Velowende: Was die Schweiz von Paris lernen kann

Rund 240 Fachleute diskutierten am Veloforum über den kürzesten Weg zum Veloland Schweiz. Der Pariser «Velo-Architekt» Christophe Najdovski demonstrierte, was sich bewegen lässt, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
News, 24.09.2026

Bundesrat Albert Rösti war bei der vierten Austragung des nationalen Veloforums erstmals physisch präsent. Der Verkehrsminister bezeichnete das Velo in seiner Rede als «Riesenvorteil im Nahverkehr» sowie als effizientestes Verkehrsmittel auf kurzen und mittleren Distanzen. 

Er bekräftigte das Ziel der Roadmap Velo, die Anzahl der gefahrenen Velokilometer bis 2035 zu verdoppeln, plädierte für etwas mehr Geduld und hielt einmal mehr fest, die Schweiz sei bei der Umsetzung des Veloweggesetzes gut unterwegs. «Mittlerweile haben alle Kantone eine Velofachstelle, und bis auf zwei oder drei sind auch alle Kantone auf Kurs.» 

Rösti, dessen «Verkehr45»-Plan gleichentags vom Parlament zerzaust wurde, konnte in diesem Kreis damit etwas Punkte sammeln, obwohl das Velo im Zukunftsszenario «Verkehr45» nur in den Agglomerationsprogrammen auftaucht.

Erstmals alle Parteien anwesend

Um die Rolle des Bundes ging es auch in der «Velefantenrunde», wo erstmals alle Parteien vertreten waren. Lisa Mazzone (Präsidentin Grüne), Philipp Matthias Bregy (Präsident Die Mitte), Jürg Grossen (Präsident GLP), Benjamin Mühlemann (Co-Präsident FDP), David Roth (Vizepräsident SP) und Henrique Schneider (Generalsekretär SVP). 

Mit Ausnahme von Schneider («Veloförderung ist keine Priorität der SVP») war sich die Runde einig, was die Ziele bezüglich Roadmap Velo und Umsetzung des Veloweggesetzes betrifft. Bei der Frage, auf welchem Weg diese Ziele erreicht werden sollen, traten hingegen grosse Unterschiede zutage. Für Mazzone, Roth und Grossen sollte der Bund mehr Verantwortung übernehmen. Für Bregy bräuchte es weniger Ideologie, dafür steuerliche Anreize. Mühlemann wiederum plädiert für bessere Rahmenbedingungen anstelle von Vorschriften.

Paris: Von 40'000 Autos auf null 

Christophe Najdovski, bis 2026 Vize-Bürgermeister von Paris, zeigte auf, was sich innert weniger Jahre erreichen lässt. Im Zentrum stand die Umgestaltung des öffentlichen Raums: «Ein Auto befördert in 90 Prozent der Fälle nur eine Person. Für uns war schnell klar, dass Fussgängerinnen und Fussgänger, Velofahrende und der öffentliche Verkehr mehr Platz bekommen müssen.» 

So wurde etwa die 3,3 Kilometer lange Schnellstrasse am rechten Seine-Ufer – täglich von über 40'000 Autos befahren – von einem Tag auf den anderen zur Fussgängerzone. Inzwischen schreitet die Umgestaltung der Metropole voran, wie die eindrückliche Präsentation zeigte (Beispiele Rue Pasteur/Place de Catalogne). Die Nutzung der Pariser Radwege nahm zwischen 2016 und 2020 um 166 Prozent und bis 2025 neuerlich um 47 Prozent zu. Paris dürfte inzwischen punkto Tempo in der Top 3 sein, neben Kopenhagen und Amsterdam. Najdovskis Fazit: «Es funktioniert, wenn man es will.»

Kann die Schweiz, was Paris vormacht? 

