Pete Mijnssen,
Chefredaktor
(pete.mijnssen@velojournal.ch)
Reisen,
27.08.2026
Die diesjährige Gruppetto-Ausfahrt folgt den historischen Verkehrswegen über die Alpen. Wo einst Säumer, Händler und Heere unterwegs waren, tritt heute die Reisegruppe in die Pedale Richtung Süden. Teil 2 von 2.
Pete Mijnssen,
Chefredaktor
(pete.mijnssen@velojournal.ch)
Reisen,
27.08.2026
Heute geht es auf- und ab und weiter in die Hügel und Berge, immer knapp der 1000-Meter-Grenze entlang. In Sestola steht im Kreisel eine rote Gondel. Ein Symbol für den Tourismus, wie er bis in die Achtziger des vorigen Jahrhunderts gepflegt wurde. Von dort aus geht es auf den Monte Cimone, mit 2165 Meter der höchste Berg im nördlichen Apennin der Emilia-Romagna. Er bietet spektakuläre Aussicht, ein Skigebiet mit einer Station des italienischen Wetterdienstes. Bis zum Ende des Kalten Krieges war die Zufahrt zum Gipfel verboten. Diese nimmt heute aber nur der Ausreissertrupp mit Beat, Peter, Raphael und Res unter die Räder.
Sie besichtigen im Bergrestaurant die Trophäen von Alberto Tomba, dem italienischen Skihelden der Achtzigerjahre mit drei olympische Goldmedaillen, zwei Weltmeistertiteln und 50 Weltcupsiegen. Gloriose Zeiten, heute ist auch diese Skigegend vom Klimwandel bedroht. Wir anderen fahren die gemächlichere Route, bis wir abrupt von einer Strassensperre angehalten werden. Da sie offenbar schon andere passiert haben, heben wir unsere Räder über die Beton-Barriere und finden bald den Grund: Arbeiter sichern die Steilwände vor Steinschlag. Da es Mittagszeit ist, können wir gut passieren. Auch mit unseren später durchfahrenden Kollegen sind die Strassenwärter gnädig – wir haben ja alle Helme auf.
In Abetone erfahren wir von Dani, dass diese Passage über den Appenin in den 1770er Jahren als Passstrasse ausgebaut wurde. Es waren der Herzog Francesco III von Este Modena und Pietro Leopoldo Habsburg-Lothringen, der später als Kaiser Leopold II in die Geschichte einging. An die promintenten Bauherren erinnern die beiden Pyramiden auf der Passhöhe. Während des Zweiten Weltkrieges sollen die Nazis darunter Bunker gebaut haben. In den 1950er Jahren wurde sie als Staatstrasse SS12 dell Abetone e del Brennero ausgebaut (siehe auch vorheriges Kapitel). Am Abend geniessen wir die Kühle und den prächtigen Sonnenuntergang, erst- (und letztmals) kommen Daunenjacken zum Einsatz.
Am Morgen erwartet uns nach einem Skiromantik-Passhalt eine rasante Abfahrt nach Pistoia. Eine weitere historische Stadt mit 90'000 Einwohnern, die wir mittels Martins Navigationskünsten rasch passieren. Wir haben ja noch einige Kilometer vor uns. In San Baronto steht ein Radfahrer-Denkmal, wo wir Mittagsrast machen. Dani hat sich wieder einmal überboten, die lokale Patisserien geplündert und einen wunderbaren Zitronenkuchen mitgebracht.
Die mittäglichen Rasts mit lokalen Spezialitäten sind eines der Alleinstellungsmerkmale dieser Gruppe. Alles Schleckmäuler – auf solchen Velotouren mit Kalorien-Freipass. Vor dem Abfahren werden die Bidons mit Zitronenwasser gefüllt, wir werden das noch brauchen können. In Pancole treffen wir in Sichtweite der Türme von San Gimigniano in unserem Hotel ein. Während die restlichen Gäste gesittet an ihren Colas und Aperitifs nippen, leeren wir einmal mehr wie halb Verdurstende die Bar von Bier, Wasser und Süssgetränken.
Beim Nachtessen erzählt uns Raphael von San Gimignano, dem «mittelalterlichen Manhattan». Die Skyline aus ursprünglich 72 hoch-ragenden Steintürmen bauten Adelsfamilien im 13. Jahrhundert als Machtsymbol der reichen Familien im Mittelalter. Von den Geschlechtertürmen stehen heute noch 14. Selbstredend gehört die Stadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Und ja: Selbstredend trinken wir zum Essen vom berühmten Vernaccia- Weisswein.
Nach dem Morgenessen besuchen wir das Sanktuarium Maria Santissima Madre della Divina Provvidenza, in der unmittelbaren Nähe. Die Kirche steht an einem historischen Pilgerweg und beheimatet ein Marienfresko aus dem 15. Jahrhundert. 1944 wurde die Kapelle von den Nazis gesprengt und fünf Jahre später wieder aufgebaut. Wir treffen auf bereits verschwitzte, aber glückliche Pilgerinnen und Pilger aus verschiedenen Kontinenten, die hier einen Halt einlegen.
Ein Abstecher nach San Gimigniano darf nicht fehlen, wo wir noch vor den Touristenhorden eintreffen. Wie üblich kaufe ich ein paar Postkarten für die verschworene Gemeinschaft, scheitere aber zunächst beim Versuch, Briefmarken dafür zu finden.
