Dominic Redli,
Autor
(redli@cyclinfo.ch)
News,
20.05.2021
Die Pandemie erschwert die Berufsbildung und die Lehrstellensuche. Wie ist die Situation in der Schweizer Fahrradbranche für angehende Velomechanikerinnen und Velomechaniker?
Dominic Redli,
Autor
(redli@cyclinfo.ch)
News,
20.05.2021
Ausbilden, um die Zukunft der Branche zu sichern – eine Pflicht der Fachbetriebe. (Foto: Patrick Züst)
Die Coronakrise löste einen Veloboom aus, der die Auftragsbücher der Schweizer Fahrradfachhändler reihenweise füllte. Dafür leidet die Ausbildung. Entsprechend gross waren die Befürchtungen, dass sich die Pandemie auch auf Jugendliche auswirken wird, die in diesem Jahr eine Lehrstelle suchen. Die neusten Zahlen des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation zeigen aber: Im vergangenen Jahr wurden sogar mehr Lehrverträge abgeschlossen als noch 2019.
Erfreulich ist für die schon länger unter Personalknappheit leidende Schweizer Velobranche, dass auch die Zahl der Fahrradmechaniker in Ausbildung angestiegen ist, wenn auch nur leicht: von 143 im Jahr 2019 auf 147 in 2020. Das teilt der Berufsverband 2rad Schweiz auf Anfrage mit. Zudem sei auch die Anzahl der Ausbildungsbetriebe tendenziell zunehmend.
Dies sei mit ein Grund für die steigenden Lernendenzahlen. Die genaue Zahl der neuen Ausbildungsbetriebe erhebt 2rad Schweiz nicht. Bei einer Stichprobe Anfang des Jahres zeigte die vom Verband betriebene Informationsplattform zweiradberufe.ch 348 Fahrradlehrbetriebe an.
Wie sich die Situation 2021 auf die Anzahl Lehrlinge auswirkt, kann 2rad Schweiz erst abschätzen, wenn die Schulen ihre Zahlen bekannt geben. «Die Ausbildungsbetriebe melden allerdings nicht, dass sie wegen der Krise keine oder weniger Lehrstellen anbieten würden», heisst es vom Verband.
Klar ist: Um den Nachwuchs zu sichern, sind vor allem die Betriebe in der Pflicht, auszubilden. In diesem Zusammenhang spricht der Berufsbildungsobmann von 2rad Schweiz, Roland Fischer ermunternde Worte:
«Unsere aktuelle Bildungsverordnung ermöglicht es neuen Betrieben, in die Ausbildung einzusteigen, weil die Bildungsinhalte mit den Themen ‹E-Bike›, ‹elektronische Komponenten›, ‹Bekleidung und Zubehör› sehr gut auf die heutigen Marktbedürfnisse angepasst sind.»

Nicht alle Lernenden sind so gut ausgerüstet wie diese junge Frau. Das machte de Fernunterricht für die zukünftigen Velomechanikerinnen und Velomechaniker nicht einfach. (Foto: janeb13, Pixabay)
Während die Coronakrise sich bislang kaum auf die Lehrlingszahl auswirkt, hat sie für die Ausbildungssituation der Jugendlichen durchaus Folgen. So waren im ersten Shutdown im vergangenen Jahr jegliche Präsenzveranstaltungen an Schulen untersagt. Deshalb wurde auf Fernunterricht umgestellt. Eine Herausforderung für alle Beteiligten: Die Lehrpersonen mussten sich innert Kürze mit webbasierten Lehrmitteln vertraut machen, während Lernende Selbstdisziplin und -organisation aufbringen mussten.
Dass Fernunterricht überdies für die praxisorientierte Ausbildung von Fahrradmechanikern nicht ideal ist, versteht sich von selbst. Hinzu kommt, dass es zuweilen an der dafür nötigen Infrastruktur fehlte. Nicht alle Lernenden verfügten zuhause über einen eigenen Computer, unbegrenzten Internetzugang sowie ausreichend PC-Kenntnisse, um auf die Schnelle für Distance Learning bereit zu sein.
Dazu sagt Roland Fischer: «Die einzelnen Berufsschulen haben Distance Learning mit unterschiedlichem Tempo umgesetzt. Jene, die bereits sogenannte ‹BYOD›-Klassen haben, in die Lernende ihre persönlichen Laptops mitbringen, waren sicherlich schneller bereit.» Mittlerweile hätten alle Schulen nachgebessert.
René Horber, der an der Berufsbildungsschule Winterthur Fahrradtechnik unterrichtet, sagt, es sei eine grosse Herausforderung gewesen, alle Lernziele unter diesen Umständen zu erreichen. Das Thema «Federgabel» etwa habe er mit seinen letztjährigen Abschlussklassen aus der Distanz behandeln müssen.
«Im Fernunterricht entfällt die haptische Wahrnehmung komplett. Darunter leidet auch der Entdeckergeist der Lernenden»
René Horber, Berufsbildungsschule Winterthur
Grundsätzlich nutzt Horber in den Schulstunden viel Demomaterial, um seinen Klassen Theoretisches – wie etwa das Hebelgesetz anhand eines Bremsgriffes – zu erläutern, wie ihm wichtig ist, zu erwähnen. «Im Fernunterricht entfällt die haptische Wahrnehmung aber komplett. Darunter leidet auch der Entdeckergeist der Lernenden», gibt er zu bedenken. Dass unter diesen Umständen gerade bei schwächeren Schülern zum Teil Defizite entstanden sind, die sich erst später in der Praxis zeigen, schliesst Horber nicht aus.
