Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
Hintergrund,
01.05.2026
Tausende Kilometer Veloland-Routen durchziehen die Schweiz, signalisiert mit roten Wegweisern. Wie sie dorthin kommen, zeigt ein Besuch auf Montage am Bodensee.
Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
Hintergrund,
01.05.2026
Im Frühling steigt Markus Stampfli besonders oft auf die Leiter, um Velowegweiser für die bevorstehende Saison zu erneuern. (Fotos: Velomedien, Aline Künzler)
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«Ah, das Wetter wird schön!», scherzt eine Passantin. Tatsächlich: Die Temperaturen sind frühlingshaft warm, erste Gänseblümchen schmücken die Wiese am Rorschacher Hafen. Hoch auf die Leiter steigt Markus Stampfli vom Velokurier St. Gallen. Für ihn und seinen Kollegen Adrian Gerber beginnt jetzt die Hochsaison. Gutes Wetter und die warme Jahreszeit bedeuten für die zwei nämlich eines: Veloschilder montieren.
Die beiden sind im ganzen Kanton St. Gallen unterwegs mit Leiter, Akkuschrauber und Tablet. Ihre Arbeit macht sichtbar, was viele als selbstverständlich wahrnehmen: Die roten Wegweiser entlang der Veloland-Routen von Schweiz Mobil. Mehr als 11’000 Kilometer umfasst dieses Netz für das Velowandern landesweit. Über die ganze Schweiz verteilt, vom Gebirgspass bis zum doppelspurigen Kreisel, weist insgesamt eine sechsstellige Zahl an «roten Schildli» Velofahrern und Mountainbikerinnen den Weg.
So auch am Rorschacher Hafen, wo Veloreisende dank erneuerter Beschilderung bald wissen, wie weit es bis Bregenz in Österreich oder ins benachbarte Romanshorn ist. Erst aber legen Gerber und Stampfli die neuen Schilder in der entsprechenden Reihenfolge auf dem Rasen aus. «Zuoberst werden nationale Routen mit einstelligen Nummern ausgeschildert, dann folgen regionale und lokale Routen mit zwei- oder dreistelligen Bezeichnungen.» Nichts ist dem Zufall überlassen. Auch die Höhe der Schilder ist klar definiert. Auf mindestens 2,6 Meter klettern die Velokuriere für die Montage hoch. Daher sind sie stets zu zweit unterwegs. Während Stampfli mit dem Akkuschrauber die Schrauben festzieht und anschliessend von Hand kontrolliert, stützt Gerber von unten mit einer Haltestange. Zusammen richten sie die Schilder zum Schluss präzise aus. Ebenso exakt dokumentiert Gerber die Arbeit per Tablet und hält den Standort fotografisch fest.
Ordnung muss sein: Vor der Montage werden die Schilder in der richtigen Reihenfolge auf dem Rasen ausgelegt.
Wo die Veloland-Wegweiser platziert sind, beruht ebenso wenig auf Zufall wie deren Reihenfolge auf den Masten. Die Planung von neuen Routen beginnt oft Monate oder Jahre bevor die Velokuriere ausrücken. «Im Juli muss ein Projekt weitgehend geklärt und konsolidiert sein, wenn es im nächsten Frühling signalisiert und via Schweiz Mobil kommuniziert werden soll», erklärt Lukas Stadtherr, Mitglied der Geschäftsleitung von Schweiz Mobil. Oft dauert der Planungsprozess aber deutlich länger; bis zu fünf Jahre, etwa wenn Finanzierungen oder Grundeigentümerfragen geklärt werden müssen.