Michael Liebi, Präsident der Velokonferenz Schweiz, stellte fest, dass mit dem Veloweggesetz die Grundlagen für die Veloschweiz gelegt sind. Nun brauche es aber die richtige Planung und er warnte vor Kleindenken: «Wenn wir das Velo als Nische planen, erhalten wir Nischenlösungen. Denken wir das Velo gross, erhalten wir bessere Städte und Gemeinden.» Und gegen Westen schauend warnte er vor Ausreden: «Wir sind nicht Paris» sei naheliegend, aber vor diesem Hintergrund der falsche Gedanke. Ans Fachpublikum gewandt, rief er: «Planen Sie für die 11-jährige Laura!» 

Der Stadtberner Verkehrsdirektor Matthias Aebischer kündigte an, die im innerschweizerischen Vergleich gut dastehende Veloinfrastruktur der Bundesstadt rot einfärben zu wollen. Beim Bollwerk soll wie bereits auf der Lorrainebrücke eine Autospur zugunsten des Veloverkehrs abgebaut werden.

Kritische Stimmen aus dem Publikum 

Man mache nun weiter mit der Umsetzung des Masterplans Velo, er könne aber auch mit «Zwischen- und pragmatischen Lösungen» leben. Kritische Stimmen aus dem Publikum bemängeln hingegen, dass in Bern nun wieder die alte Diskussion aufkomme, mit der die Umverteilung der Verkehrsflächen zwischen Fussgängern und Veloverkehr und nicht auf Kosten des motorisierten Individualverkehrs geführt werde. 

Auch bei der Umgestaltung von Plätzen bleibt man hinter Paris zurück: So wird etwa der heute mehrheitlich asphaltierte Guisan-Platz vor dem BEA-Tagungsgebäude in den nächsten Jahren nur geringfügig verändert. Apropos Begrünung: Hitzeminderungs-Massnahmen nach diesem Sommer waren denn auch kaum ein Thema an der Tagung.

Wie umgehen mit steigenden Unfallzahlen?

Stefan Siegrist, Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU beschäftigen die Unfallzahlen 2025. Dabei wurden in der Schweiz 1257 Velo- und E-Bike-Fahrende schwer verletzt, 44 starben – bei den E-Bikes ist die Tendenz steigend. Einmal mehr forderte er eine Ausweitung der Helmpflicht auch für langsame E-Bikes (bis 25Km). 

Ursula Wyss, «Mutter» der Velohauptstadt Bern und heute Beraterin für Stadtplanung, stellt dieser Entwicklung den Safe-System-Ansatz entgegen: Demzufolge muss das Verkehrssystem so ausgestaltet sein, dass Velofahrende auch dann nicht zu Schaden kommen, wenn ihnen ein Fehler unterläuft. Heisst konkret: «Ungeschützte Verkehrsteilnehmende ab 30 km/h müssen vom motorisierten Verkehr getrennt werden.» Und noch pointierter: «Wenn wir es nicht schaffen, die Hälfte der Bevölkerung aufs Velo zu bringen, ist das Politikversagen...»

Viel Skepsis, aber auch Lob

Eine Abkürzung auf dem Weg zur Velowende wurde am Veloforum Schweiz nicht gefunden, von der angestrebten Verdoppelung der Velokilometer ist die Schweiz noch ziemlich weit entfernt. So war eine Mehrheit bei einer Konsultativ-Abstimmung mehrheitlich skeptisch. Das sollte zu denken geben. Viel Lob gab es für die Organisationen, welche statt einer Wohlfühl-Veranstaltung die meisten Agierenden an diesem Tag zusammenbracht und die Probleme benannt hatten. 

So ist man sich unisono einig, dass der Druck auf die Politik aufrechterhalten werden muss. Michael Liebi drückte es so aus: «Fast 74 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten haben zum Velo Ja gesagt. Das ist ein unmissverständliches Signal, welches uns als Gesellschaft verpflichtet, die Infrastruktur landesweit deutlich zu verbessern – wie es das Veloweggesetz vorsieht.»

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