Vuelta solo: Mit dem Gravelbike durch Spanien

Unbekannte Pässe, unerwartete Begegnungen und unerlaubte Gipfeli auf einer unglaublichen Reise. Das ist diese Tour nach dem Vorbild der Vuelta España der Radprofis – aber mit Zeit für Landschaften und Menschen.

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Simon Joller
Reisen, 16.09.2026

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Da hocke ich nun vor meinem letzten Cortado, dieser spanischen Mischung aus gleichen Teilen Espresso und Milchschaum, und zupfe Serviette um Serviette aus der Chromstahlbox. 

An den Wänden des Velocafés hängen Heldenfotos der drei Grand Tours: Tour de France, Giro d’Italia, Vuelta España. Meine persönliche Vuelta España ist zu Ende. Glück, Erleichterung, Wehmut drücken die Tränen aus mir. 

Mensch und Land, war das schön. 23 Tage zuvor bin ich genau hier in der La Fabrica zu meiner Tour gestartet, in diesem Café, von dem man sagt, es sei der Wegbereiter gewesen für die Kultur der Velocafés. In Girona und weltweit.

Kochkunst hinter der Steinbrücke 

Überhaupt hat Spanien ein Herz für Velofahrende. Das spüre und erfahre ich ab den ersten Metern. Aus der Stadt hinaus geht es auf famosen Radwegen. Bald bekomme ich gepflegten Schotter unter die Reifen meines Gravelbikes. Was Bahnlinie war, ist jetzt 60 Kilometer Velostrecke. Eine gepäckvelofreundlich ansteigende Naturpiste, auf der ich selbst an diesem Werktagmorgen Dutzende Mitradelnde treffe. 

Die Via Verde, wie diese umgenutzten Bahnstrecken in Spanien genannt werden, führt mich sanft hinein in die Pyrenäen. Allmählich werden die Aufstiege länger, die Wälder dichter, die Spuren von Menschen seltener. Erste Fan-Malereien vergangener Vueltas sind auf den Asphalt gepinselt. 

Schön und respekteinflössend

Hinter dem letzten Pass des Tages staffeln sich im weichen Abendlicht die richtig hohen Pyrenäen-Ketten. Schön, aber auch respekteinflössend. 

Eine letzte Abfahrt noch in das Bergdorf La Pobla de Lillet, 800 Meter höher als Girona. Hinter der mittelalterlichen Steinbogenbrücke ein unerwartet stilvolles Hotel, ein Nachtessen, nicht ge- künstelt und doch Kochkunst. Nur schon diese eingelegte Knoblauchzehe! Das war erst Etappe eins von 21, wie bei jeder Grand Tour, mit geplant zwei Ruhetagen, wie bei jeder Grand Tour. Und schon hat mich Spanien.

Fremdgehen in den Pyrenäen 

Kaum im Land angekommen, gehe ich ab der dritten Etappe bereits fremd. Die Pyrenäen sind ein Grenzmassiv. Es gibt die wilde spanische Seite und die touristische, auch velotouristische, französische. Die spanische, das sind 50-Kilometer-Anstiege, wo am Himmel Dutzende Geier kreisen und Pferde uneingezäunt neben der Strasse weiden. 

Überhaupt trifft man hier mehr Viecher als Menschen. Aber wenn mal jemand kreuzt, dann erhält man aus dem Auto heraus einen Motivationsgruss. Als ich mein Velo am Strassenrand ins Gras lege und einen Platz für mein Fotostativ suche, stoppt der vorbeituckernde Motorradfahrer. Ob alles okay sei? «Ja, danke fürs Fragen, alles herrlich.» 

Einchecken in der Velobox

Und dann eben Frankreich. Schon am Grenzpass Col du Portillon steht in jeder Kurve eine Erinnerungstafel für einen Tour-Sieger. Weiter fährt es mit klingenden Passnamen wie Peyresourde, Aspin oder Tourmalet. Ich konnte ihrem Ruf nicht widerstehen und bereue keinen der vielen Höhenmeter. Frankreich zelebriert hier seine Tour und das Fahrradfahren. Jeder Kilometer ist fix beschildert: Steigungsprozente, Höhe, Distanz zur Passhöhe.

Am Fuss des Tourmalet checkt mein Fahrrad in einer Velobox ein, noch bevor ich selbst im Hotel einchecken darf. Im Passbeizli soll ich doch meine Bidons bringen, wenn ich kühles Wasser haben wolle. Gerne doch. Mitte Oktober ist gerade Glace-Wetter. Und der Respekt vor den grossen Pässen? Der verflüchtigt sich mit jedem gefahrenen Höhenmeter. Einfach treten, essen, trinken, zu den Gipfeln und in die Täler schauen. Die Schönheit des Pässefahrens in seiner ganzen Leichtigkeit.