Die Stiftung Schweiz Mobil koordiniert die derzeit rund 120 Veloland-Routen gemeinsam mit Kantonen, Tourismus- und Fachorganisationen. Vor Ort wird das Netz meist von den lokalen Werkhöfen umgesetzt und gewartet. Der Kanton St. Gallen hat diese Arbeit an die «Arbeitsgruppe Velo Link» delegiert. Dies ist eine Zusammenarbeit zwischen Pro Velo St. Gallen Appenzell und dem Velokurier St. Gallen. Die veloverständigen Partner können bei der Routenplanung mitdenken und das Netz aus Sicht der Menschen im Sattel aufwerten. «Wir entscheiden nie allein», sagt Stadtherr. Ziel sei immer ein Netz, das zuverlässig, durchgehend und attraktiv ist. Die Routen sollen «die schönsten Wege» zeigen und Empfehlungen für das Velofahren in der Freizeit sein.
Davon profitieren auch die beiden St. Galler Monteure. «Unsere Arbeit führt uns automatisch an schöne Örtli», gewinnt Gerber auch beschwerlichen Schilder-Transporten Positives ab. Wo die zwei mit ihrem Auto anstehen, geht es nämlich zu Fuss weiter, Schilder und Werkzeug im Rucksack. Was von unten unscheinbar wirkt, hat aber Gewicht. «Die Schilder sind schwerer, als man denkt», beteuert Stampfli. Immerhin sind die roten Wegweiser bis zu 1,2 m lang. Ein ganzer Stapel davon kann deshalb auch kaum per Velo transportiert werden, weshalb die Mitarbeitenden des Velokurier St. Gallen wider Erwarten meist nicht zweirädrig unterwegs sind. Dafür fahren sie in ihrer Freizeit umso mehr Velo. Sie sind auf dem Renn- und Reiserad, aber auch mit Polovelo oder Mountainbike anzutreffen. Beide fahren oder fuhren zudem Schichten beim Velokurier St. Gallen. Dabei transportieren sie Laborproben, dringende Dokumente oder Mittagsmenus für Kitas, wodurch sie Stadt und Umgebung wie ihre Westentasche kennen. Das bereichert auch die Veloland-Routen. «Wenn wir eine schön gelegene Besenbeiz kennen, weisen wir darauf hin», sagt Gerber. Kleine Anpassungen an der Routenführung sind möglich, solange sie ins Gesamtkonzept passen.
Die Leiter gehört zur Arbeitsausrüstung: Mindestens 2,6m über Boden müssen die Wegweiser montiert werden.
«Das Veloland soll besser und schöner werden», erklärt Stadtherr. Insbesondere für Familien und Einsteiger seien die Hürden für sicheres und attraktives Velofahren derzeit noch zu hoch. «Hier geht es nicht um Leistungssport», pflichtet Markus Stampfli bei. Er freut sich, durch seine Arbeit anderen das Velofahren zu erleichtern und sie zu inspirieren. «Velokuriere finden immer einen noch schnelleren Weg und würden wohl am liebsten die Autobahn rot beschildern», geben die Kuriere aber zu bedenken.
Deshalb schlüpfen Gerber und Stampfli bewusst aus ihrer Rolle der vom Zeitdruck getriebenen Kuriere und wollen die Velorouten aus Sicht der Geniesser sehen. Gleichzeitig freuen sie ich über jedes zusätzliche Schild, insbesondere im urbanen Raum. «Wir montieren die Schilder auch für Autofahrer», erklärt Stampfli. Für ihn bringt die Beschilderung generell Sichtbarkeit für das Velo im öffentlichen Raum mit sich.
An abgelegenen, naturbelassenen Standorten versuchen die Monteure hingegen, sparsam zu beschildern. «Schliesslich sind unsere Schilder invasiv», gibt Gerber zu bedenken. Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Standorten sind auch für die Stiftung Schweiz Mobil bedeutend. Die Planung im urbanen Raum ist viel komplexer, es braucht aufgrund der hohen Strassendichte ein Vielfaches an Schildern. Kein Wunder, unterschieden sich auch die Signalisationskosten pro Veloland-Kilometer stark und variieren zwischen 500 und 1500 Franken.
