Methadon für die Autofraktion

Die Verkaufsekorde von E-Bikes purzeln. Aber manchmal fragt man sich, wo all die Gefährte sind – jedenfalls nicht alle auf der Strasse.

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Rahel Marti
Kommentar, 10.05.2023

Dass sich die Leute massenhaft Elektrovelos anschaffen, liegt wohl weniger am dringenden Bedürfnis, sie auch zu fahren, als daran, dass man es sich leisten kann. Bei den Preisen für die motorisierten Zweiräder schlackern einem die Ohren, aber sie werden gekauft wie verrückt. Elektro­unterstütztes Pedalen ist gäbig, spassig und relaxt, man überholt Muskelfundis mit einem überlegenen Lächeln und kommt damit richtig vorwärts. Das zählt, denn Freizeitmenschen wollen ja immer irgendwo hin.

Als «nice to have» allein wäre das E-Bike aber auf dumme Art unterschätzt. Es kann mehr. Es kann schaffen, woran der öffentliche Verkehr und das herkömmliche Stahlross scheitern: die Gewohnheitsmotorisierten von vier auf zwei Räder umsteigen lassen. Denn das Elektrovelo fährt schnell, ist individuell, und es hat einen Motor. E-Bikes sind Methadon für die Autofraktion.

«Als «nice to have» allein wäre das E-Bike aber auf dumme Art unterschätzt.»

Das Potenzial ist riesig, vor allem in den Agglomerationen und in ländlichen Räumen. Denn der Nutzen des Motorvelos dürfte dort besonders hoch sein, wo man nicht zu Fuss gehen oder Tram fahren kann, wo der öffentliche Verkehr dünn ist und Velofahren anstrengend, weil die Strecken weit und die Steigungen saftig sind. Alles alte Gründe für das Auto und neue Gründe für das E-Bike.

Gekauft sind sie ja schon, die tollen Elektrovelos, sie stehen still in den Garagen von Einfamilienhäusern und in den Kellern von Neubauwohnungen. Sollen sie zum respektablen Alltagsfahrzeug werden, braucht es aber mehr als Infrastrukturen. Es braucht Akzeptanz für das E-Bike, nennen wir es «Willkommenskultur». Bern wurde zur Velostadt, weil die Stadtregierung eine «Velo-Offensive» ausrief, sich auf Drahteseln ablichten liess und die Absicht veröffentlichte, den Anteil des Velos am gesamten Verkehr in wenigen Jahren deutlich anzuheben.

«Auch in den eingeschworenen Kreisen der Veloplanung hat das E-Bike mehr Zuspruch verdient, um das Gefährt mit dem grössten Verkehrswende-Potenzial der Gegenwart nicht auszubremsen.»

Ähnlich könnten es die Regierungen ländlicher Kantone mit dem E-Bike machen. Auch in den eingeschworenen Kreisen der Veloplanung hat das E-Bike mehr Zuspruch verdient, um das Gefährt mit dem grössten Verkehrswende-Potenzial der Gegenwart nicht auszubremsen. Statt den Bequemlichkeitsfaktor des Motorvelos zu verhöhnen, sollte die Verkehrsplanung genau darauf setzen. Denn ein E-Bike ist auch ein Velo, und jedes Velo zählt.

«Das E-Bike ist der neue MIV. Nehmen wir es ernst und holen wir es auf die Strasse. Es soll sich nützlich machen.»

Wo der Tesla das E-Auto sexy und vermeintlich grün macht (lassen wir die ätzenden Details), macht das E-Bike das Velo effizient und bequem. Es ist der Mittelweg zwischen Sport und Sofa, zwischen Zug und Auto, zwischen Töff und Velo. Es ist das Umsteigemobil, das Changemaker-Vehikel, das Verkehrswende-Argument auch für jene, die wenig bewegen wollen, auch nicht unbedingt sich selbst. Das E-Bike ist der neue MIV. Nehmen wir es ernst und holen wir es auf die Strasse. Es soll sich nützlich machen.

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