Anna Künzler, Daniel Lörtscher (Text und Fotos)
Reisen,
04.05.2026
Zum 60. Geburtstag animiert die Autorin ihren Partner zu einer E-Bike-Tour durch die Schweiz inklusive seiner ersten Passfahrt überhaupt. Ein unvergessliches Erlebnis, von dem beide heute noch zehren.
Anna Künzler, Daniel Lörtscher (Text und Fotos)
Reisen,
04.05.2026
Foto: Sebastian Doerk, Graubünden Ferien
Mit tiun erhalten Sie unbeschränkten Zugriff auf alle Velojournal-Premium-Inhalte. Dabei zahlen Sie nur, solange Sie lesen.
Sie haben bereits ein Velojournal-Abo? Hier einloggen
Endlich ist es so weit: Der Fahrtwind ruft! Ich kann mir einen langjährigen Traum erfüllen: Mit dem Velo von Worb nach St. Moritz zur Schwägerin und zurück – ohne viel Gepäck, ohne Autobahnstau, ohne monotones Motorengebrumme. Verwandtenbesuch einmal anders: als spannende Reise quer durch die Schweiz und als Naturerlebnis.
Zwei Monate zuvor haben mein Partner Daniel und ich uns E-Bikes zugelegt. Damit scheint das Vorhaben auch im Alter von 60 beziehungsweise 62 Jahren bewältigbar. Die Vorfreude ist immens, die Herausforderung beim Packen ebenso. Zum einen ist der Wetterbericht für die kommenden Tage durchzogen. Zum anderen möchten wir zwischen Hin- und Rückreise ein paar Tage im Engadin verweilen, sodass Radlerkluft allein nicht reicht. Schliesslich begnügt sich jeder von uns mit zwei gut gefüllten, wetterfesten Satteltaschen. Ende Mai gehts los.
Unser erstes Tagesziel ist Zug, und es geht los mit einer Steigung nach Grosshöchstetten, wo wir bereits erstmals dem Erfinder des E-Bikes danken. Nach knapp 30 Kilometern erreichen wir mit der legendären Kambly-Fabrik in Trubschachen unseren ersten «Verpflegungsposten». Vor dem gemütlichen Fabrikladen wird «Futter für den Akku» angeboten, und wir nutzen die Gelegenheit, auch unsere Batterien im Kambly-Café zu laden, bevor es weiter Richtung Unesco-Biosphäre Entlebuch geht.
Das Entlebuch ist für Zweiräder mit Radstreifen, abgetrennten Velowegen oder erlaubter Trottoirbenutzung gut befahrbar, sodass wir trotz Sonntagsausflugsverkehr flott vorankommen und bald eine rassige Abfahrt hinunter nach Wolhusen geniessen können. Wenige Kilometer später erreichen wir die Wallfahrtskirche in Werthenstein, die über der Kleinen Emme thront. Ein Bijou. Der Weg hoch zur Kirche führt an dem in den Felsen gehauenen «Gnadenbrünneli» vorbei, einer Quelle, der die Franziskanermönche bereits im 17. Jahrhundert Heilkräfte zuschrieben.
Da wir bisher zum Glück heil geblieben sind, fahren wir weiter nach Emmen und auf dem Radweg der Reuss entlang Richtung Zug. Dort treffen wir Mitte Nachmittag zusammen mit den ersten Regentropfen bei «Andi’s B&B» ein. Die von aussen unscheinbare Unterkunft ist innen stilvoll, gemütlich und sauber. Und auch unsere Bikes können sicher untergestellt werden. So geniessen wir nach den ersten 110 Kilometern eine ausgiebige Dusche, lockern unsere Muskeln und verspeisen anschliessend in der Stadt eine leckere Pizza.
Letzter Halt vor St. Moritz beim Lej da Staz; auch bei suboptimalen Wetterbedingungen ein stimmungsvoller Ort.
