Joel Widmer
News,
Reisen,
16.07.2021
Velos mit dicken Reifen eröffnen ihren Fahrerinnen und Fahrern neue Möglichkeiten. Nichts könnte das besser zeigen als eine Tour von Bern ins Wallis.
Joel Widmer
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Reisen,
16.07.2021
In Plasselb füllen wir am Dorfbrunnen unsere Trinkflaschen. Wir sind im freiburgischen Hinterland, dicht an der Sprachgrenze und nahe an der Grenze zwischen Asphalt und Kies. Wir biegen ab Richtung Plasselbschlund, auf eine kleine Strasse, hinauf in die Freiburger Voralpen, hinein in ein Gebiet von Forstwegen und Waldstrassen, hinein in ein Gebiet, für das unsere Velos geschaffen sind.
Mein Freund Reto und ich, wir fahren seit drei Jahren auf unseren Gravelbikes aus und lieben sie. Diesmal soll uns die Tour vom bernischen Schwarzenburg nach Monthey führen. Doch das Ziel des Tages ist nicht nur das Wallis, sondern es sind vor allem die schönen Kiessträsschen beim Schwyberg, am Moléson und unterhalb des Dent de Lys.
Ein paar Kilometer oberhalb von Plasselb wechselt der Belag. Nun fahren wir auf Kies. Und wir fahren alleine. Nur ein Auto wird uns in der nächsten halben Stunde kreuzen. In der Ferne hören wir eine Motorsäge. Das bewaldete Tal ist eine Sackgasse – zumindest für Autos und Rennräder.
Wir fahren auf unseren Bikes mit 47 Millimeter breiten Reifen, beladen mit einer Satteltasche und einer Rahmentasche für eine mehrtägige Tour. Wir steigen in forschem Tempo hoch Richtung La Patta, einen Voralpenhügel 1600 Meter über Meer. Oben wird der Fahrweg ruppiger. Der feuchte Waldboden ist mit Spuren und Furchen von Allradfahrzeugen durchsetzt. Auf der Privatstrasse scheinen Offroadfahrer ihr Geschick zu versuchen.
«Den Ursprung hat das Gravelbike in den USA, wo Velobegeisterte ihre Radmarathons auf kiesige Waldwege verlegten.»
Jetzt wäre ein Mountainbike vielleicht das bessere Velo. Doch wir sitzen noch im Sattel. Ganz oben auf einer Alp endet der Fahrweg. Nun bleibt uns für die nächsten anderthalb Kilometer nur ein Wanderweg. Der ist schön gelegen, wir sehen hinüber zum Schwarzsee und zum Euschelspass. Aber der Weg ist nicht immer fahrbar.
Über einige grössere Absätze müssen wir die Räder schieben. Doch die Laufpassagen sind kurz. Nachdem wir vorsichtig eine Kuhherde passiert haben, biegen wir wieder in einen Kiesweg ein, der uns hinab ins Val de Charmey bringt. Die folgenden Kilometer wechselt der Belag immer wieder zwischen Kies und ruppigem Asphalt. Trotzdem kommen wir flott vorwärts, denn dafür sind unsere Räder ja gemacht.
Viele langjährige Velofahrer sahen schon einige Trends der Fahrradindustrie kommen und gehen. Das Gravelbike wird wohl zu jenen gehören, die bleiben. Den Ursprung hat das Gravelbike in den USA, wo vor rund zehn Jahren einige Velobegeisterte ihre Radmarathons von der Strasse auf kiesige Waldwege und Feuerschneisen («fire roads») verlegten – auf Gravelroads eben. Das Gravelbike war geboren, ein breit bereiftes Rennvelo für Ausfahrten auf Kiesstrassen.
Ich bin begeistert von diesem vielseitigen Rad. Als Gümmeler, der in einer Agglomeration wohnt, nervte es mich mit den Jahren und Kilometern immer mehr, dass ich zumindest einen Teil meiner Ausfahrten im dichten Verkehr verbringen musste. Denn nach Feierabend – wenn ich Zeit für eine Ausfahrt habe – sind auch die kleinen Strassen um Bern mit Pendelverkehr belegt. Mit dem Gravelbike kann ich diesem Verkehr viel schneller entfliehen und habe trotzdem das Gefühl einer flotten Ausfahrt, eines Auslüftens nach einem stressigen Bürotag.
