Auf den Spuren der Thronerben

Start und Ziel waren gesetzt: von Grenoble nach Menton. Dazwischen liegen im Critérium du Dauphiné 700 Kilometer mit Dutzenden von Pässchen und einsamen Landstrassen. Ein Rückblick auf die acht Etappen.

Pete Mijnssen ist Chefredaktor des Velojournals.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Blog, Reisen, 23.07.2021

Die Tour ist benannt nach dem Etappenrennen Critérium du Dauphiné (bis 2009 Critérium du Dauphiné Libéré). Es gilt neben der Tour de Suisse als das wichtigste Vorbereitungsrennen für die Tour de France.

Die anspruchsvolle, achttägige Rundfahrt führt durch die französische Region der Dauphiné im Südosten Frankreichs, zwischen Rhone und der italienischen Grenze, südlich von Savoyen und nördlich der Provence. Im Mittelalter erhielt der jeweilige französische Kronprinz bei seiner Geburt die Dauphiné und damit den Titel «Dauphin».

Tag 1 – Auf den Spuren der Résistance

Von Grenoble aus geht es mit 600 Metern Anstieg gleich zur Sache. Bald bietet sich ein schöner Ausblick auf die Universitätsstadt, wo 1968 die X. Olympischen Winterspiele stattgefunden hatten. Für den damaligen Staatspräsidenten Charles de Gaulle eine Gelegenheit, diese als Symbol für die Modernisierung Frankreichs zu präsentieren. Das zeigt sich noch heute in Form von oft liebloser und klotziger Architektur.

Bald erreichen wir auf einer Hochebene den regionalen Naturpark Vercors. Im nahe gelegenen Vassieux-en-Vercors wird im Résistance Museum unter anderem an das Massaker von 1944 erinnert, bei dem mehr als 200 Zivilisten und 639 Résistance-Kämpfer von deutschen Truppen getötet wurden. Zahlreiche weitere Gedenkstätten säumen unseren Weg.

Endziel unserer Etappe ist nach achtzig Kilometern das Dorf La-Chapelle-Vercors. Auch es ein Gedenkort für die Nazi-Opfer.

Tag 2 – Archäologie und König Fussball

Heute steht uns mit 130 Kilometern eine lange Etappe bevor. Von La-Chapelle gehts gleich knackig hoch auf den Col de Rousset (1254 m ü. M.). Danach folgt eine lange Abfahrt nach Die, welche ca. bei Kilometer 40 endet. Damit ist noch nicht einmal ein Drittel der Strecke zurückgelegt. Da wir ein Begleitfahrzeug dabei haben, sind wir bezüglich der Pausen flexibel. Der Fahrer/die Fahrerin besorgt jeweils das Mittagessen, entschieden wird gemeinsam, wo Rast gemacht wird.

Noch haben wir eine lange Strecke vor uns. Nach fünfeinhalb Stunden Fahrzeit erreichen wir den Etappenort Vaison-la Romaine, wo unser hübsches Hotel im mittelalterlichen Stadtkern liegt. Vaison-la-Romaine ist die grösste französische archäologische Ausgrabungsstätte, lese ich auf Wikipedia. Jedenfalls zieht es viele Touristen an. Nach den zurückliegenden, oft einsamen Bergetappen, eine neue Erfahrung.

In der nahen Bar sehen wir am TV, wie im EM-Endspiel Italien die Briten im Penalty-Schiessen besiegt. Die Französinnen und Franzosen sind nach dem Ausscheiden der «Bleus» daran aber nur mässig interessiert und schliessen den Ausschank noch vor Spielende.

Tag 3 – Der Berg ruft

Und schon haben wir einen der Höhepunkte vor uns: Heute steht der Mont Ventoux auf dem Programm! Mit 1900 m ü. M. ist er zwar nicht besonders hoch, aber von Malaucène aus legt man mehr als 1500 Höhenmeter und über 20 Kilometer zurück. Das ist zwar weniger als das allerkleinste Alpenbrevet mit Susten- und Furkapass. Dennoch wollen die Kräfte eingeteilt und die Steil-Rampen von über 13 Prozent «süüferli» angegangen werden.

Vorher gibts in Malaucène noch einen Kaffee, einige decken sich mit den neusten Mont Ventoux-Tricots ein. Das motiviert und lässt den Gipfel rufen. Dort ist es dann zwar windig, aber sonnig – der Rummel wie immer am Gipfelschild gross.

Die Abfahrt nach Sault ist dafür episch lang und führt durch duftende Fichtenwälder, von der Frische des kahlen Berges hinein in die provenzalische Wärme.

Tag 4 – Über den Signal de Lure nach Sisteron

In der Nacht gab es ein kräftiges Gewitter mit Blitz und Donner, was den Schlaf einiger nicht gross beeinträchtigte – sie schliefen selig. Unser Hotel Nesk war früher ein Spital und ist nun frisch renoviert und von einem Velosammler sorgfältig ausgestattet worden. Hinter der Réception etwa steht ein Original Tour de France-Wagen von Citröen mit dem berühmten Michelin-Männchen.