Der zweite Tag beginnt regnerisch. Nach dem Frühstück steigen wir dennoch motiviert aufs Rad mit Ziel Sargans. Es ist offensichtlich: Petrus ist heute weniger gut gelaunt. Bereits auf dem Hirzel suchen wir Schutz vor dem ersten Gewitter. Der Tag ist noch lang, und wir möchten möglichst lange einigermassen trocken bleiben. Es ist ein spezielles Abenteuer, dort oben zu stehen und Regenfronten in verschiedenen Grau- und Weissschattierungen vorüberziehen zu sehen. In der frisch gereinigten Luft geht es anschliessend weiter über verwinkelte Feld-, Wald- und Wiesensträsschen hinunter nach Lachen. Mittlerweile scheint wieder die Sonne, und wir kehren dort in einem heimeligen Tea-Room ein. Es scheint der Mittagstreffpunkt von gereiften, fein frisierten Damen zu sein, und ich fühle mich unheimlich «verwegen» mit meiner verregneten Velofrisur.
Über die Linth-Ebene geht es weiter Richtung Ziegelbrücke. Wir wähnen uns im Sonnenschein – haben aber den Wetterradar am Mittag nicht mehr studiert, was sich bald rächt. Auf halber Strecke werden wir von einer heftigen Regenfront quasi überrollt. Da helfen auch die kräftigsten Oberschenkel und der stärkste Motor nichts mehr, die Front ist schneller. Innert Kürze sind Handyhülle, Handy, Schuhe und so weiter nass, die Brillen blind. Die Motivation ist im Eimer. Wir bringen uns in einer Strassenunterführung in Sicherheit. Nach dem ersten (und einzigen) Durchhänger auf dieser Reise rappeln wir uns wieder auf; immerhin funktionieren die E-Bikes noch tadellos.
Vom vor uns liegenden Wegstück entlang des Walensees erwarten wir als Radfahrende angesichts der eingeschränkten Platzverhältnisse zwischen See, Auto- und Eisenbahn und Bergen nicht allzu viel. Doch man sollte sich vom Leben immer wieder überraschen lassen. Der Radweg zwischen Ziegelbrücke und Walenstadt erweist sich nämlich als spannend und abwechslungsreich. Er führt durch einen Radwegtunnel, über einen kurzen, steilen Naturweg, unter der Autobahn hindurch direkt an den See, über die Bahnlinie und wieder zurück. Wir staunen ob der Kreativität der Radwegbauenden, die es auf diesem schmalen Landstreifen geschafft haben, auch Velofahrern einen abgetrennten, tollen Weg zur Verfügung zu stellen. Chapeau.
Das letzte Stück von Walenstadt nach Sargans schaffen wir dank GPS-Navigation problemlos und nächtigen nach 90 Kilometern im gemütlichen, etwas nostalgischen Hotel Franz Anton. Wir freuen uns sehr, dass die Pos und die Beine von uns «Bürogummis» das lange Fahren bis jetzt so gut meistern.
Bei schönstem Wetter starten wir anderntags Richtung Filisur. Heute liegen nur 80 Kilometer vor uns. Im Vertrauen auf unser «Motörli» gehen wir die Reise zuversichtlich an, trotz anstehenden mehr als 1000 Höhenmetern. Entlang des Rheins erreichen wir auf gut ausgebauten Uferradwegen Chur, wo wir das Flachland verlassen. Gemächlich ansteigend geht es via Domat-Ems auf dem Polenweg weiter nach Thusis. Unterwegs lädt ein Aussichtspunkt mit herrlichem Blick auf den mäandernden Hinterrhein und auf Rhäzüns zu einer Rast ein. Eine kleine Zwischenverpflegung ist jetzt genau das Richtige.
Zwischen Thusis und Tiefencastel führt der Radweg auf der Hauptstrasse durch den Solistunnel. Rasch merke ich: «Das ist nicht mein Ding!» Der dröhnende Auto- und Lastwagenlärm im Tunnel setzt mir zu, da ich bei dieser ohrenbetäubenden Geräuschkulisse die Distanz der Fahrzeuge hinter mir nur schwer einschätzen kann und das Gefühl habe, gleich überrollt zu werden. Zum Glück ist der Tunnel nicht sehr lang.
