Radlogistik 2026: Stabile Branche, aber kein Wachstum

Nach Jahren starken Wachstums stagniert die deutsche Radlogistik erstmals. Trotz positiver Umweltbilanz und bremsen schwache Konjunktur und fehlende politische Impulse weiteres Wachstum.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velojournal.ch)
News, 05.05.2026

Lastenvelos gehören den meisten europäischen Städten mittlerweile zum Strassenbild. Spezialisierte Transportunternehmen und Velokuriere nutzen die starken Zwei- und Dreiräder für den leisen, emissionsarmen und platzsparende Zustellung auf der letzten Meile. In Deutschland haben sich diese Akteure bereits 2018 zu nationalen «Radlogistik»-Verband zusammengeschlossen. 

Nach Jahren dynamischer Expansion hat die Radlogistik in Deutschland aber einen Gang zurückgeschaltet. Dies zeigt der aktuelle Branchenreport, veröffentlicht vom Radlogistikverband Deutschland e.V. gemeinsam mit der Technischen Hochschule Wildau. Erstmals verzeichnet diese Publikation eine Stagnation in der Branche. Dies allerdings auf einem gefestigten Niveau. Die «rote Null» steht dabei weniger für Krise als für eine Phase, in der sich ein inzwischen etabliertes Wirtschaftsökosystem ordnet und stabilisiert.

 

  • Markt stagniert auf stabilem Niveau: Der Branchenumsatz bleibt mit 189,5 Millionen Euro auf Vorjahresniveau. Die Branche geht von einer rasanten Aufbauphase in eine Reifephase über.
  • Wachstumsbremsen: Eine schwache Gesamtwirtschaft, fehlende politische Förderung (während fossile Antriebe weiter begünstigt werden) und ein Mangel an Flächen für städtische Mikro-Hubs hemmen die Entwicklung.
  • Hervorragende Öko- und Sicherheitsbilanz: Im Jahr 2025 wurden durch Lastenräder rund 1400 Tonnen CO₂ eingespart. Zudem verzeichnete die Branche im zweiten Jahr in Folge keine tödlichen Unfälle.
  • Dominanz des E-Antriebs: 79 Prozent der gewerblich genutzten Lastenräder sind elektrisch unterstützt. Gleichzeitig wandelt sich die Branche: Dienstleistungen wie Wartung und Beratung wachsen, während die reinen Transportunternehmen leicht abnehmen.
  • Optimistischer Ausblick: Trotz der aktuellen Nullrunde erwarten über 50 Prozent der Betriebe für 2026 ein Umsatzwachstum und mehr als ein Drittel plant, neues Personal einzustellen.

Die Branche wird reif 

Mit einem Gesamtumsatz von 189,5 Millionen Euro bleibt die Branche nahezu exakt auf Vorjahresniveau. Auch die Produktion zeigt sich stabil: Rund 36.900 Lastenräder und Anhänger wurden 2025 hergestellt, kaum weniger als in den Jahren zuvor. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Beschäftigten mit aktuell 5.486 gegenüber 2020 mehr als verdoppelt, auch wenn sie zuletzt leicht zurückging. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die Radlogistik ihre Aufbauphase hinter sich lässt und nun in eine Phase der Reifung eintritt, so der Branchenverband.

Mehr als nur Transport

Ein genauerer Blick auf die Struktur des Ökosystems unterstreicht diese Entwicklung. Insgesamt 258 Akteure, von Transportunternehmen über Hersteller bis hin zu Dienstleistern und Forschungseinrichtungen, bilden heute ein diversifiziertes Netzwerk. Die größte Gruppe stellen weiterhin die operativen Radlogistikunternehmen mit 107 Betrieben dar, auch wenn ihre Zahl leicht gesunken ist. Der Dienstleistungsbereich in der Radlogistik, etwa Handel, Wartung und Beratung, konnte zulegen und umfasst mittlerweile 75 Unternehmen. Die Branche entwickelt sich damit zunehmend über die reine Transportleistung hinaus.

Klare Forderungen

Die wirtschaftliche Stagnation hat gemäss dem Report mehrere Ursachen. Neben der allgemein schwachen Konjunktur, die sich in rückläufigen Sendungsmengen im gesamten Logistikmarkt niederschlägt, kritisiert die Branche vor allem politische Rahmenbedingungen. Fehlende Impulse in der Radverkehrspolitik, weiterhin bestehende Anreize für fossil betriebene Fahrzeuge und ausbleibende Investitionen bremsen die Entwicklung. Entsprechend deutlich fallen die Forderungen der Branche aus: bessere Infrastruktur, mehr Verkehrssicherheit, verlässliche Förderprogramme und ein klarer Fokus auf emissionsfreie urbane Logistik.

Vision Zero erfüllt

Trotz dieser Herausforderungen bleibt die ökologische Bilanz der Radlogistik eindrucksvoll. Im Jahr 2025 wurden mehr als 5,4 Millionen Kilometer per Lastenrad zurückgelegt, wodurch rund 1.400 Tonnen CO₂ eingespart werden konnten. Seit 2020 haben sich die Einsparungen damit mehr als verdreifacht. Gleichzeitig bestätigt die Branche ihre hohe Sicherheitsperformance: Wie bereits im Vorjahr gab es keinen tödlichen Unfall im Zusammenhang mit der Nutzung von Lastenrädern.

Grossmehrheitlich mit Motor

Auch technologisch entwickelt sich die Branche kontinuierlich weiter, wenn auch ohne disruptive Sprünge. Verbesserungen bei Batterien, Motoren und Fahrzeugkonzepten sorgen dafür, dass Lastenräder zunehmend leistungsfähiger und vielseitiger werden. Der Anteil elektrisch unterstützter Modelle liegt inzwischen bei rund 79 Prozent. Damit erschliessen sich neue Einsatzfelder, insbesondere in Nischen, die für klassische Lieferfahrzeuge wirtschaftlich oder logistisch unattraktiv sind.

Urbaner Flächenkampf

Ein zentrales Hemmnis bleibt jedoch der Mangel an geeigneten innerstädtischen Flächen für Umschlagpunkte. Gerade für die effiziente Organisation der letzten Meile sind solche Mikro-Hubs entscheidend. Hier sehen sowohl Branche als auch Forschung weiterhin die Kommunen in der Pflicht, passende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wachstum in Sicht

Trotz der insgesamt verhaltenen Entwicklung blickt die Branche vorsichtig optimistisch nach vorn. Rund 90 Prozent der Unternehmen erwarten für 2026 mindestens stabile Umsätze, mehr als die Hälfte rechnet sogar mit einem Wachstum. Auch am Arbeitsmarkt überwiegt Zuversicht der Branche: Während knapp die Hälfte der Radlogistik-Unternehmen von konstanten Beschäftigtenzahlen ausgeht, planen mehr als ein Drittel Neueinstellungen.

Die Radlogistik bleibt damit ein wichtiger Baustein der urbanen Verkehrswende. Sie verbindet ökologische Vorteile mit wirtschaftlichem Potenzial und eröffnet neue Perspektiven für stadtverträgliche Logistik. Doch der Branchenreport macht auch deutlich: Ohne klare politische Unterstützung könnte die aktuelle Stagnation länger anhalten.

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