Doch das Gravelbike ist nicht einfach ein Velo für Kiesstrassen. Es ist viel mehr. Es ist ein richtiger Allrounder. Es eignet sich aus meiner Sicht auch am besten für mehrtägige Radtouren in der und um die Schweiz. Es ist leichter, was das Gewicht betrifft, und damit breiter einsetzbar als ein Tourenvelo. Es ist viel flotter als ein Mountainbike. Und es ist geländegängiger als ein Rennvelo.
«Für Mehrtagestouren kann man die meisten Gravelbikes mit einem Gepäckträger für Taschen ausstatten – wenns denn nötig ist.»
Das Spektrum der Strassen und Wege, die man mit einem Velo fahren kann, ist beim Gravelbike wohl am grössten. Mit meinen breiten Semislick-Reifen fahre ich auf Asphalt fast genauso zügig wie mit meinem Rennrad. Und mit dem richtigen Druck geben einem diese Reifen bei trockener Witterung im Gelände so viel Halt, dass man auch 15-Prozent-Steigungen auf Schotterstrassen und leichte Singletrails gut bewältigen kann. Auf meinen Gravel-Alpentouren über Kiespässe vermisse ich mein Fully-Mountainbike jeweils nur auf ruppigen Abfahrten.
Selbst der 1×11-Antrieb, der auf den meisten Gravelbikes verbaut wird, lässt ein erstaunliches Spektrum zu. Ich komme einzig auf leicht abfallenden Asphaltstrassen an die Grenzen eines solchen Antriebs. Dann kann ich bei über 45 km/h nicht weiter beschleunigen. Doch muss ich das?
Für Mehrtagestouren kann man die meisten Gravelbikes mit einem Gepäckträger für Taschen ausstatten – wenns denn nötig ist. Ich bevorzuge Bikepacking-Taschen, fahre meist mit einer grösseren Satteltasche und einer Rahmentasche. Damit habe ich Platz für rund 18 Liter Gepäck. Das bedingt eine Reduktion auf das Wesentliche, ist damit aber auch eine Chance. Denn so bleibt das Velo möglichst leicht. Was wiederum das Spektrum der Wege, die man fahren kann, breit hält.
Für mehrere Wochen lange Radreisen durch abgelegene Gebiete im Ausland kann ein robustes Stahl-Tourenrad noch immer die richtige Entscheidung sein. Für kürzere Touren in den Alpen oder im besiedelten Westeuropa machen einem die leichteren Gravelbikes die Reisen und Abenteuertrips einfacher. So ist in den letzten Jahren denn auch in Europa unter jüngeren Radfans eine Bikepacking-Szene entstanden, die nur gerade die nötigsten Kleider, Schlafsack, Zelt und Kocher am Gravelbike festzurrt und dann loszieht durch Wälder und Schluchten, über Kieswege und Alpenübergänge.
Auch gemeinsame Ausfahrten, Rallys und Rennen werden immer zahlreicher. Der Tuscany Trail, eine Art Gruppen-Ride von 500 Kilometern und 6600 Höhenmetern über die Strade Bianche quer durch die Toscana hat für dieses Jahr über 1100 Anmeldungen. Ein anderer Event, den es schon ein paar Jahre gibt, ist das Torino–Nice Rally über die alten Militärstrassen im piemontesischen Grenzgebiet zu Frankreich.
Auch die krassen Offroad-Langstreckenrennen wie das Atlas Mountain Race oder das Silkroad Mountain Race in Kirgistan, ein Rennen über 1700 Kilometer und 31 000 Höhenmeter, werden oft mit Gravelbikes bestritten. Selbst wenn die Teilnahme an einem solch wahnsinnigen Rennen nicht die Aspiration ist, so dienen sie allemal als Inspiration für eigene Ferientouren.
Auf unserer Tour Richtung Wallis sind wir nun aber wieder auf Asphalt unterwegs und riechen auf der Abfahrt Richtung Broc den Schokoladenduft, der von der nahen Cailler-Fabrik durch den Wald zu uns aufsteigt. Dann queren wir die Talebene, lassen das pittoreske Städtchen Gruyères links auf einem Hügel liegen und steigen ein paar Hundert Höhenmeter nach Moléson-sur-Gruyères auf.
Die Sonne brennt an diesem Sommertag erbarmungslos auf die Strasse. Nicht nur deshalb sind wir froh, können wir den Asphalt bald verlassen. Wir klettern auf der Mountainbikeroute 2 von SchweizMobil Richtung Mittelstation der Bahn auf den Moléson, diesen mächtigen, weit sichtbaren Voralpenberg bei Bulle. Wir sind nun wieder weg vom motorisierten Verkehr. Es kommen uns nur Wanderer und eine Gruppe Trail-Runnerinnen entgegen.