Ein Baskenland wie im Fernsehen 

Nächstes Ziel: das Baskenland im Norden der Pyrenäen. Spanien hat nicht nur die Vuelta, sondern mehrere kleine, bei den Profis – und auch bei mir als TV-Zuschauer – äusserst beliebte Rundfahrten. Die Landschaftsbilder der Baskenlandrundfahrt haben es mir schon lange angetan: grün, kleinräumig, einsame Bergsträsschen, klar will ich da auch hin. Und schon bin ich da, noch bevor ich zurück in Spanien bin. 

Das Baskenland ist wie die Pyrenäen grenzüberschreitend. Faubourg d’Atherey, die kleine Gemeinde, die ich durchfahre, heisst auch Zübü Zaharra. Baskisch ist die vermutlich älteste Sprache Europas, hat sich über Jahrtausende eigenständig entwickelt. Baskisch verstehen? Unmöglich. Das Baskenland mögen? Ab den ersten Kilometern. 

Irritierendes Geknalle

Selbst wenn sie steil sind, steiler als zuvor in den Hochpyrenäen. Der Gâteau Basque, dieses Gebäck mit Füllungen von Schwarzkirsche bis Vanillecreme, ist bester Velofahrertreibstoff für die anstehenden Pässe. Col Baragui, Col Irati, man kennt sie nicht. Und das ist gut so für uns Bikepacker. Der Verkehr wird wieder dünner, die Strasse schmaler, die Landschaft wilder. Und dass der Cortado hier Café Noisette heisst, habe ich auch schnell begriffen. Irritierend ist das ständige Geknalle. Vogeljäger sind unterwegs und ballern ab, was sie können. Einheimische sollen ihren Kaffee mit einem Deckel schützen, damit kein vom Himmel fallendes Bleischrot ihn vergiftet. So erzählen es mir die Vogelforscher auf einem Berg.

Rumpelsträsschen ins Glück 

Es hätte am ersten Tag im Baskenland nur noch die Abfahrt zum Hotel werden sollen. Doch es wird einer der Höhepunkte der ganzen Vuelta. Zwar rät mir nach dem Cortado in der Bar in den Bergen der Besitzer, dieses enge Rumpelsträsschen nicht zu nehmen. 

Doch irgendwie tönt seine Beschreibung genau so, als könnte es richtig schön werden. Und wie es das wird. 

Ich bin auf einem baumlosen, hügeligen Hochplateau. Manchmal öffnet sich der Blick auf die Welt darunter. Dann windet sich die schmale Strasse zwischen braungrünen Grashügeln, die sich bis zum Horizont dehnen. Weit und breit keine Spur von Menschen, nur Schafe und Pferde. Runter geht es dann zwar steil. Aber weil hinter jeder Kurve ein Pferd auf der Strasse stehen könnte und oft auch steht, bleibt das Tempo ungefährlich gemächlich. 

Und das Rumpeln dämpfen die breiten Gravelreifen zuverlässig ab. Im Tal erwarten mich die Hotelbesitzer bereits. Um halb acht gibt es Nachtessen. Alle sechs Gäste sitzen am selben Tisch, es gibt baskischen Pouleteintopf und internationalen Austausch, zwischen Belgierinnen, Spaniern, Franzose und Schweizer. Die Besitzer gesellen sich später dann auch noch dazu. Eine Reise weit über ein Land hinaus.

Zurück zur Tortilla 

Etappe sieben bringt mich an den Atlantik und zurück nach Spanien, zurück zu meinem spanischen Kraftfutter: Tortilla de Patatas. Ein Kartoffelomelett zum Frühstück, zum Znüni, im Sandwich eingeklemmt zum Zmittag, am Ruhetag in Bilbao als Pinchos, diese baskischen Tapas.

Viel mehr als Gebirgs- und Strandland

Ab Bilbao, dieser touristengefluteten Schönheit, will ich entspannt den Atlantikstränden entlang rollen bis zu den Picos de Europa, dem nächsten Gebirge. Meine ich. Und lerne: Spanien ist viel mehr Gebirgs- als Strandland. Das Kantabrische Gebirge macht fast die gesamte Atlantikküste zum Auf und Ab. Selbst zwischen Bilbao und den Picos de Europa kommen satt Höhenmeter zusammen.

Dünn besiedelte Region

Die Picos sollen die Seefahrer auf der Rückkehr aus Amerika als Erstes von Europa gesehen haben. Darum ihr Name. Auch mir markieren sie den Abschied vom Meer. Ich will quer durchs Land, hinunter nach Valencia. Von 1700 Metern über Meer hinunter zum Meer. Was nach langer Abfahrt klingt, endet nach wenigen Kilometern auf einer Hochebene. Und bleibt die nächsten 500 dort oben. 

