Auf Gublers Spuren – Zweiter Teil

Wir kombinieren vier Routen des Velopioniers Theophil Gubler (1878 – 1954), entdecken so ehemalige Sackgassen und bezaubernde Kurorte – und landen auf der ersten Passstrasse der Moderne.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
01.05.2026

Lesen ohne Abo.

Zahlen Sie nur, was Sie lesen!

Mit tiun erhalten Sie unbeschränkten Zugriff auf alle Velojournal-Premium-Inhalte. Dabei zahlen Sie nur, solange Sie lesen.

  • Alle Premium-Artikel
  • Zugang zum E-Paper
  • Flexibles zahlen

Sie haben bereits ein Velojournal-Abo? Hier einloggen

Von Bellinzona suchen die Radler ihren Weg südwestwärts, durch eine öde Anhäufung von Tankstellen, Supermärkten, Bankfilialen. Der ebene Rand der Magadino-Ebene eignet sich zum Einrollen, nach 18 Kilometern ist Schluss damit. Der Ort heisst Vira, denn hier geht es in die Kurven, der Wandel von der Gewerbezone in die Krachen der Valle di Vira ist heftig. Im Bergdschungel ist die Luft schwül und feucht, es schweben Insektenschwärme. Häuser werden seltener, die Wildnis scheint unberührt, kaum Autos sind unterwegs. 

Die Strasse ist brutal in die Topografie gelegt, kilometerlange 14-Prozent-Rampen treiben den Schweiss, nur selten gibt der dichte Wald einen Blick nach unten frei, doch er schenkt Schatten. Auf den letzten 2 Kilometern zum Pass Alpe di Neggia ist freies Gelände, hier weiden Kühe. 13 harte Kilometer sind überwunden, es folgen 6 Kilometer Sause hinunter ins Dorf Indemini. Gubler schreibt: «Vira – Von Magadino kommend links hinauf auf der 49 Kehren aufweisenden Indemini-Strasse, die in der Mobilisationszeit von unseren Truppen mit 721.000 Fr. Kosten angelegt wurde.» Diese Bergstrasse wurde während des Ersten Weltkriegs gebaut, in Indemini war sie zu Ende. Gubler kehrte hier um. Im Dorf lebten einst vierhundert Menschen, heute sind es noch deren fünfzig. Die Strasse hinunter ins italienische Maccagno am Lago Maggiore wurde 1964 gebaut. Auch sie führt durch wilde Wälder und verschlafene Dörfer, bietet heute 17 Kilometer Genuss.

Inseln und Kapitäne

Es folgen 60 Kilometer Uferfahrt, zuerst am Lago Maggiore, später, nach einer Fährpassage, am Lago d’Orta. Die Damen und Herren auf ihren Velos geraten in eine theatralische Kulisse. Richtung Stresa rücken die vier Borromäischen Inseln immer deutlicher ins Gesichtsfeld. Auf ihnen sind prächtige Paläste und Pärke zu besichtigen, und solcher Prunk herrscht auch am Gestade, man radelt golden verzierten Grands Hôtels mit riesigen Gartenanlagen entlang, auf den Parkplätzen glitzern die Protzkarren.

Etwas hinter Stresa geht es aufwärts zur Kuppe von Armeno, und schon öffnet sich der Blick auf den Lago d’Orta, der etwa hundert Meter höher als der Lago Maggiore liegt. Gubler beschreibt diesen Abschnitt nicht, die Reisegesellschaft findet ihn aber hübscher als Gublers Fahrt über Gravellona mit der ätzenden Galerie nach Omegna, die es vor hundert Jahren noch nicht gab. Vor dem Dörfchen Orta, einer Halbinsel, liegt das nächste Eiland, die Isola San Giorgio, kleiner und ebenso prächtig wie die Inseln vor Stresa. Orta ist ein architektonisches Juwel. An der Lände vor dem Dorfplatz stehen ein halbes Dutzend Einheimische mit mächtigen Kapitänsmützen auf den Köpfen bereit und bieten den Besuchern höflich die Überfahrt an.

Napoleon und die Folgen

Velofahrer können von hier den Ortasee im Uhrzeigersinn umrunden, bevor sie von Gravellona auf der ausgeschilderten Radroute im Tal des Flusses Toce nach Domodossola gelangen. Danach zweigen sie ab, folgen nun dem Fluss Diveria, und der führt durch die Gondoschlucht zum Simplonpass. Leute, die sich für Verkehrsgeschichte interessieren, erleben hier ein imposantes Finale, das Gubler ausführlich kommentiert. Hinter dem achtstöckigen Stockalperturm mahnt er: «Von hier bis zur ersten Brücke nach der Galerie von Gondo ist Photographieren und Zeichnen verboten (Festungsgebiet!).» Heutzutage sind die imposanten Festungsanlagen öffentlich zugänglich. Dann erwähnt er die «Grosse Galerie von Gondo, an der 1200 Menschen 15 Monate lang Tag und Nacht gearbeitet haben (Kosten: 250.000 Fr. und über 100 Menschenleben)». 

Diese stillgelegte Galerie, 1804/1805 erbaut, ist für den motorisierten Verkehr gesperrt, mit dem Velo kann man den imposanten Umweg wagen und gelangt kurz danach, so Gubler, zur «Alten Kaserne (zerfallenes, von Steinschlag immer wieder zerstörtes Refuge VIII, von Napoleon erbaut)». Da gibt es gute Nachrichten. Die Alte Kaserne wurde restauriert, darin untergebracht ist ein sehr gutes Museum zur bewegten Simplon-Geschichte. Der Ort ist Teil des Ecomuseums Simplon, das am Weg mehrere militärische, religiöse und verkehrsgeschichtliche Stätten pflegt und erläutert.

Wer einen dramatischen und ästhetischen Sprung aus Gublers Vergangenheit in die mobile Zukunft sucht, findet ihn in der Abfahrt Richtung Brig. Es geht «nach dem Sommerkur­ort Berisal mit dem Kurhaus an Stelle des Refuge III hinab zur Ganterbrücke, die den Ganterbach in 24 m hohem Bogen überspannt». Das schöne Bauwerk aus dem Jahr 1805 ist gut erhalten. Wer sich talauswärts wendet, erblickt, quer durch den Himmel, die neue Ganterbrücke, ein gewaltiges Kunstwerk von Christian Menn, 678 m lang, 145 Meter hoch, 1980 eröffnet. 

Bellinzona → Vira → Alpe di Neggia → Maccagno → Laveno → (Fähre) → Intra → Stresa → Armeno → Orta S. Giulio → Gozzano → Pella → Omegna → Gravellona → Domodossola → Simplonpass → Brig. 

Das sind 243 km über zwei Pässe und eine Kuppe.

  • Höhenmeter: 3400 aufwärts, 2800 abwärts.

  • Am Wegrand: Die Reise führt durch Gebiete mit solidem Angebot für Reisende. 

  • Literatur: Theophil Gubler, «Tourenbuch der Schweiz mit den Grenzgebieten» 1928, Touren 156, 157, 180, 181. Vom selben Autor «Die Schweizerischen Alpenstrassen» 1933, Kapitel 14, Simplonpass. Beide Bücher sind im SRB-Verlag Zürich erschienen.

Link zur Tour

Empfohlene Artikel