Der Tag startet klar, aber kühl. Angenehm ist das Klima im Vergleich zu den Wetterkapriolen in der Schweiz. Heute ist wieder ein «kleiner» Mont Ventoux-Anstieg angesagt. Mit seinen 1745 m ü. M. ist der Aufstieg zum Signal de Lure nicht wesentlich weniger hoch. Aber der Gipfel ist im Gegensatz zum gestrigen Gipfel grün, weniger steil.

Nach dem langen Anstieg geht's fast nur noch bergab auf die hundert Kilometer zu, wo wir Sisteron erreichen, das «Tor zur Provence». Wir sind nun in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur angekommen.  Hier treffen wir auf die Route Napoléon, was sich auch mit viel Verkehr im Stadtkern äussert.

Unsere Zimmer im altehrwürdigen Hotel du Cours gehen alle auf die Strasse hinaus. Wahrscheinlich hat das Personal gedacht, dass der Velo-Peloton genügend müde ist, um den Strassenlärm auch nachts zu ertragen.

Tag 5 – Auf Wellblech an die Gorges du Verdon

Heute geht es über Stock und Stein in die Verdonschlucht nach La-Palud-sur Verdon. Zuerst verabschieden wir noch Samira und Daniel, welche heute nachhause reisen müssen – zwei Zugpferde weniger! Höchster Punkt ist der Col d’Ayen, knapp über 1000 m ü. M., dennoch sind neben knapp 2000 Höhenmetern fast 90 Kilometer zurückzulegen, meist hügelig – auf «Wellblech».

Vor La-Palud-sur Verdon tauchen wir in die atemberaubende Landschaft der Gorges du Verdon ein, wo wir in einem renovierten Motel aus den sechziger Jahren nächtigen. Der Beginn der Sommerferien, verbunden mit dem Nationalfeiertag, zeigt sich an den verstopften Strassen im pittoresken Dorf.

Tag 6 – Von der Verdonschlucht in die Alpes Maritimes

Der Leckerbissen kommt heute noch vor dem Mittagessen: Eine ausgedehnte Rundtour um die Verdonschlucht über die Route des Crêtes (1324 m ü. M.) offenbart grandiose Ausblicke und lässt uns fast nicht mehr los.

Dennoch haben wir noch knapp hundert Kilometer vor uns: zuerst geht es nach Castellane, einem Stausee entlang und danach über den Col de Toutes Aures (1120 m ü. M.).

Nach dem letzten Pass gehts rasant nach Puget-Théniers, unserem heutigen Etappenziel.  Wir sind nun im Département Alpes-Maritimes in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur angekommen und schon bald in der Nähe von Nizza.

Tag 7 – Gewitter droht

Immer wenn sich ein Gewitter ankündigt, geht die Diskussion los: wann kommts? Die einen nehmen es gelassen und packen das Regenzeug ein, die anderen drücken nervös auf ihren Smartphones herum, um auf den genauen Zeitpunkt eingestellt zu sein.

Es nützt nichts, gefahren muss werden – heute möglichst früh! Ich habe gut lachen und nichts zu melden, da ich wegen einer Reifenpanne den Transporter fahre.

Der Rest der Truppe fährt die 90 Kilometer und knapp 2000 Höhenmeter über den Col de Saint Raphael (876 m ü. M.). Dort werden sie am Nachmittag prompt verregnet – sportlich entspannt fahren sie in Roquebilliere ein.

Tag 8 – Berauscht ans Meer

Waren die letzten Tage von unterschiedlich langer Dauer und höhendifferenzmässig anspruchsvoller, sind heute nur noch 70 Kilometer und 1600 Höhenmeter zu überwinden, bevor das Meer erreicht ist. Vorher gehts noch über den Col St. Roch (990 m ü. M.), den Col de l'Orme, den Col de l'Ablé, den Col de Braus (1002 m ü. M.) – sowie zu guter Letzt noch über den kleinen Col de Castillon (707 m ü. M.). Von dort führt die Route schnurstracks in das Strand- und Verkehrsgewühl von Menton.

Noch einmal durchfahren wir nach jedem Talübergang neue Vegetationszonen mit farbigen Blumen am Wegrand. Überhaupt war die Reise von überaus üppiger Blütenpracht geprägt – unüblich für diese sommerliche Jahreszeit. Ganz zu schweigen vom betörenden Duft der üppigen Lavendelfelder, die uns begleitet haben.

Obwohl die Strecke bekanntlich jeweils ein Teil der Tour-de-France-Etappenplanung ist, wäre diese überraschende und versteckte Tour ohne GPS-Tracks (siehe Downloads) wohl nur schwer zu finden. Dafür bedankt sich der Autor beim Organisationskomitee Dani Knüsel, Peter Tanner und Martin Wunderli, die einmal mehr eine grossartige Reise organisiert haben.

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