Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velogisch.ch)
News,
07.10.2025
Die ETH Zürich erforscht das komplexe Zusammenspiel im dichten Veloverkehr. Ziel ist es, reale Bewegungsmodelle von Velos und offene Daten zu erstellen – als Grundlage für velofreundlichere Städte.
Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velogisch.ch)
News,
07.10.2025
Überholabstände, Geschwindigkeiten und Manöver von Velofahrern und Velofahrerinnen im Test werden anhand von Drohnenaufnahmen ausgewertet. (Bild: Mobilysis)
Im kühlen Herbstwind fahren rund fünfzig Velofahrer und Velofahrerinnen unermüdlich die Züricher Baslerstrasse auf und ab. Dies tun sie nicht im aus Spass an der kalten Brise, sondern im Dienste der Wissenschaft.
Die Forschungsgruppe «Strassenverkehrstechnik» der ETH Zürich sammelt anhand der Bewegungen dieser Probanden und Probandinnen Daten zum dichten Veloverkehr. Ziel ist es dabei, Velo-spezifische Daten zu generieren. «Echtdaten von dichtem Veloverkehr stehen aktuell kaum zur Verfügung», erklärt Studienleiter Ying-Chuan Ni und Thomas Ramseier. Aktuell würden meist Modell von Autoverkehr in vereinfachter Form auf Velos übertragen.
Der Forscher betont jedoch, dass sich das Verhalten von Zweirädern nicht einfach aus dem Autoverkehr ableiten lässt. Die Dynamik sei eine ganz andere und müsse deshalb spezifisch untersucht werden. Seit Juni dieses Jahres arbeitet die Forschungsgruppe mit dem Unternehmen MobiLysis zusammen, um an mehreren Standorten in Zürich Aufnahmen des Veloverkehrs zu sammeln. Diese Forschung ist Teil des von Innosuisse finanzierten Forschungsprojekts BikeZ.
Ein Ziel des Experimente ist es daher, die generierten Daten als Open Source zugänglich zu machen. Damit wird eine Grundlage geschaffen, auf die Infrastrukturexperten und Städteplanerinnen weltweit zugreifen können, um Infrastruktur gezielt für Velos zu entwickeln und Städte langfristig velofreundlicher zu gestalten.
Auffallend und besonders interessant für das Experiment die Vielfalt der Teilnehmenden: Vom sportlichen Gravel- und Rennradfahrer über E-Bike-Pendlerin bis einem Vater mit Kind sind Velofahrer und Velofahrerinnen divers vertreten. So kann realitätsnah sichtbar werden, wie unterschiedlich sich Velofahrende in dichten Verkehrssituationen verhalten. Die unterschiedlichen Fahrbahnbreiten auf der Baslerstrasse zeigen auch, wie sich die Gestaltung der Infrastruktur auf die Effizienz des Veloverkehrs auswirken.
Probanden warten an der Veloampel auf der Baslerstrasse. Wie sie wieder losfahren wird von oben gefilmt. (Bild: Aline Künzler)
Die Probandinnen und Probanden fahren dabei in unterschiedlichen Szenarien, während Drohnen über ihren Köpfen schweben und das Experiment dokumentieren. Mal fahren die Testpersonen einzeln oder in Gruppen, werden zusammengeführt oder kreuzen sich die Velo-Ströme. Durch den dichten Veloverkehr entstehen enge Situationen, in denen das Überholen zur Herausforderung wird.
Genau dafür wurde das Experiment organisiert: Derart dichten Veloverkehr können die Forscher in der Schweiz (leider) noch nicht finden. Daher wurden Testpersonen aufgeboten um die erhöhte Velodichte zu simulieren. Da die Probanden gemäss ihrer natürlichen Geschwindigkeit und ihrem gewohnten Verhalten fahrend sollten, können die gesammelten Daten trotzdem den Datenmodellen für «echten» Veloverkehr dienen.
Die Velo-Kollonne im Experiment simuliert dichten Verkehr auf der Velovorzugsroute. (Bild: Mobilysis)
Erfasst wurden Geschwindigkeiten, Abstände beim gegenseitigen Überholen sowie Manöver beim Aufstellen und Losfahren an Lichtsignalen. In eben diesen Situationen unterscheiden sich Zweiräder klar von Autos. Gerade das Verhalten an der Ampel sei für Velos viel komplexer als für vierrädrige Fahrzeuge, erklärt Ying-Chuan Ni. Schliesslich kann man sich hinter, neben oder vor andere Fahrzeuge stellen, was unzählige Möglichkeiten für die weiteren Bewegungen in der Velogruppe mit sich bringt.
Bereits zuvor hatte die ETH ein erstes Experiment durchgeführt, bei dem Drohnenaufnahmen zur Dokumentation von Geschwindigkeiten und Überholabständen dienten. Hier stand im Zentrum, die «Traffic Flow Theory» – bisher vor allem aus dem Autoverkehr bekannt – auf Velos zu übertragen. Forschende sehen die grösste Herausforderung in der grossen Heterogenität der Velofahrenden. Faktoren wie Fitness, Velotyp, elektrische Unterstützung oder das Ziel der Fahrt beeinflussen das individuelle Tempo und damit den gesamten Verkehrsfluss.
Die bisherigen Erkenntnisse machen deutlich, dass die Untersuchung des Veloverkehrs weit mehr ist als ein Randthema. Angesichts des wachsenden Aufkommens von Velos und E-Bikes in den Städten ist es notwendig, deren Dynamik genau zu verstehen.

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