In Tiefencastel zweigen wir Richtung Albulapass ab, der am kommenden Tag auf dem Programm steht. Ende Mai ist in dieser Gegend Zwischensaison. Die Skisaison ist vobei und die Wanderzeit noch fern, was bedeutet, dass offene Unterkünfte eher rar sind. Schliesslich finden wir im Hotel Rätia eine Bleibe. Mangels Velounterstand ketten wir die Bikes vor dem Hotel ans Geländer und hoffen, dass diese ohne Akkus für niemanden von Interesse sind. Bei einem gemütlichen Spaziergang durch Filisur bewundern wir das berühmte Landwasserviadukt und die einzigartigen Bündner Häuser mit den typisch abschrägten Fensterumrandungen und den Fassadenmalereien.
Auf der abenteuerlichen Fahrt zwischen Bergün und dem Albulapass windet sich die Passstrasse zwischen Steilwänden hindurch.
Ausgeschlafen und voller Vorfreude geht es am Morgen Richtung Albulapass und ans Eingemachte. Daniel feiert heute seinen 60. Geburtstag und nimmt seine ersten Passfahrt per Bike in Angriff. Beim Aufstieg sind wir überwältigt von der Schönheit des malerischen Dorfes Bergün, eingebettet in eine traumhafte Bergwelt. Bald passieren wir die imposanten Albula-Viadukte sowie den tiefgrünen Palpuognasee. Das letzte Stück im steilen Aufstieg, das wir mit Akku-Unterstützung jedoch gut meistern, ist Ende Mai noch von Schneefeldern gesäumt.
Oben angekommen, ist die Freude riesengross: Wir habens geschafft: Wir sind auf dem Albula, auf 2315 Metern über Meer, angekommen. Jetzt stossen wir erst einmal auf Daniels Geburtstag an. Die Party währt leider nicht lange, da das Gasthaus Albula nach dem Winter erst heute wieder öffnet. Immerhin reicht es für einen Kaffee und ein Stücklein Engadiner Nusstorte, dann beginnt die Abfahrt. Es scheint, als hätten wir den Pass für uns gebucht. Nur selten überholt uns ein Auto, sodass wir die Räder hinunter nach La Punt-Chamues-ch so richtig rollen lassen können. Eine Riesengaudi: Die Strasse ist steil und es rollt und rollt und rollt – bis ich einen Blick auf den Tacho werfe, der 65 km/h anzeigt. Ein Schreckmoment. Ich habe mir absichtlich kein 45-er-Bike gekauft, weil ich weitgehend ungeschützt auf dem Zweirad «vernünftige» Geschwindigkeiten fahren will. Und jetzt das. Während Daniel ungebremst von dannen zieht, bremse ich vorsichtig ein wenig ab, fahre in meinem Wohlfühltempo weiter und bin froh, Daniel in den Albula-Haarnadelkurven heil anzutreffen.
Die letzten 13 Kilometer gehen wir gemütlich an. In Pontresina wählen wir den Waldwanderweg hoch zum malerischen Lej da Staz, von wo es nur noch ein Katzensprung ist bis St. Moritz. Hier feiern wir Daniels Geburtstag, der unvergesslich bleiben wird. Wir sind richtig stolz auf uns. Obwohl wir bisher offengelassen haben, ob wir die Rückreise per Bahn oder per Bike absolvieren, ist für beide bereits klar, dass wir nach ein paar Ferientagen auf unseren Elektrovelos heimkehren wollen.
An den bikefreien Tagen per Bahn auf dem malerischen Berninapass an den spiegelnden Bergseen unterwegs.
Nach ein paar velofreien Tagen im Engadin sehnen wir uns Anfang Juni wieder nach unseren Bikes. Nach den positiven Erfahrungen der Hinreise wissen wir, dass da noch Luft nach oben ist und längere Strecken möglich sind. Drei Tage für den Rückweg nach Worb sollten daher reichen.
Über den Flüelapass geht es am ersten Tag bis nach Sargans, 130 Kilometer, 1430 Meter Aufstieg und fast doppelt so viel Abstieg. Was wir nicht eingerechnet haben, ist der Sonntagsverkehr. Gefühlt das halbe Unterland scheint einen Ausflug auf den Flüela geplant zu haben. Der Verkehr ist dicht, und die Baustellen sind auch nicht gerade entschleunigend. Immerhin hat es keine Lastwagen.
