Wenn Rot sich falsch anfühlt

Viele Velofahrende überfahren rote Ampeln. Nicht aus Leichtsinn, sondern oft aus Sicherheitsüberlegungen. Studien zeigen: Infrastruktur, Verkehrsfluss und subjektives Risiko prägen das Verhalten stärker als Regeln.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, 05.05.2026

Untersuchungen aus Deutschland zeigen, dass Rotlichtverstösse im Veloverkehr verbreitet sind. Dabei wird jedes fünfte Lichtsignal missachtet – häufig (in 5 Prozent aller Verstösse) verbunden mit Ausweichen auf das Trottoir.


Für die Schweiz gibt es dazu aktuell keine Daten. Dennoch zeigt der Blick in die Unfallstatistik: 2024 waren bei 3244 Kollisionen mit Velos lediglich 58 Unfälle auf Rotlichtmissachtung durch Velofahrende zurückzuführen (bei Total 52’022 Verkehrsunfällen). Damit bleibt das Phänomen vergleichsweise selten. 

 

  • Sicherheit statt Leichtsinn: Viele Velofahrende missachten rote Ampeln nicht aus Rücksichtslosigkeit, sondern aus situationsbedingten Sicherheitsüberlegungen («opportunistisches» Verhalten).
  • Schutz vor dem toten Winkel: Ein Frühstart oder das Rechtsabbiegen bei Rot hilft Velofahrenden, Kreuzungen zu räumen und dem gefährlichen toten Winkel von Lastwagen und Autos zu entkommen, bevor diese anfahren.
  • Vermeidung von Anfahrrisiken: Das langsame Weiterrollen anstelle eines kompletten Stopps verhindert Gleichgewichtsprobleme beim Anfahren (besonders bei Nässe, Steigungen oder mit Lastenrädern) und riskante Überholmanöver durch beschleunigende Autos.
  • Gute Wahrnehmung: Ohne Karosserie und durch die erhöhte Sitzposition können Velofahrende Verkehrssituationen oft besser akustisch und visuell einschätzen als Autofahrende.
  • Konflikt zwischen Regel und Realität: Obwohl das Überfahren von Rotlichtern (ohne spezielle RABR-Tafel) in der Schweiz verboten bleibt, passen viele Velofahrende ihr Fahrverhalten an ihr subjektives Sicherheitsgefühl an – besonders dort, wo die Infrastruktur als unzureichend empfunden wird. Internationale Studien (wie zur «Stop-as-Yield»-Regel) stützen, dass solches Verhalten Konflikte oft sogar reduziert.

Rücksichtslos oder sicherheitsbedacht?

Rotlicht-Überfahren gilt generell als rücksichtslos. Doch die Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Verkehrspsychologische Studien unterscheiden drei Typen von Rotlichtverstössen: «risk-taking», «opportunistic» und «law-obeying». Während erstere bewusst Risiken eingehen, handelt die zweite Gruppe situativ angepasst an die konkrete Verkehrssituation.


Gerade die «opportunistischen» Entscheidungen sind weit verbreitet. Untersuchungen zeigen, dass ein Teil der Verstösse nicht nur aus Effizienzgründen erfolgen, sondern auch Sicherheitsaspekte eine Rolle spielen, wenn Velofahrende das Rotlicht missachten.

Vermeidung von Gleichgewichts- und Startproblemen

Velos sind instabil im Stillstand und Anfahren braucht Zeit und Kraft. Ein vorsichtiges Weiterrollen anstelle des kompletten Anhaltens kann als kontrollierter und sicherer empfunden werden, besonders bei Nässe, bergauf, mit schwerem Lastenrad oder mit Kindern.

Bessere Übersicht und Wahrnehmung

Aufgrund ihrer erhöhten Sitzposition und ohne Karosserie um sich herum haben Velofahrende eine bessere visuelle und auditive Wahrnehmung im Verkehr als Personen hinter der Windschutzscheibe. Sie können oft besser einschätzen, ob eine Kreuzung gefahrlos überquert werden kann oder ein Halten notwendig ist.

Toter Winkel und Rechtsabbiegen bei Rot 

Warten bei Rot direkt neben Kraftfahrzeugen und insbesondere Lastwagen birgt die Gefahr, beim Anfahren Übersehen zu werden. Untersuchungen zum Rechtsabbiegen bei Rot (RABR) zeigen, dass die Minimierung der Zeit im toten Winkel einen Sicherheitsgewinn ist, da Velofahrende die Kreuzung bereits verlassen haben, bevor der motorisierte Verkehr losfährt. 

Die neue Regelung dient also nicht nur dem flüssigeren Vorwärtskommen für Velofahrende, sondern auch deren Sicherheit. Das Rechtsabbiegen bei Rot (RABR) war bereits vor der Legalisierung im Januar 2021 weit verbreitet. Das deutet darauf hin, dass viele Velofahrende die Regeln bereits vorher an ihre Sicherheitswahrnehmung angepasst haben.


Schnelleres Räumen der Kreuzung

Ein vollständiger Stopp führt dazu, dass Velofahrende beim Wiederanfahren deutlich mehr Zeit benötigen, um die Kreuzung zu verlassen. Doch das Anfahren im Pulk birgt Risiken. In manchen Situationen wird deshalb das langsame Rollen oder Queren bei freier Bahn als sicherer bewertet, um nicht als Hindernis zwischen anfahrenden Autos zu stehen. Autofahrende beschleunigen schneller und Überholen oft sehr knapp. Der Frühstart bei Rot wird als Möglichkeit betrachtet, besser gesehen zu werden und sicherer zu fahren. Wer mit dem Velo früher losfährt, schafft räumlichen Abstand, bevor Autos aufholen.

Mehr als nur ein Regelbruch

Untersuchungen zu sogenannten «Stop-as-Yield»-Regeln (bekannt aus den USA) legen nahe, dass solche Fahrweisen die Sichtbarkeit von Velofahrenden erhöhen, die Konfliktzeit mit Autos reduzieren und in einigen Fällen sogar mit weniger Unfällen an Kreuzungen verbunden sind. 


Zwischen Regel und Realität

In der Schweiz bleibt das Überfahren eines Rotlichts ohne RABR-Signaltafel aber verboten. Deshalb zeigt sich im Verkehr ein Widerspruch: Velofahrende bewegen sich oft im Spannungsfeld zwischen klaren Regeln und ihrem eigenen Sicherheitsgefühl. Denn wo Infrastruktur als unsicher erlebt wird, verliert eine Vorschrift wie das Rotlicht an Überzeugungskraft. Dazu zeigt die Statistik, dass Rotlichtverstösse von Velofahrenden im Promillebereich bewegen und nur einen kleinen Teil des Unfallgeschehens ausmachen, und selten andere Verkehrsteilnehmer gefährden.

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