Ein wichtiger Beitrag, um «Velofahrende auf Basis der bestehenden Strassen und Wege auf infrastrukturell möglichst hochwertigen Verbindungen durch attraktive Umgebung zu führen», wie Stadtherr zusammenfasst.
«Kuratiert, nicht katalogisiert» gilt für Schweiz Mobil auch online. In der App sind sämtliche Routen dokumentiert und mit rund 130’000 Fotos bestückt. Diese Bilder sind «geprüfter Content und zeigen die Routen repräsentativ», erklärt Stadtherr. Im Gegensatz zu anderen Anbietern werden Tourenempfehlungen nicht aus der Community oder von zahlenden Nutzern hochgeladen, sondern von Schweiz Mobil selbst erarbeitet und gemeinsam mit zahlreichen Partnern abgestimmt. Stadtherr ist überzeugt, dass «in einem zu nehmend unübersichtlichen Angebot mit zahlreichen Empfehlungen und Plattformen» die kuratierten Routen von Veloland Schweiz auch künftig ihren wichtigen Platz haben. Darin eingeschlossen: die mit viel Arbeit montieren «roten Schildli». «Digitale Hilfsmittel gewinnen an Bedeutung, haben aber keine substituierende Wirkung», ist sich Stadtherr sicher. Er sieht in der physischen Beschilderung eine Art «Digital Detox» und ist sich sicher, dass es gerade beim Velofahren gefragt ist, nicht auf den Bildschirm schauen zu müssen. So haben die Veloland-Routen denn auch den Anspruch, dass sie allein mithilfe der physischen Beschilderung gefahren werden können, ohne zusätzliche Hilfsmittel. Oder wie es Markus Stampfli und Adrian Gerber ausdrücken: «Kopf abschalten und fahren.»
Damit das in der Praxis tatsächlich funktioniert, befahren die zwei Velokuriere und ihre Arbeitskolleginnen sämtliche Routen im Kanton regelmässig. Rund 1000 Kilometer pro Jahr sind dies für Velo Link; per Velo, versteht sich von selbst. Nur so kann die Signalisationsperspektive der Nutzerinnen und Nutzer eingenommen und praxisnah auf ihre Funktionalität geprüft werden. Im Rahmen solcher Befahrungen werden auch Schäden an den Schildern dokumentiert. «Vandalismus, vor allem Sticker von Fussball- und Eishockey-Clubs, sind der Hauptgrund für Beschädigungen», weiss Adrian Gerber aus Erfahrung. Ansonsten ist die UV-Strahlung grösste Feindin der «roten Schildli». Nach rund zehn Jahren ist die Beschilderung ausgebleicht und wird ersetzt. Bestenfalls wird das Material wiederverwertet: «Mit Velo Link in St. Gallen sind wir schweizweit die Einzigen, die Schilder recyclen», sagt Stampfli stolz. Velo Link lässt unbrauchbare Schilder sandstrahlen und frisch pulverbeschichen. Die Kleber mit Piktogrammen, Routennummern und Zielbeschriftung werden vom Kurierunternehmen aufgebracht.
Nicht nur die Kleber, sondern auch die Schilder am Rorschacher Hafen sind nun parat für die Velosaison. Mit prüfendem Blick und einigen Klicks auf dem Tablet kontrollieren die Velokuriere ihre Arbeit: 16 Kilometer nach Romanshorn auf der nationalen Nummer 2 und 32 Kilometer auf der regionalen Bodensee-Route bis nach Bregenz in Österreich waren es heute.
Veloland Schweiz mit seinen rund 11’000 Kilometer signalisierten Velorouten in der ganzen Schweiz ist Teil von Schweiz Mobil. Insgesamt gibt es über 120 Routen, darunter 9 nationale Routen und 54 regionale Routen im Mehrtagesbereich sowie zahlreiche lokale Routen für kürzere Ausflüge. Neben Veloland umfasst das Angebot auch Wanderland, Mountainbikeland, Skatingland, Kanuland sowie Winterangebote. → veloland.ch

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