Erst als ich merke, dass in diesem denkmalgeschützten Ort alles diskret angeschrieben ist, finde ich das Postbüro. Einen Briefkasten zu finden, ist dann nochmals eine andere Geschichte. Weiter geht’s nochmals durch Olivenhaine auf 750 Meter ü.M. bevor wir im Podere il Riparbella bei Massa Marittima bei Veronica Malzacher und Christian Prohaska eintreffen. Sie haben das Landgut in den Neunzigerjahren aus dem «Dornröschenschlaf» geweckt und führen seither diesen Agritourismus-Betrieb mit viel Herzblut und auf höchstem Bio-Niveau. Ihr Ölivenöl und die Weine haben mehrfach Auszeichnungen erhalten. Wir werden dementsprechend verköstigt und geniessen den Abend.
An unserem Tisch sitzt auch die deutsche Journalistin Katharina, die hier eine Reportage für das deutsche Anderswo-Reisemagazin macht. Sie ist mit dem Gravelbike unterwegs und macht den umgekehrten Weg wie wir – morgen fährt sie wieder nordwärts. Veronica erzählt uns von ihren Personal-Sorgen: Da sie zurzeit keine Köchin findet, muss sie den Betrieb auf Sparflamme setzen. Und das in der Sommersaison! Nachfolgesorgen plagen das Paar, das gegen achtzig Jahre alt ist, auch. Es wäre jammerschade, wenn dieses Idyll nicht weiterexistieren könnte.
Der Tradition entprechend ist heute Christian dran mit Hintergründen zu dieser Gegend. Er berichtet über das bei Larderello liegende sogenannte Tal des Teufels (Valle del Diavolo), wo seit 1904/1913 vulkanischer Dampf zur Stromerzeugung genutzt wird. Diese Geothermieanlagen gehören zu den ältesten und produktivsten der Welt.
Bisher rätselten Fachleute jedoch über die genaue Quelle der unterirdischen Hitze. Mithilfe modernster seismischer Verfahren konnten Forschende nun kürzlich die Erdkruste durchleuchten. Das Ergebnis: In 8 bis 12 Kilometern Tiefe liegt ein gewaltiges Reservoir an Magma. Allein unter Larderello wird das Volumen der Schmelze auf rund 5000 Kubikkilometer geschätzt. Ein Energieschatz, wie er einmalig ist.
Am Morgen verabschieden wir uns herzlich von unserer Gastgeberin Veronica, nicht ohne zwei Flaschen von ihrem köstlichen Olivenöl gekauft zu haben. Christian lassen wir hier zurück, er wird noch ein paar Tage bleiben, um mit den beiden Betreibern Organisatorisches und Nachfolgefragen zu besprechen. Wir wollen es heute nun aber wirklich wissen und den Weg ans Meer unter die Räder nehmen. Über Berg und Tal erreichen wir Castagneto Carducci, wo wir in der Weite das Meer sehen – endlich!
Dieses ist nun zwar sicht-, aber noch nicht riechbar. Wie immer am letzten Tag, scheint sich die Fahrt in die Länge zu ziehen Wir fahren parallel zur Via Aurelia, auf der alten Strasse, passieren die berühmte Viale dei Cipressi (Bolgheri): Eine fast fünf Kilometer lange, gerade Strasse mit über 2500 Zypressen. Nach den Zypressen-Alleen bei Bolgheri erreichen wir endlich Cecina. Von dort aus geht’s weiter nach Vada, wo unser Hotel liegt. Hier ist alles auf Bade-Tourismus angelegt, auch wir sind nun gerne Badegäste.
Das Personal im grosszügigen Familienhotel ist trotz Hochbetrieb sehr freundlich. Der Fussweg ans Meer dauert ein paar Minuten – wir mieten eines der berühmt-berüchtigten Lettinis. Der Preis ist mit 20 Euro relativ moderat – das ist uns heute eh egal. Dann endlich der Sprung ins Meer! Wir wähnen uns in Afrika, wie eine warme Badewanne fühlt sich das an.
Der warme Südwind tut das Seinige dazu – in diesem verrückten Sommer 2026. Am Abend geniessen wir die Tavolata, lassen die Tour Revue passieren und sind froh, dass alle heil angekommen sind. Dani, der Chauffeur, zündet eine Zigarette an und atmet tief durch. Noch.
Am Morgen bringt uns das Hoteltaxi nach Cecina, wo uns der Zug pünktlich nach Mailand und Zürich bringt. Mit einem letzten Anlauf suche ich nochmals einen Briefkasten für meine Postkarten, ohne Erfolg. Die Nachfrage bei Einheimischen wird mit Ungläubigkeit quittiert. Briefkästen scheinen in Italien zu einer Geheimwissenschaft verkommen zu sein. Am Ende werde ich sie in die Schweiz bringen und sie «handgestempelt» meiner Postkarten-Geheimloge übergeben. Ist ja auch was.
Während für uns die Reise dank Reservation reibungslos verläuft, endet für die drei Fahrer Dani, Martin und Peter die Rückfahrt mit dem Bus abrupt in Livorno mit einer Buspanne. Die unfreiwillige Übernachtung in der Nähe des Hafens ist auch nicht besonders prickelnd. Noch frustrierender ist aber, dass sich die Lust des Garagisten, einen Expertenblick unter die Motorhaube zu werfen, in Grenzen hält.
Viel lieber verlässt er sich auf die internationale Versicherung, die wir mit dem TCS abgeschlossen hatten. Offenbar ein gutes Geschäft. So brutzeln unsere Velos und das feine Olivenöl (ganz zu schweigen von Essensresten) weitere drei Wochen auf einem Parkplatz, bevor wir dank Martins Sender am Velo genau die Rückreise des defekten Buses verfolgen können. Er fährt die gleiche Strecke zurück, wie wir gekommen sind, nun einfach im Huckepack – mit zehn Velos im Gepäckraum.

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