Auf Gublers Spuren – Dritter Teil

Velopionier Theophil Gubler beschreibt im Tourenführer von 1928 ein Dutzend Jurareisen. Velojournal schaut nach, was sich in den Kantonen Solothurn, Jura, Bern und Basel-Landschaft seither verändert hat.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kultur, 15.07.2026

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Die Südrampe zum Weissenstein ist nur sechs Kilometer lang, doch wegen ihrer 20-Prozent-Rampen gehört sie zu den härtesten Pässen des Landes. Gubler erwähnt diese Steilheit mit keinem Wort. Die Damen und Herren auf dem Velo kämpfen sich Kehre um Kehre bergauf, oft im angenehmen Schatten des Waldes, dann an der prallen Sonne, und die Echsen rascheln durch das Laub am Strassenrand. Mehrmals unterquert das verkehrsarme Strässchen die Seilbahn Oberdorf–Weissenstein, manchmal rufen die Insassen aus den vorüberschwebenden Kabinen den Radlern ein ermutigendes «Hopp Schwiiz» herunter. 

Zu Gublers Zeiten gab es hier noch keinen Lift, die Sesselbahn war von 1950 bis 2009 in Betrieb, der neue Kabinenlift existiert seit 2014. Unglaublich, dass sich hier im 19. Jahrhundert Pferde mit Postkutschen hinaufquälten zum Kurhaus Weissenstein, zehn Minuten unterhalb der Passhöhe. 

Gubler schreibt: «Kurhaus Weissenstein. Der ‹Rigi des Jura›, berühmte Aussicht von den Tiroler Alpen bis zum Montblanc und auf das ganze Mittelland (auf der Hotelterrasse Zeiss-Fernrohr). Passhöhe. Linkskurve und sehr steil bergab durch den Schitterwald (nur mit Doppelbremse fahrbar) nach der Strasse Welschenrohr–Gänsbrunnen.» Erst in der Abfahrt erwähnt Gubler also kurz die topografische Heftigkeit.

Unflätige Schüttelpiste 

In Crémines zieht es die Gubler-Pilger nach Osten, auf kleinen Strässchen über drei Kuppen nach Mervelier, wo sie auf Gublers Tour 188 von Delémont nach Balsthal stossen. Es beginnt die Auffahrt durch eine unheimliche Schlucht, der das Rauschen des Bachs La Scheulte etwas Romantik verleiht. Hier war Gubler noch auf einer Schotterpiste unterwegs, denn erst im Zweiten Weltkrieg baute die Armee diese Verbindungsstrasse zwischen den Festungen Les Rangiers und Hauenstein. Der Scheltenpass ist gnädiger als der Weissenstein, die Abfahrt auf der anderen Seite ins solothurnische Guldental ist von einer wunderbaren Schwerelosigkeit. 

Kurz vor Ramiswil führt die Abzweigung links hinauf zum Passwang. Da wird die Reisegruppe stutzig, konsultiert Gublers Führer und stellt fest, dass dieser nicht von hier, sondern von Mümliswil aus zum Passwang aufbrach. Seine Route ist heute als Wanderweg «Alte Passwangstrasse» ausgeschildert. Gubler beschreibt sie als «schlechte, ungemein steile (...) Strasse nach dem Passwang Sattel»; der heisst jetzt auf dem Schild «Mittler Passwang». Das ist eine unflätige Schüttelpiste, die vor dreihundert Jahren als Verbindung zwischen dem südlichen und dem nördlichen Teil des Kantons Solothurn gebaut wurde. Die unmögliche Linienführung war zwei Jahrhunderte lang umstritten und wurde verflucht. 

Dieses bewegte Kapitel der Verkehrsgeschichte ist auf Informationstafeln am Wegrand nachzulesen. Mutige Radlerinnen und Radler, welche die Alte Passwang- strasse überstanden haben, gelangen nach kurzer Abfahrt zum Nordportal des Passwang-Scheiteltunnels, und dort finden sie des Rätsels Lösung: Die moderne Passwang-Strasse samt Tunnel wurde in den Jahren 1931 bis 1933 gebaut.

Hässliche Wunde 

In Nunningen beschliesst die Party, am Jura-Hauptkamm nach Osten zum Unteren Hauenstein zu radeln. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass es da kaum fahrbare Verbindungen gibt. Die heftige Topografie stellt sich dem Strassenbau entschieden in den Weg. Hart ist die Arbeit, sich manche 20-Prozent-Steigung hochzukämpfen, hinter Oberdorf über die abenteuerliche Forststrasse nach Diegten zu tanzen. In Eptingen kann man betrachten, wie die automobile Gesellschaft mit der heftigen Topografie am Belchen zurechtkommt, indem sie die Autobahn im Tunnel verschwinden lässt, eine Wunde in die Landschaft schlägt. Noch ein Schwitzpässchen nach Läufelfingen ist zu überwinden, fast flach radelt es sich zum Unteren Hauenstein. 

Da zweigt die Belchen-Panorama-Route 112 nach Südwesten ab, Richtung Langenbruck. Die gewaltigen grünen Hügel verschlucken die wenigen Radler, laut ist der Chor der Vogelstimmen, die Reise führt durch tanzende Insektenschwärme. Kuppe um Kuppe wird überwunden, bald ist der Pass Challhöchi erreicht. Der Übergang wurde während des Zweiten Weltkriegs mit mächtigen Panzersperren verbaut. Vier Kilometer weiter, am Chilchzimmersattel, ist die nächste Toblerone, ein weiterer Teil der sogenannten Fortifikation Hauenstein, die hier schon während des Ersten Weltkriegs gebaut wurde. 

Die Auffahrt zur Belchenflue verschafft einen Eindruck von der Mächtigkeit der Anlage. Der Rest ist reiner Fahrgenuss talwärts auf guter Strasse nach Langenbruck. Die Pässe Oberer Hauenstein und Breitenhöchi sind leicht, über Mümliswil endet die Schussfahrt in Balsthal.

Solothurn → Weissenstein → Crémines → Mervelier → Scheltenpass → Mümliswil → Alte Passwangstrasse → Mittler Passwang → Neuhüsli → Nunningen → Reigoldswil → Oberdorf → Hornenberg → Eptingen → Läufelfingen → Unterer Hauenstein → Challhöchi → Chilchzimmersattel / Belchenflue → Langenbruck → Oberer Hauenstein → Breitenhöchi → Mümliswil → Balsthal. 123 km über 16 Pässe und Kuppen; 115 km auf Asphalt, 8 km Kiesstrasse. 

Höhenmeter: 4033 aufwärts, 3937 abwärts.
Am Wegrand: Mächtige Landschaften, schöne Ortsbilder, Monumente zivilen und militärischen Tiefbaus. 
Literatur: Theophil Gubler, Tourenbuch der Schweiz mit den Grenzgebieten 1928, Touren 59, 60, 61, 91, 188 und V.

Inspiriert von Theophil Gublers Tourenbuch von 1928 fährt Velojournal in fünf Folgen ausgewählte Strecken 
ab und macht einen Vergleich zur heutigen Zeit.
 

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