Kommentar,
03.07.2022
Autoinsassen profitieren in der Schweiz als einzige Gruppe von einer steigenden Verkehrssicherheit. Umgekehrt existiert bei ihnen auch der grösste Handlungsspielraum, um schwere Unfälle auf der Strasse zu vermeiden.
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03.07.2022
Schwere Unfälle beim Velofahren sind zur Hälfte Kollisionen. Diese ereignen sich am häufigsten an Kreuzungen. (Foto: Céline Schwarz)
Im europäischen Vergleich steht die Schweiz punkto Verkehrssicherheit gut da. Gemessen über die letzten fünf Jahre befindet sie sich mit durchschnittlichen 26 Todesopfern je einer Million Einwohner und Jahr im sichersten Viertel der 22 gelisteten Länder.
Wie sich die Verkehrssicherheit für die verschiedenen Nutzungsgruppen innerhalb der Schweiz gestaltet und verändert, untersucht die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Seit 2017 veröffentlicht sie jährlich einen Sicherheitsbarometer. Im Juni ist die Bewertung für das Jahr 2021 erschienen.
Die Daten zeigen ein ähnliches Bild wie in den letzten Jahren: Der Zweiradverkehr profitiert nicht von einer steigenden Verkehrssicherheit. Insbesondere beim boomenden E-Bike- und E-Scooter-Verkehr nehmen die Unfälle rasant zu.
Ältere Personen und Kinder sind generell besonders gefährdet. Zu den effektivsten Präventionsmassnahmen gehören Temporeduktionen für Motorfahrzeuge. Diese bezwecken auch den Schutz der anderen Verkehrsteilnehmenden, trotzdem hat Tempo 30 innerorts bei der Bevölkerung bisher nie eine Akzeptanz von mehr als 60 Prozent erreicht.
Die Daten zu Verkehrsunfällen des Bundesamts für Strassen Astra geben Auskunft über die grossen Trends seit 1945: Mit dem Beginn der Datenerhebung hatte die Zahl der Verkehrsunfälle rasant zu steigen begonnen, im Jahr 1971 erreichte sie den Peak bei 29'455.
In der Zeitperiode davor hatte auch der Autobestand in der Schweiz sprunghaft zugenommen: Die Anzahl Personenwagen hatte sich zwischen 1960 und 1970 von einer halben Million auf fast eineinhalb Millionen mehr als verdoppelt.
Auch die Anzahl Motorräder hatte überdurchschnittlich stark zugenommen. Zum Vergleich: Der Velobestand sank in diesem Jahrzehnt von 1.8 Millionen auf 1.2 Millionen.
Auch nach dem Jahr 1971 ist der Autobestand in der Schweiz weiter angestiegen, die Zahl aller Verkehrstoten ist aber zurückgegangen.
Einen deutlichen Einfluss hatte die Einführung der Gurtenpflicht. Und auch die Autoindustrie hat viel in die Sicherheit der Autolenker investiert – Knautschzonen, Airbags und elektronische Fahrassistenzsysteme minimieren das Risiko bei Unfällen.
Entsprechend reduzierte sich die Anzahl schwerverletzter Autoinsassen in den letzten 10 Jahren absolut als auch relativ zum übrigen Unfallgeschehen überdurchschnittlich stark.
Schwere Unfälle beim Velofahren nahmen tendenziell zu und sind in einem Drittel der Fälle verschuldet durch die Kollisionsgegner – meist Autofahrende.
Zusammengefasst: Zwischen 1945 und 1971 haben die Verkehrsunfälle stark zugenommen, nicht etwa, weil der «Verkehr» im Allgemeinen wuchs, sondern weil explizit Autos die Strassen eroberten. Seither sinken die Unfallzahlen wieder – jedoch nicht bei allen Nutzungsgruppen.
Im Gegensatz zu den Insassen von Personenwagen profitieren Velofahrende und Zu-Fuss-Gehende nicht von einer besseren Verkehrssicherheit. Durchgängige Velorouten und autofreie Quartierstrassen sind noch immer Ausnahmen und nicht die Regel, während in den ordnungsgemässen Zustand des Autonetzes jährlich Milliarden investiert werden.
Die Opferzahlen der schwächsten Personen im Strassenverkehr stagnieren auf dem Stand der Vorsiebzigerjahre.

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