Was dann beginnt, ist ein Abschnitt, der jedes Graveler-Herz höher schlagen lässt. Auf rund 1500 Metern, am Fuss des Moléson, folgen wir einem mehrere Kilometer langen Weg, der mehr oder minder auf derselben Höhe auf der Westseite um die Berggruppe herumführt. Der Weg wechselt zwischen gut fahrbarem Singletrail und Alpstrasse, meist mit grandioser Aussicht ins welsche Mittelland.
In solchen Momenten lässt einen das Gravelbike von der grossen weiten Welt träumen. Doch der Allrounder kann viel profaner eingesetzt werden. Auch als Pendlervelo eignet sich das Gravelbike gut. Es lässt sich meist einfach mit Schutzblechen ausstatten und erlaubt im Werktagsverkehr eine sportliche Fahrweise bei einigermassen aufrechter Sitzposition.
Einen weiteren Pluspunkt hat das Gravelbike als das beste Wintersportgerät unter den Fahrrädern. Für Rennvelos ist es im Winter oft zu kalt. Der Fahrtwind bläst bissig ins Gesicht, und wenn die Strasse von Regen oder Schnee nass ist, wird der Fahrer innert Kürze ebenfalls nass und friert. Für das Mountainbike ist es in der kalten Jahreszeit auf den Singletrails oft zu schlammig oder zu vereist. Bleibt die Kiesstrasse, der Waldweg. Dieser lässt sich auch bei leichter Nässe oder wenig Schnee gut befahren. Zumindest wenn man sein Gravelbike im November mit einem Winterreifen mit ordentlichem Profil ausstattet.
Die Kiesvelos sind aber nicht nur eine Horizonterweiterung für langjährige Rennradfahrerinnen. Ich würde sie auch allen Einsteigern in den Velosport empfehlen. Die Sitzposition ist sportlicher als auf dem Alltagsvelo, aber angenehmer als auf dem Rennrad. Man ist in der Routenwahl frei. Und kann mit einer Rennvelofreundin eine Ausfahrt machen oder mit dem Mountainbikekollegen leicht eine Tour absolvieren.
«Die Kiesvelos sind weit mehr als nur eine Erweiterung des Horizonts für langjährige RennradfahrerInnen.»
Bei der Routenplanung kann man sich als Einsteigerin gut an den Strecken von SchweizMobil orientieren. Meist empfiehlt sich eine Kombination von Velo- und Mountainbikerouten. Um aus der Stadt oder Agglomeration herauszukommen, folgt man einer Veloland-Route.
Draussen in der «Wildnis» bieten sich die Mountainbikerouten an. Alles, was auf der Karte durchgezogen und gestrichelt markiert ist, lässt sich mit einem Gravelbike gut fahren. Einzig bei den gepunkteten Abschnitten – den Singletrails – ist nicht alles fahrbar, insbesondere bei starker Steigung oder Gefälle.
Richtige Gravelparadiese sind das Voralpengebiet und zum Teil auch das Mittelland mit den vielen Wald- und Forstwegen. Wer den auf der Swisstopo-Karte mit schwarzen Linien gezeichneten Fahrwegen folgt, wird viel Spass haben. Das ist auch vifen Tourismusdestinationen aufgefallen. So bietet Graubünden Tourismus am Vorder- und Hinterrhein schon Gravelbike-Routen an.
Unsere Tour um den Moléson zeigt alle Vorteile des Gravelbikes. Wir kamen 122 Kilometer weit, da die Räder auf Asphalt gut rollen, und wir waren dennoch oft weg vom Verkehr, weil die Räder eine fast unbegrenzte Routenwahl zulassen. Nach dem Panoramaweg und ein paar Singletrails folgt die Abfahrt nach Montreux. Immer wieder lassen wir den Blick über den Lac Léman schweifen. Diese Weite lässt einen wieder einmal träumen – diesmal vom Meer.
Unten am See sind wir für einige Kilometer wieder dem motorisierten Verkehr ausgesetzt. Doch in Villeneuve biegen wir in ein Industriequartier ab, fahren zuerst entlang der Autobahn und dann entlang der Rhone Richtung Monthey zum feinen und kleinen Hotel Au Vieux-Manoir. Jetzt sind unsere Velos nicht mehr robuste Bergvelos, sondern flotte Rennräder. Wir gleiten in der Abendsonne mit fast 30 km/h über die Ebene. Der Asphalt hat uns wieder, und das Bier auf der Hotelterrasse ist nahe.

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