6:1 – Klare Niederlage für das «indirekte Linksabbiegen»

Sicher gedacht, kaum gemacht. Velojournal beobachtet das indirekte Linksabbiegen am Helvetiaplatz in Zürich und zeigt, wieso dies kaum genutzt wird.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velogisch.ch)
News, 21.09.2025

Seit dem 1. Januar 2021 gilt in der Schweiz eine neue Verkehrsregel für Velofahrerinnen: Das indirekte Linksabbiegen. Es wurde mit der Revision der Verkehrsregelverordnung eingeführt und soll Velofahrern an Kreuzungen mehr Sicherheit geben. Statt wie bisher direkt von der linken Spur abzubiegen, fahren sie zunächst geradeaus über die Kreuzung, stellen sich auf der rechten Seite der querenden Strasse in einem markierten Feld auf und rollen dann in der nächsten Grünphase geradeaus weiter. Die Regel gilt an Kreuzungen, die mit speziellen Symbolen, Wartefeldern oder Ampeln ausgestattet sind.

Ein Stopp mehr für die Sicherheit

In den meisten Schweizer Städten sind in der Zwischenzeit geeignete Kreuzungen entsprechend ausgerüstet. In Zürich besteht beispielsweise am Helvetiaplatz im Kreis vier die Möglichkeit zum indirekten Linksabbiegen. Die Stadt erklärt auf ihrer Website, dass das neue System zwar mit einem zusätzlichen Halt verbunden ist, dafür aber sicherer sei. Wer im Kreis vier also von der Stauffacherstrasse in die Langstrasse möchte, soll den Umweg über die Veloampel und den Wartebereich nehmen. Das direkte Linksabbiegen ist nicht gestattet, womit es für Autos keine Möglichkeit für den Richtungswechsel nach links gibt. 

Obwohl die seit 2021 geltende Regel des indirekten Linksabbiegens die Sicherheit für Velofahrende erhöhen soll, wird sie in der Praxis kaum genutzt. Eine Beobachtung von Velojournal am Zürcher Helvetiaplatz zeigt, dass die grosse Mehrheit der Velofahrerinnen und Velofahrer die neue Infrastruktur ignoriert und stattdessen weiterhin – und verbotenerweise – direkt links abbiegt.

Die Hauptgründe für die geringe Akzeptanz sind:

  • Schlechte Sichtbarkeit: Viele nehmen die neue Beschilderung, die Bodenmarkierungen und die weit entfernte Veloampel gar nicht wahr.
  • Unpraktisches Design: Der Wartebereich ist zu klein und für Lastenvelos oder Anhänger kaum befahrbar.
  • Unwissen und Gewohnheit: Zahlreiche Velofahrende kennen die neue Regel nicht oder empfinden den zusätzlichen Stopp als unpraktisch.

Fazit: Die theoretisch gut gemeinte Sicherheitsmassnahme scheitert am Helvetiaplatz an einer unpraktischen und nicht optimal kommunizierten Umsetzung.

Feldforschung im Züricher Kreis 4

Velojournal hat die Situation am Helvetiaplatz während zweier Beobachtungsphasen untersucht. Zwischen 7:30 und 8:30 Uhr, mitten in der Stosszeit, überquerten knapp 450 Velos die Kreuzung. Zur ruhigeren Nachmittagsstunde war es etwa die Hälfte. Von den 450 Zweirädern am Morgen bogen gerade einmal 21 nach links ab, doch nur drei davon nutzten die neue Infrastruktur. Achtzehn Velofahrend entschieden sich für die direkte, aber verbotene Variante. 

Insgesamt haben wir während der Beobachtung somit sechsmal mehr falsch abbiegende Velofahrer und Velofahrerinnen gezählt als solche, die das indirekte Linksabbiegen korrekt ausführen. Diese Zählung hat keinen wissenschaftlichen Anspruch, soll aber für eine grobe Einschätzung der Situation dienen.

Unter den fehlbaren Velofahrenden waren auch viele «kreative Köpfe» zu beobachten, die über Fussgängerstreifen, Trottoir, Tram-Trassee oder in direkter Linie quer über die Kreuzung abkürzten. Nicht nur Zweiräder, auch Autos, gar ein Lastwagen und diverse Mofas bogen verbotenerweise nach links ab.

Die Infrastruktur wird nicht gesehen

Im Gespräch mit den Velofahrern und Velofahrerinnen am Helvetiaplatz werden Gründe für die geringe Nutzung der neuen Infrastruktur ersichtlich. Flo etwa erzählt, er wohne gleich um die Ecke und fahre seit Jahren fast täglich über den Helvetiaplatz. Die neue Veloinfrastruktur hat er bis zum Hinweis der Autorin allerdings nicht wahrgenommen. Weder die zusätzlichen Schilder noch die Bodenmarkierungen oder Ampeln sind ihm aufgefallen. «Ich biege jeweils direkt links ab oder umfahre den Platz über die Kanzleistrasse», sagt der junge Zürcher. So könne er Verkehr und Fussgänger meiden. Vor seiner Haustüre im Kreis vier wünscht er sich viel eher einen Kreisel, wovon er sich «flüssigeren Verkehr und weniger Stopps» erhofft.

