Immer die Spur halten

Jan Fehr kombiniert seine Skitouren mit dem Velo. Diese Art von Ausflügen per Velo-Huckepack auf Ski ist selten und anspruchsvoll. Wie macht er das?

Pete Mijnssen ist Chefredaktor des Velojournals.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
News, 17.11.2023

«Die Idee entstand während der Corona-Pandemie, die mich beruflich stark involvierte und forderte. Zugleich beengten die zeitweise erheblichen Einschränkungen meinen Bewegungsdrang.

Das Fernweh rief, aber Auslandreisen waren nicht möglich. Also suchte ich in den abgeschiedenen Schweizer Gegenden die sportlichen Herausforderungen und das Ausspannen in der Natur.

In der Übergangsphase im Frühling 2021 fiel mir der Entscheid schwer, mich für die Ski oder das Velo zu entscheiden. So entschloss ich mich, meine zwei Passionen Velo- und Tourenskifahren zu verbinden: konsequent eine Linie von A nach B fahren, mit eigener Muskelkraft. Komme, was wolle.

Was bedeutet: Wenn der Lukmanier offen und nicht schneebedeckt ist, überquere ich ihn mit dem Velo. Wenn der nächste Pass schneebedeckt ist, dann heisst es: Abbauen, Ski an die Füsse, Velo auf den Rücken und dann wieder auf den Ski ins Tal.

Das filetierte Velo

Mein Gravelbike wiegt nur etwa 8 Kilo. Hinzu kommen ein grosser Tourenrucksack und die Tourenski. Alles in allem sind das gut 20 Kilo Gepäck. Lange habe ich daran herumgetüftelt, wie die Ski am Velo zu befestigen sind, und später, das Velo auf den Rücken zu schnallen.

Dafür muss ich das Bike zuerst auseinanderbauen, um es kompakt an den Rucksack zu bringen. Dafür filetiere ich das Velo: Zuerst kommen die Räder weg, der Rahmen kommt an den Rucksack.

Das ist wie das Schichten einer Lasagne, ein Rad, dann das nächste Rad. Damit das Ganze nicht instabil wird, muss alles gut festgezurrt werden. Das Velo darf auch keinen Schaden nehmen, zum Schutz verwende ich zwischen den Schichten einen alten Molton.

Trotz Vorabplanung merkt man ja erst unterwegs, was nicht funktioniert. Zum Beispiel muss die Kassette zusammenbleiben, und die Ritzel sollten nicht von der Kassette fallen. 

«Die grösste Herausforderung ist die Mise en Place: das Velo umzubauen, das ganze Gepäck im Rucksack auszutarieren, sodass alles stimmt, gut verteilt ist und nichts drückt.»

Jan Fehr

Wichtig ist zudem, das Gepäck in der Linie der Wirbelsäule zu verstauen, damit ich eine gute Balance finden kann: Das hilft beim Bergaufgehen, vor allem aber auch bei der Skiabfahrt. Die Muskelgruppen des Rückens sollten möglichst symmetrisch belastet werden.

Die Rucksack-Bepackung erfolgt nach dem Motto ‹reduce to the max›: nur das Nötigste, auch bei den Kleidern und dem Werkzeug.

So habe ich nur ein Kleidungsset zum Velo- und Skitourenfahren dabei.

Einzig bei den Schuhen geht das nicht, Velo- und Skischuhe gibts nicht als Kombi.

Zu Beginn habe ich für die Anfahrten die Skischuhe im Rucksack verstaut, nun befestige ich sie an der Gabel. So kann ich die Skischuhe auch gleich noch mit Ausrüstung füllen und halte den Schwerpunkt am Bike tief.

Vorbereitung ist alles

Die grösste Herausforderung ist die Mise en Place: das Velo umzubauen, das ganze Gepäck im Rucksack auszutarieren, sodass alles stimmt, gut verteilt ist und nichts drückt. Das Hinauflaufen ist streng, geht aber erstaunlich gut. Das technisch Anspruchsvollste ist die Abfahrt. Ich muss im Gelände die Spur finden, sie mit viel Gewicht – und Schwungmasse – am Rücken halten und sollte möglichst nicht stürzen. 

Ski- und Velofahren gehören seit frühester Kindheit zu meinen Passionen: In den Schulferien begann ich jeweils damit, das Velo auseinanderzubauen. So habe ich die Technik kennengelernt. Andere haben ihre Töffli frisiert, ich habe mein Velo zerlegt. So ist das Velo zu meinem steten Begleiter geworden, es hängt auch im Büro hinter mir.

Die erste Tour führte von Andermatt nach St. Moritz. Auf dem Oberalppass durfte ich das Velo im Restaurant Calmot deponieren, was mir erlaubte, auch noch einen Gipfel zu besteigen und richtig tief in die Bergwelt einzutauchen. Wenn ich allein bin, besteige ich aus Sicherheitsgründen einfachere Gipfel. Ich melde mich an, wenn ich eine Hütte besuchen will, studiere die Schneekarten, das Wetter und das Lawinenbulletin. So, wie man sich auf jede Skitour vorbereitet.

«Eigentlich verdiente das Velo einen Nobelpreis.»

Jan Fehr

Diese Art, mit Velo und Ski die Alpen zu überqueren, hat mir eine neue Welt eröffnet. Es ist aber auch nicht ganz ohne. Abgesehen von Kondition und Kraft stehen Handfertigkeit sowie gute Fahrtechnik bei beiden Fortbewegungsmitteln bei ganz unterschiedlichen Bedingungen zuvorderst.

Um die richtige Spur zu finden, muss ich verstehen, wie sich Wetterverhältnisse und Schneebedingungen verändern. Dafür werde ich mit unvergesslichen Erlebnissen belohnt, wie ich sie sonst nur in Kirgisien mit dem Velo erlebte: absoluter Ruhe. Die geschlossenen Pässe, kein Verkehr, keine Menschen weit und breit. Aber auch etwa eine wunderbare Minestrone in der höchstgelegenen Enothek Italiens, nach einer beschwerlichen Splügenpassüberquerung, im Albergo della Posta in Montespluga.

Sinnbild für eine bessere Welt

Als Infektiologe an der Universität Zürich beschäftigt mich, wie wir als Menschen präventiv auf Situationen einwirken können, die uns auf dem falschen Fuss erwischen, wie etwa eine Pandemie.

So wie der Mensch die Umwelt gestaltet hat, hat es massive Folgen für die Welt. Da ist das Velo eine spannende umweltschonende Alternative zum motorisierten Verkehr. Aber auch für die Gesundheit. Viele Krankheiten heute stehen im Zusammenhang mit zu wenig Bewegung.

Eigentlich verdiente das Velo einen Nobelpreis: die Idee, dass man auf zwei Rädern eine Spur findet, im Gleichgewicht!» 

Jan Fehr 

Er ist Leiter des Departements Public & Global Health an der Universität Zürich und gründete mit seinem Team während der Pandemie das erste Referenz-Impfzentrum im Kanton Zürich.

In seiner Freizeit ist er mit Velo und Ski unterwegs. Nächstes Ziel: von Nord- nach Südbünden über den Berninapass, Poschiavo, den Passo di Val Viola nach Bormio, via Umbrail zurück in die Schweiz.

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