Helfer und halbe Hosen

Die einen neigen zu Bauchfett und erfinden kreative Ausreden, um nicht aufs Velo steigen zu müssen. Die anderen leiden einsam in der Gruppe des Pelotons. Gemeinsam ist ihnen das Rennvelo, das im Zentrum steht.

Dres Balmer, Autor

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kultur, 15.09.2023

Die Mühsal des Mamil

Diese «Illustrierte Anleitung für das Leben auf zwei schmalen Reifen», so der Untertitel, richtet sich an die braven Middle-Aged Men In Lycra, kurz Mamils genannt. Mamils, das sind die wackeren Gümmeler, denen die Büroarbeit ein Bäuchlein beschert, das sie auf dem Velo wegtrainieren möchten, damit aber grosse Mühe haben.

Als ordentliche Sportler fahren sie im Winter aber ganz sicher nicht draussen Velo, sondern sie schwitzen zu Hause vor der Glotze auf der Trainingsrolle. Weil das eine dröge Beschäftigung ist, finden sie Vorwände, ihr nicht nachzugehen, und das Bäuchlein ist im Frühling noch grösser.

Das Dasein der Mamils ist pure Mühsal: Sie träumen von edlen Laufrädern, sie hecken Finten aus, wie sie der Ehefrau die hohen Kosten schmackhaft machen können. Sie hängen in den Velogeschäften der Stadt herum, lechzen nach den teuren Maschinen, die dort in den Vitrinen glitzern. Sie können sie sich aber nicht leisten, weil sie auch noch Auto und Eigenheim abzustottern haben.

Zur moralischen Stärkung suchen sie einen Velo-Club, doch bei der Trainingsfahrt wissen sie nicht, ob sie sich in der Gruppe der Ehrgeizlinge, der Mittelstarken oder der Genussradler einreihen sollen. Zudem ertragen sie den schauerlichen Anblick der unrasierten Beine des Vordermanns nicht.

Immerdar ist der innere Schweinehund zu überwinden, die Gründe, nicht auf das Rad zu steigen, sind mannigfaltig: Kinder betreuen, einkaufen oder schlechter Wetterbericht.

Das sind nur ein paar Spielarten des furchtbar komplizierten Mamil-Daseins, die Walker in kristallinen Schwarzweissgrafiken witzig darstellt, oft als Fragespiel, in dem sich der Leser die umständlichste Lösung auswählen und dann lachen kann.

Dave Walker: Die Radfahrer-Cartoons. Covadonga-Verlag, Bielefeld 2017, 18.90 Franken

Ungesellige Geselligkeiten

Hören wir uns die tollen Grundsätze der Olympischen Spiele an. Bei der Eröffnung der 1912er-Ausgabe in Stockholm verkündet Pierre de Coubertin: «Das Wichtigste an den Olympischen Spielen ist nicht, zu gewinnen, sondern teilzunehmen. (...) Wesentlich ist nicht, gesiegt zu haben, sondern sich gut zu schlagen.»

An den Spielen 2021 erweitert das zuständige Komitee in Tokio das Motto «Höher, schneller, weiter» durch den Zusatz «gemeinsam». Beobachtet man den heutigen Ablauf der gigantischen Sportanlässe, die alles andere als spielerisch sind, merkt man, dass von diesen hehren Vorsätzen, falls sie je etwas getaugt haben, nichts übrig geblieben ist.

Martin bringt es am Beispiel des Mannschafts-Radsports auf den Punkt: «Dieser zweifache Befehl – gewinnen und zugleich denen helfen, die es zu schlagen gilt; Erster sein bei völliger Gleichheit – ist selbstverständlich unerfüllbar und zudem heuchlerisch.»

Der Radrennsport ist eine Mischung aus Gemeinsamkeit und Egoismus, ein Individualsport, der getragen wird von Mannschaften, in denen die Hierarchie brutal ist. Die Helfer, Domestiken und Wasserträger schuften, um den Anwärter auf einen Sieg zum Ziel hin nach vorne zu bringen, sie leisten die Hauptarbeit, dennoch gehen sie im ganzen Zirkus vergessen.

Ohne Helfer kommt der Radprofi nicht durch, doch das Zusammenleben in der Mannschaft ist auch nicht einfach. Es gilt, sich zuerst «in der Masse aufzulösen, um ihre Kraft zum eigenen Vorteil arbeiten zu lassen», um dann auf dem Siegerpodest zu stehen.

Der Sport ist ein Spiegelbild unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft, die Martin messerscharf und zuweilen in etwas länglichen Wiederholungen seziert.

Guillaume Martin: Die Gesellschaft des Pelotons. Covadonga-Verlag, Bielefeld 2022, 20.70 Franken

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