Andere «Abkürzer» reagierten ähnlich. Eine junge Velofahrerin erklärt: «Ich habe keine Veloampel gesehen». Sie sei sich beim Abbiegen bewusst gewesen, dass «das eh nicht erlaubt ist». Weil sie die Kreuzung aber täglich auf dem Arbeitsweg benutze, habe sie den Überblick und finde das direkte Linksabbiegen nicht gefährlich. Eine andere Velofahrerin sagt: «Ich habe gewusst, dass ich nicht quer über die Kreuzung hätte fahren sollen. Dass es aber eine legale Variante für das Linksabbiegen per Zweirad gäbe, war mir nicht bekannt». Nachdem sie die Veloampel am anderen Ende der Kreuzung entdeckte, meinte sie spontan: «So weit weg?!».

Nichts für «alte Augen»

Auch ein älterer Mann Kritik: «Wenn ein Tram oder ein Bus kreuzt, hat man keine Chance die Ampel zu erkennen». Selbst bei freier Sicht sei es mit seinen «alten Augen» schwierig, die Ampel zu sehen. Ein anderer Velofahrer, der erst seit Kurzem in Zürich lebt, kommt zu Fuss über die Kreuzung und stösst sein E-Bike. Wie er diese Verkehrssituation mit dem Zweirad meistern solle, sei ihm nicht klar. «Deshalb steige ich einfach ab und benutze den Fussgängerstreifen», erklärt er gelassen.

Zwei der direkten Abbieger erklärten erstaunt, dass ihnen nicht bewusst war, überhaupt eine Verkehrsregel zu verletzen. «Wieso sollte ich hier nicht abbiegen?», fragte ein junger BMX-Fahrer kritisch. Einen zusätzlichen Stopp für Velos, das findet er «eine Frechheit».

«Wieso sollte ich hier nicht abbiegen?»

Kurve knapp gekratzt

Die Beschilderung ist klar. Das rote Verbotsschild zeigt eindeutig, dass direktes Linksabbiegen nicht erlaubt ist. Doch der Weg für Velos ist nicht direkt an der Kreuzung geregelt, sondern rund zwanzig Meter vorher, auf einem roten Schild mit Pfeilen und Piktogrammen. Wer sich also erst vorne an der Kreuzung Gedanken zur Verkehrssituation macht, sieht die Beschilderung nicht mehr. Die Signalisation sieht erst ein Rechtsabbiegen in den Wartebereich und dann bei grüner Veloampel eine gerade Überfahrt über die die Kreuzung vor.

Der Wartebereich ist aber nichts für ungeübte Velofahrer. Unser Redaktor testet das Einbiegen in den gelb markierten Bereich mit seinem Lastenvelo von «Hase». Am Helvetiaplatz ist die Kurve in den Wartebereich derart eng geraten, dass das Manöver mit dem etwas längeren Zweirad ohne Abstehen zur Herausforderung wird. Mit einem Kinderanhänger oder als Velokurier mit einem grösseren Lastenvelo ist das Einbiegen wohl kaum zu schaffen. Einmal im Wartebereich angelangt, ist man froh, dass das Linksabbiegen kaum genutzt wird. Der Bereich ist gerade mal genug gross für zwei bis drei normale Zweiräder. 

«Sicherer für alle Verkehrsteilnehmer»

Dies bemängelt auch Agata. Sie ist während der Beobachtung von Velojournal als eine der wenigen Velofahrerinnen korrekt abgebogen. Sie findet die neue Infrastruktur «selbsterklärend und gut gestaltet». Für sie war von Anfang an klar, dass sie die Möglichkeit nutzt und einen zusätzlichen Stopp macht, um vom Linksabbiegen zu profitieren. Allerdings wünscht sie sich mehr Platz im Wartebereich und eine Veloampel direkt beim Haltebalken. «Ich orientiere mich an den Fahrzeugen hinter mir, nicht an der Veloampel», erklärt Agata. Auch für sie ist das Lichtsignal zu weit entfernt.

Während der nachmittäglichen Beobachtung zeigt sich ein ähnliches Bild. Von sieben links abbiegenden Velos nutzte nur ein einziger Velofahrer die vorgeschriebene Variante. Es war, entgegen allen Vorurteilen ein Velokurier. Nils vom Veloblitz erklärt: «Ich würde lieber direkt im Fluss links abbiegen, aber es ist auch ok anzuhalten». Er finde dieses Vorgehen sicherer für alle Verkehrsteilnehmer. «Es geht ja nicht nur darum, auf sich selbst zu achten.» Dass die Regelung am Helvetiaplatz neu sei, wusste er nicht.  Die Beschilderung war für ihn aber eindeutig. Er gab jedoch zu, dass er in ruhigen Situationen manchmal trotzdem direkt abbiege.

Die Bilanz ist klar: Das indirekte Linksabbiegen wurde eingeführt, um den Veloverkehr in der Theorie sicherer zu machen. Allerdings wird es zumindest am Zürcher Helvetiaplatz kaum genutzt. In der Praxis kennen viele Personen kennen die Infrastruktur nicht, andere finden sie unpraktisch oder übersehen die Signale. 

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