Schon bin ich im nächsten Gebirge. Im Iberischen Gebirge, auch Keltiberisches Hochland genannt, meist um die 1000 Meter über Meer. Nie davon gehört. Kein Wunder, die EU anerkennt es als benachteiligtes Berggebiet. Eine enorm dünn besiedelte Region. Die Provinz Soria zum Beispiel ist so gross wie die Schweiz, in ihr leben aber nur 100’000 Menschen, 40’000 davon in der Hauptstadt Burgos. 

Von Finnland nach Patagonien 

Dieser Landstrich zwischen Atlantik und Mittelmeer ist unbekannt, unbewohnt und unerwartet. Er ist die nächste Überraschung meiner Vuelta. Ich wähne mich einmal in Patagonien, einmal im Grand Canyon, einmal im schottischen Hochland, einmal in der finnischen Waldweite. Wer braucht schon ein Flugzeug, wenn er ein Fahrrad hat zum Reisen? 

Und als wäre das nicht genug der Überraschungen, finde ich mitten in der Weite, im nicht wahnsinnig schönen Ort, der trotzdem Bello heisst, ein Hotel in einem umgenutzten Getreidesilo.

Das verbotene Gipfeli 

Etwas Planung braucht die Überraschung allerdings. Herbergen sind hier weit voneinander entfernt. Ich habe zwar ein Zelt dabei. Und doch locken mich die Hotels. Mit Begegnungen, mit Dusche und Bett nach bis zu 140 Kilometern täglich. Wie amüsant sind Unterhaltungen in gebrochenem Spanisch. Wie unerwartet manche Begegnungen. 

Carlos, der in seiner leeren Bar gleich mit mir sein Frühstück nimmt – um 11 Uhr. Marco, der Motorradfreak aus St. Gallen, der mir Tipps zu archäologischen Ausgrabungsstätten gibt. Oder die Barfrau, die mir das Gipfeli zum Cortado ausredet, ich solle besser ihren selbst gebackenen Apfelkuchen nehmen. Ein süsser Traum, wahrhaftig. 

Wo Valencia ist, ist auch Barcelona

Mit Kaffee und Kuchen im Bauch folgt nach den 500 Kilometern im Land dann doch noch die rauschende Abfahrt. 60 Kilometer meist auf der Via Verde de Ojos Negros. Bis hinunter ans und ins Mittelmeer, durch die Plantagen voller Valencia-Orangen nach Valencia. 

Wo Valencia, ist auch Barcelona. Nach Ruhetag zwei mache ich mich auf den Küstenweg dorthin. Aber wer braucht schon Grossstädte, wenn Kleinode wie Peniscola dazwischen warten? Und das nach 15 Kilometern Schotter im Naturschutzgebiet, autofrei, mit Meersicht und im Sonnenuntergang. 

Velokitsch vom Feinsten, abgerundet mit einer Paella, die es frisch überall nur ab zwei Personen gibt. Dumm gelaufen für Alleinreisende. Ausser man trifft auf einen gesprächigen Wirt, der meint: Komm, ich mach eine für dich allein, es ist grad wenig los.

Das gute Gefühl auf der Strasse bleibt

Entlang der salzwasserfeuchten Jugendträume Costa Dorada, Costa Brava und so weiter radelt es sich wie durchs Leben: mal wunderbar, mal weniger schön, mal einsam, mal unter zu vielen Menschen. Je nördlicher ich komme, desto breiter und teurer werden die Autos, aber das gute Gefühl auf der Strasse bleibt. 

Selbst auf vierspurigen Schnellstrassen wirken die vielen Hinweistafeln: «Respektiere die Radfahrenden». Diesen vorgeschriebenen Überhol-abstand würde ich gerne als Souvenir heimbringen. 

Das «Souvenir» Überholabstand 

Auf der 21. und letzten Etappe zögere ich das Ankommen so gut es geht hinaus: gebratene unbekannte Fischchen zum Arbeiterzmittag statt im Gewitter fahren, noch ein weiterer Cortado, ein Schwatz mit der Wirtin, einfach sein, in der Natur, bei den Menschen, spüren, wir sind eine Gesellschaft, eine Gemeinschaft, die es eigentlich gut miteinander meint. 

Der Vorsatz, diese Erkenntnis mitzunehmen in den Alltag, der einem oft das Gegenteil zu zeigen scheint. Und dann eben doch das Ende. Im Velocafé in Girona. Was würde ich geben, wie ein Profi die Vuelta fahren zu können.

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