Dank gegenseitiger Rücksichtnahme zwischen Autolenkerinnen, Töfffahrern und Bikern schaffen wir es unfallfrei bis nach Davos und Klosters. Anschliessend belohnt uns eine traumhaft schöne Fahrt durchs Prättigau, fernab vom Verkehr, über weite Strecken entlang des Flusses Landquart bis zu dessen Einmündung in den Rhein bei Landquart. Von hier aus geht es auf dem von der Hinfahrt bereits bekannten Rheinuferweg weiter, wo uns schon von Weitem das Schloss Sargans unser Tagesziel ankündet.Wir staunen, wie ergiebig die Akkus sind, und sind froh, haben wir keinen Ersatzakku gekauft, den es mitzuschleppen gälte.
Am zweiten Rückreisetag schaffen wir es auf nahezu derselben Route zurück nach Steinhausen. Der Walensee erscheint bei Sonnenschein im tiefsten Türkis. Den Weg nach Lachen, wo uns das Gewitter überrollt hat, absolvieren wir mit einem Lächeln. Von Steinhausen geht es zurück nach Emmen. Die Kirche in Werthenstein passieren wir mit einem Dank für die unfallfreie Fahrt. Kurz nach dem letzten steilen Anstieg von Wolhusen nach Escholzmatt atmen wir wieder Berner Luft. Zu Hause wissen wir zu schätzen, dass wir nur wenig Gepäck mitgenommen haben: Wer wenig einpackt, muss auch wenig auspacken und waschen.
Wir sind nicht das erste Mal mit dem Velo unterwegs. Mit einem E-Bike wird der Radius aber deutlich grösser. Damit werden neue Abenteuer möglich, die wir nicht warten lassen wollen. Der Fahrtwind ruft! Auf gehts zur nächsten Herausforderung, diesmal nach Deutschland.
Reisedauer: 25. Mai bis 3. Juni 2025. 7 Tage auf dem Bike / 3 bikefreie Tage.
Hinweis: In der Zwischensaison sind in Graubünden viele Gaststätten geschlossen. Daher rechtzeitig Unterkunftsmöglichkeiten erkunden.
Reiseroute: Worb → Entlebuch → Zug → Hirzel → Walensee → Sargans → Chur → Albulapass → St. Moritz → Flüelapass → Landquart → Sargans → Ziegelbrücke → Hirzel → Steinhausen → Wolhusen → Escholzmatt → Worb
Anzahl Kilometer: 641 km
Höhenmeter: 7330 m

Abonnieren Sie den Velojournal-Newsletter. Als Dankeschön erhalten neue Abonnenten eine Velojournal-Ausgabe kostenlos.
Jetzt abonnieren!
08. bis 10. Mai 2026
Beyond Normal Cycling
Premiere in Zürich: Die lokale Rahmenbau-Szene lädt zur einzigartigen Ausstellung handgemachter Velos.
...
09. Mai 2026
Beyond Normal Cycling Talk: Alles Nische oder was?
Velojournal präsentiert: Alles Nische oder was? Handgemachte Velos im Gesamtmarkt. Mit: Pete Mijnssen,...
09. Mai 2026
Kidical Mass Zürich
Die farbenfrohe Fahrt für Gross und Klein auf zwei Rädern.
10. Mai 2026
Slowup Schaffhausen-Hegau
Auf dem 38 Kilometer langen Rundkurs wird sechsmal die Grenze überquert (Deutschland/Schweiz) und acht...
17. Mai 2026
Slowup Solothurn-Buechibärg
Der Bucheggberg, südwestlich der Kantons-Hauptstadt und schweizweit schönsten Barock-Stadt Solothurn...
Zu den Terminen
Cycljobs ist die Stellenbörse der Schweizer Velobranche. Neuer Job gesucht? Hier finden Sie ihn.
Offene Stellen ansehenHaben Sie Fragen zu Ihrem Abonnement? Gerne helfen wir Ihnen weiter.
Aboservice und Rechnung
Velomedien AG / Velojournal
Claudia Frei
Kalkbreitestrasse 33
8003 Zürich
Telefon: +41 44 241 60 32
administration@velojournal.ch