im Fokus des Eröffnungsakts. Bei anderen geplanten Velovorzugsrouten wie zum Beispiel in Wollishofen ist die Skepsis gegen die geplante Strecke gross. Als Argument gegen die Velovorzugsroute werden dort immer wieder die Schulkinder genannt, die den Velorowdys ausgesetzt beziehungsweise von Velorasern auf der Vorzugsroute gefährdet würden.

Die beiden Stadträtinnen erklärten, dass ihnen die Sicherheit der Schulkinder ein grosses Anliegen sei. Deshalb habe die Stadt mehrere Massnahmen ergriffen, um an rücksichtslose Velofahrende zu appellieren. Rykart verwies auf Videoaufnahmen, die vor zwei Jahren nach mehreren Beschwerden besorgter Eltern vor Ort gemacht wurden.

Die Mühlebachstrasse war damals noch keine Velovorzugsroute. Die Aufnahmen zeigten, dass viele Velofahrende am Fussgängerstreifen nicht anhielten. Rykart sagt: «Die Kinder warteten minutenlang. Niemand hielt an».

«Wir denken nicht nur an Velos»

Ein sehr flaches Berliner Kissen, auf dem der Fussgängerstreifen liegt, soll Velofahrende ausbremsen. Ausserdem wurden Piktogramme auf die Strasse gemalt und ein Plakat aufgestellt, welches auf die Schulkinder aufmerksam macht und Velofahrende zur Rücksichtnahme auffordert.

Ob das die besorgten Eltern in Wollishofen beruhigt, ist fraglich. Immerhin sind deren Bedenken mit den Videoaufnahmen vor dem Schulhaus Mühlebach untermauert worden. Brander erklärte, dass der Stadtrat ein Zeichen dafür setzen möchte, dass er nicht nur an Velos denke, sondern an alle – zum Beispiel auch an Personen zu Fuss. Entsprechend sind auch keine Mischflächen mehr geplant.

Autofrei heisst nicht keine Autos

Die Velovorzugsroute auf der Mühlebachstrasse ist genau wie jene entlang der Baslerstrasse nicht vom Autoverkehr befreit. Von 200 Kilometern geplanter Velovorzugsrouten in der Stadt sollen mindestens 50 Kilometer autofrei sein.

Tatsächlich heisst «autofrei» in der Stadt Zürich aber nicht vom Autoverkehr befreit. Ziel- und Quellverkehr soll nach wie vor möglich sein. Im Falle der Velovorzugsroute Seefeld heisst das, dass etwa 1600 Motorfahrzeuge täglich darauf verkehren. Das sei sehr wenig, betonte Stadträtin Karin Rykart. Würden die Autos 24 Stunden am Tag total regelmässig verkehren, wären es aber mehr als ein Auto pro Minute. Und es ist wohl eher zu erwarten, dass der Verkehr zu Stosszeiten, also genau dann, wenn auch am meisten Velofahrende unterwegs sind, massiv zunimmt.

Immerhin soll der Durchgangsverkehr unterbunden werden. Nach Einsprachen von Pro Velo hat das Statthalteramt dem Stadtrat vorgeschrieben, dass nach der Eröffnung entsprechende Messungen zu den Verkehrsmengen durchgeführt werden müssen. Sollte es zu Durchgangsverkehr kommen, ist die Stadt verpflichtet, Massnahmen zu ergreifen. Das erste sogenannte Monitoring soll nach einem Jahr und ein zweites nach drei Jahren durchgeführt werden.

Velostandards der Stadt nicht berücksichtigt auf der Vorzugsroute

Die im März 2024 verabschiedeten Velostandards der Stadt Zürich wurden für die Velovorzugsroute im Seefeld nicht berücksichtigt, da diese bereits im Jahr 2021 geplant wurde. Die Mindestbreite und der Abbau von Parkplätzen konnten laut Brander aber gemäss der aktuellen Empfehlungen umgesetzt werden. «Mehr konnten wir nicht wissen», sagt Brander. 

Für Yvonne Ehrensberger, Geschäftsleiterin von Pro Velo Zürich, ist die Mühlebachstrasse ein Velovorzugsrouten-Labor. Die Mühlebachstrasse ähnele im Gegensatz zur Baslerstrasse viel mehr dem, was man sich unter einer Velovorzugsroute vorstelle. Hier könne man sehen, wie die Planung sich entwickle. «Ich hoffe, dass dank der Velostandards in Zukunft alles schneller geht.»

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