Wieso wir umsatteln – aufs Velo

Mobilitätsverhalten ist Gewohnheit. Umsatteln aufs Velo ist daher einfacher, wenn dies durch eine externe Veränderung initiiert wird. Steht das Leben Kopf, ist das Zweirad erste Wahl, zeigt eine Studie der Uni Kassel.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velojournal.ch)
News, 04.11.2024

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Damit wir unser Verhalten verändern, braucht es oft einen externen Anstoss. Aufs Velo umgesattelt wird etwa eher bei einem Jobwechsel oder während der Covid-Pandemie.

Solche «Disruptionen» und ihren Einfluss auf das Mobilitätsverhalten in deutschen Städten untersucht das Projekt MOTUS der Universität Kassel. Eine Disruption wird dabei als «ein Ereignis definiert, das Potenzial besitzt auf individueller Ebene bestehende Gewohnheitsmuster, in Bezug auf die Verkehrsmittelwahl, aufzubrechen». Diese Veränderungen können auf persönlicher Ebene, wie etwa durch den Umzug in eine andere Stadt oder auf gesellschaftlicher Ebene stattfinden.

Velo ist erste Wahl

Ob im Kleinen oder Grossen: Veränderungen bringen uns aufs Velo. Dies ist eine Schlussfolgerung der deutschen Mobilitätsforscher. Das Mobilitätsverhalten von 1203 Personen in drei deutschen Städten wurden per Umfragebogen und anhand von Telefoninterviews erfasst.

Velo und E-Bike sind demnach erste Wahl nach einem disruptiven Ereignis. 12,8 % der Befragten haben nach einer Veränderung in ihrem täglichen Umfeld aufs Zweirad gewechselt. Dies findet vor allem zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs statt, welcher nach disruptiven Ereignissen von 14.4 % der Befragten weniger gewählt wird.

Nach einer Veränderung wird kein anderes Verkehrsmittel auch nur annähernd so stark bevorzugt wie das Velo. Deutet dies auf einen noch viel grösseres Velo-Potential in der Bevölkerung hin? Wollen noch viel mehr von uns Gewohnheitstieren velofahren, brauchen aber einen kleinen Anstoss dazu?

Velofahren: Keine Eintagsfliege

Bemerkenswert ist, wie vielfältig die Veränderungen sind, die Menschen auf den Sattel bringen: Ein Jobwechsel war für 22,5 % der Umsteigerinnen ausschlaggebend, um aufs Velo zu steigen. Mit sinkenden finanziellen Mitteln begründen gar 26 % der Befragten ihre Wahl fürs Fahrrad. Ebenso ist die Covid-Pandemie in der Studie präsent und für 21 % der Umsteiger Grund fürs Velofahren.

Das Zweirad rollt dabei langfristig: Auch nach dem Ende der Veränderung bleibt die Velonutzung stabil. Dies untersucht die Studie insbesondere in Bezug auf die Pandemie, die auch Jahre nach dem Ereignis das Mobilitätsverhalten in deutschen Städten verändert. Dies deutet gemäss dem Forschungsteam darauf hin, dass «sich das Mobilitätsverhalten langfristig ändern kann, wenn eine Alternative wie das Fahrrad in den Alltag integriert wird».

Braucht es also nur eine einmalige Veränderung, um weitere Velo-Willige in den Sattel zu bringen und die urbane Mobilität damit über Jahre oder gar Jahrzehnte zu verändern?

Mehr Infrastruktur – mehr Velo

Weder ein Jobwechsel  noch die Pandemie sind aber der Hauptgrund für vermehrtes Velofahren in Städten. Absoluter Spitzenreiter, genannt von 56.7 % der Umsattlerinnen ist die «Erweiterung der Veloinfrastruktur». Dies verdeutlicht, wie wichtig bauliche Massnahmen für die Veränderung der urbanen Mobilität sind. So hält auch die Studie fest: «Der Ausbau der Fahrradinfrastruktur erweist sich als entscheidender Faktor, um den Übergang zu umweltfreundlicheren Verkehrsmitteln zu gestalten».

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