Deshalb hat er sich dafür eingesetzt, dass im zweiten Shutdown nur die Klassen des zweiten Lehrjahres aus der Ferne unterrichtet werden. Möglich war dies, weil die Bildungsdirektion des Kantons Zürich – wiederum mit wenig Vorlaufzeit – die Weisung erlassen hatet, dass an den Berufsschulen die Anzahl der Schüler im Präsenzunterricht per 1. Februar um rund die Hälfte zu reduzieren sei.
Die Pandemie hat sich auch auf die Lehrabschlussprüfungen 2020 ausgewirkt. So wurden verkürzte praktische Arbeiten durchgeführt, um die vorgeschriebenen Schutzmassnahmen einhalten zu können. «Die Prüfung wurde dadurch sicher nicht leichter, denn weniger Aufgaben verzeihen weniger Fehler», erklärt Berufsbildungsobmann Fischer. Die schriftlichen und mündlichen Prüfungen entfielen gänzlich. Gezählt wurden die Erfahrungsnoten.
Dass dies nicht allen Lernenden entgegenkam, berichtet Christine Wylenmann, Inhaberin der 2Rad-Shop GmbH, Prüfungsexpertin für 2rad Zürich und ÜK-Leiterin:
«Zuweilen sind die Jugendlichen enttäuscht gewesen, dass sie nicht unter Beweis stellen durften, was sie alles gelernt haben.»
Für die LAP 2021 laufen die Vorbereitungen, sagt Roland Fischer. Wie im Vorjahr auch muss 2rad Schweiz dafür ein Konzept mit verschiedenen Möglichkeiten ausarbeiten und vom Bund absegnen lassen, wobei die Ungewissheit über die Coronasituation im Sommer hineinspielt. Im Moment sieht es danach aus, dass die Schlussprüfungen normal stattfinden werden, so Fischer.
Der Kurzfilm erläutert die Berufslehre Fahrradmechaniker/in EFZ. Wer Freude an der Technik habe, gerne im Team arbeite und Spass daran finde, die Kundschaft zu beraten, bringe gute Voraussetzungen für diesen Beruf mit, heisst es bei 2rad Schweiz.
Zusätzlich erschwert die Coronapandemie sowohl die Berufswahl der Jugendlichen als auch die Lehrlingsrekrutierung der Betriebe: Weniger Schnuppermöglichkeiten, Bewerbungsgespräche mit Maske oder per Videotelefon sowie abgesagte Berufsmessen helfen dabei nicht.
Auch die Schweizer Berufsmeisterschaften SwissSkills 2020 wurden um zwei Jahre verschoben. Ersatz bot die im letzten Herbst durchgeführte «SwissSkills Connect». Dabei gaben die Berufs-Champions in Live-Videochat-Gesprächen Einblick in ihren Arbeitsalltag. Stellvertretend für die Fahrradgilde stand Sandra Schmied von Thömus Rede und Antwort. Laut den Organisatoren wurde das Digitalangebot rege genutzt. Dennoch verfügt dieser Event kaum über dieselbe Strahlkraft wie sein physisches Pendant. Gerade deshalb ruft 2rad Schweiz die Betriebe auf, auch in der Krise Schnupperlehren anzubieten.
Das an schweizweit 315 Sekundarschulen durchgeführte Projekt «Lift» bietet Potenzial für die Lehrlingssuche. Das Ziel dieses Integrationsprogramms ist es, weniger begünstigte Jugendliche frühzeitig auf den Berufseinstieg vorzubereiten.
Ausser Letzteren bietet das an schweizweit 315 Sekundarschulen durchgeführte Projekt «Lift» Potenzial für die Lehrlingssuche. Das Ziel dieses Integrationsprogramms ist es, weniger begünstigte Jugendliche frühzeitig auf den Berufseinstieg vorzubereiten. Es ermöglicht Schülern mit ungenügenden Leistungen, Motivationsproblemen oder unzureichender Unterstützung des Umfelds bereits ab der siebten Klasse über mehrere Monate ein paar Stunden pro Woche in einem Gewerbebetrieb mitzuarbeiten.
Dabei haben die Betriebe die Gelegenheit, das Potenzial der jungen Leute zu ergründen. Die Jugendlichen werden von Lehrkräften für «Lift» ausgewählt und durch Fachpersonen der Schule auf ihre Einsätze vorbereitet und begleitet. Diese erfolgen auf freiwilliger Basis in der schulfreien Zeit.
Laut Geschäftsleiterin Gabriela Walser haben gewisse Schulen «Lift» wegen der Pandemie zwar ausgesetzt, die Schüler und ihre Eltern seien aber weiterhin motiviert. Auch rund 50 Velofachbetriebe sind Teil des Projekts. Einer davon ist Christine Wylenmanns 2Rad-Shop. «Lift»-Schüler verrichten bei Wylenmann einfache Aufgaben, wie Abfallentsorgen, Auspacken von Bestellungen oder bei Wartungen anfallende Reinigungsarbeiten.
Zwar habe sich in den letzten drei Jahren keiner der «Lift»-Schüler zu einer Lehre bei ihr entschieden, dennoch empfiehlt Wylenmann das Projekt anderen Händlern weiter. Denn die Jugendlichen seien nicht weniger fähig, als alle anderen, die bei ihr im 2Rad-Shop schnupperten.

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