Eine Stadt auf der Jagd nach Velofahrenden

Die Critical Mass in Zürich ist zu einem Katz-und-Maus-Spiel geworden. Die Reaktion von Stadtregierung und Polizei auf ein wichtiges Anliegen zeigt, dass die Stadt alles andere als velofreundlich ist.

Bettina Maeschli

Bettina Maeschli, Autorin (maeschlib@hotmail.com)
Kommentar, 31.08.2023

Es war ein unwürdiges Schauspiel am letzten Freitagabend im August. Wenige Velofahrende wollen sich auf dem Bürkliplatz zur allmonatlichen Critical Mass versammeln. Eine massive Polizeipräsenz verhindert dies. Die Polizisten weisen die Velofahrenden konsequent weg. Auf der Rathausbrücke ist eine Kundgebung bewilligt, dorthin bewegen sich wenige Dutzende Velofahrende.

Umstellt von Kastenwagen und Velopolizisten in Leuchtwesten passiert eine Weile nicht viel. Ein Polizist des Dialogteams erklärt einer Touristin in holprigem Englisch, dass diese Aktivisten eine Stadt ohne Autos möchten. Ein interessantes Fazit einer doch sehr heterogenen Bewegung.

Dann tut sich etwas. Eine kleine Gruppe von Velofahrenden fährt los. Sofort sind ihnen die Velopolizisten und drei Kastenwägen auf den Fersen. Wir verpassen die Abfahrt. Und fährt sonst die Critical Mass gemütlich durch die Stadt, ist die Gruppe so schnell weg, dass wir sie nicht mehr finden. So geht es weiter an diesem gewittrigen August-Abend. Kleine Gruppen von Velofahrenden radeln durch die Stadt, verfolgt von Polizisten auf Velos und in Polizeiautos.

«Der Stadtrat spricht zwar viel vom Velo und setzt hehre Ziele, doch bleiben diese meist Lippenbekenntnisse. Die schweren Unfälle sind schnell vergessen.»

Zürich ist ein hartes Pflaster für Velofahrende. Dies wissen alle, die das Velo als Fortbewegungsmittel in der Stadt benutzen. Radwege lösen sich an Engstellen plötzlich in Luft auf. Velos werden gerne im Mischverkehr auf Trottoirs geführt. In den letzten Jahren gab es zu viele tote und schwer verletzte Velofahrerinnen bei Unfällen mit Lastwagen. Der Stadtrat spricht zwar viel vom Velo und setzt hehre Ziele, doch bleiben diese meist Lippenbekenntnisse. Die schweren Unfälle sind schnell vergessen.

Vorzeigeprojekte wie die Velovorzugsroute an der Baslerstrasse werden von den Velofahrenden harsch kritisiert. Da die Stadt es nicht schaffte, diese autofrei oder zumindest autoarm zu planen, verstopfen bei Feierabendverkehr Autoschlangen diese Schnellrouten für die Velofahrenden und verhindern ein zügiges Vorwärtskommen.

«Energisches Handeln zugunsten der Velofahrenden, die notabene das effizienteste Verkehrsmittel von allen nutzen, ist Wunschdenken.»

Die Stimmbevölkerung hat die Initiative für sichere Velorouten zwar mit über 70% angenommen. Diese verlangt, dass diese von Autos und Töffs befreit sind. Doch die Stadt denkt nicht dran, das umzusetzen. Auch die weiteren Velovorzugsrouten wie an der Mühlebachstrasse werden nicht autofrei werden. Pro Velo fürchtet gar, dass es nach der Umsetzung zu Mehrverkehr von Autos kommt. Denn die Aufhebung des Rechtsvortritts wird die Route auch für den motorisierten Verkehr attraktiver machen. Einsprachen von Pro Velo wurden von der Stadt aber abgelehnt.

Zürich landet im Städteranking der Velofahrenden zuverlässig auf den hintersten Rängen. Das sollte der Stadt zu denken geben. Doch energisches Handeln zugunsten der Velofahrenden, die notabene das effizienteste Verkehrsmittel von allen nutzen, ist Wunschdenken.

Energisch gehandelt wird nur, wenn es darum geht, die Critical Mass zu verhindern. Eine Stadt wie Zürich sollte eine Critical Mass aushalten können. Eine links-grüne Stadtregierung jedoch, die, statt den Veloverkehr mit allen Mitteln zu fördern, nichts Besseres weiss, als am Freitagabend Jagd auf Velofahrende zu machen, kann man nicht velofreundlich nennen.

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