Kindervelos mit 20-Zoll-Reifen: Velojournal macht den grossen Test

20-Zoll-Kindervelos eröffnen Freiheiten und entscheiden darüber, ob Velofahren Freude macht oder zur Frustübung wird. Wie sich Kinder ihr erstes Velo wünschen, zeigt unser Praxistest.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velojournal.ch)
News, 16.09.2026

Zusammen mit dem TCS hat das Velojournal zehn vielverkaufte Kindervelos zwischen 130 und 650 Franken auf Herz und Nieren geprüft. Sieben der Testprodukte setzen auf den klassischen Kettenantrieb, drei auf einen Riemenantrieb. Letztere sind das «Belter 20» von EarlyRider, das «20 Riemen Kindervelo» von Flizzi sowie das «Rascal 20» der Marke Rascal Bikes. 

Im Test dabei sind Produkte von auf Kindervelos spezialisierten Marken wie das «LS-Pro» von Puky, das «Chameleon 20» der Marke Naloo oder das «Go 4» von Woom, aber auch Zweiräder bekannter Marken wie das «Numove 200 Disc» von Cube und das «Contrail» der Marke Scott. Im Testfeld dominieren V-Brakes, lediglich das Modell von Cube sowie das «Explore 900R» von Rockrider verfügen über Scheibenbremsen. 

Die Velos wurden beim Grossverteiler, im Fachhandel und online gekauft, so etwa das «Stargirl» der Marke Stitch. Um vergleichbare Voraussetzungen zu schaffen, wurden ausschliesslich Velos mit 20-Zoll-Laufrädern ohne Federgabel und ohne Schutzblech berücksichtigt. Zusammen mit sechs Kindern im Alter zwischen fünf und sechs Jahren wurden die Velos auf einem Parcours dem Praxistest unterzogen. Ergänzend beurteilten Fachpersonen unter anderem Ergonomie, Verarbeitung und Ausstattung. Ein standardisierter Bremstest untersuchte zudem die Bremsleistung der einzelnen Modelle.

Gewicht: Leicht ist nicht alles – aber fast 

Das Gewicht gehört zu den wichtigsten Verkaufsargumenten moderner Velos. Dies ist gerade im Fall von Kindervelos keineswegs unbegründet. Wer schon einmal beobachtet hat, wie ein Kind sein Velo eine Treppe hochträgt oder nach einer Picknickpause wieder aufrichtet, merkt schnell: Jedes eingesparte Gramm hilft. Zu den Leichtgewichten mit unter 8 kg Systemgewicht gehören das Woom-Velo mit gerade mal 7,6 kg, dicht gefolgt vom Rad der Marke Rascal mit 7,8 kg. Am anderen Ende der Rangliste stehen das Rockrider «Explore 900R» mit 10,2 Kilogramm und das «Stargirl» von Stitch mit 11,3 Kilogramm. Damit bringt das schwerste Testvelo fast vier Kilogramm mehr auf die Waage als das leichteste. 

Für ein sechsjähriges Kind mit einem Eigengewicht von rund 20 kg bedeuten vier zusätzliche Kilo, ein Fünftel seines Körpergewichts obendrein bewegen zu müssen. Dies zeigte sich besonders auf dem Parcours des Praxistests. Mussten die Kinder ihr Velo über einen Baumstamm tragen, schnitten die leichten Modelle klar besser ab. Das Woom-Bike erhielt beim Tragen die höchste Bewertung, dicht dahinter folgte das Rascal-Velo. 

Ebenfalls klar mit dem Gewicht korreliert auch der Preis der getesteten Modelle. Nicht nur das geringste Gewicht, sondern mit 609 Franken auch den zweithöchsten Kaufpreis findet man beim «Go 4» von Woom, wogegen das mit 129.90 Franken günstigste «Stargirl» mit dem einzigen Stahlrahmen in Test das schwerste Velo ist.

Nicht das Bremssystem entscheidet

Scheibenbremsen gelten als modern, V-Brakes dagegen oft als veraltet. Der Test zeigt jedoch ein eigenes Bild. Entscheidend für 20-Zoll-Velos scheint nicht, welches Bremssystem verbaut ist, sondern ob ein Kind dieses überhaupt bedienen kann. Für die Bremsmessungen mussten die jungen Testfahrer Geduld beweisen. Jedes Velo wurde mindestens fünfmal aus einer Geschwindigkeit von 15 km/h bis zum Stillstand abgebremst. Zwischen dem kürzesten und dem längsten Bremsweg liegt zwar fast ein Meter, insgesamt bewegen sich aber alle Velos auf einem guten Niveau. Das Woom «Go 4» stand nach durchschnittlich 1,3 Metern still, das Puky hatte mit 2,2 Metern den längsten Bremsweg. 

Einen klaren Vorteil der beiden Scheibenbremsen gegenüber den klassischen Felgenbremsen konnte der Test jedoch nicht nachweisen. Offenbar erzeugen beide Systeme genügend Bremskraft, um das geringe Gewicht von Kind und Kindervelo zum Stillstand zu bringen. Wichtiger als der gemessene Bremsweg ist gemäss dem Bremstest, wie auch gemäss den Bewertungen der Kinder selbst, die Erreichbarkeit des Bremshebels sowie die Bedienbarkeit des Bremssystems. 

Subjektive Einschätzung der Kinder

Die Kinder bewerteten nicht die maximale Bremskraft, sondern ihre subjektive Einschätzung des Bremsvorgangs. Sie wurden gefragt, wie einfach und kontrolliert sich die Velos abbremsen liessen. Ein leichtgängiger, gut erreichbarer Bremshebel vermittelt Vertrauen und kann auch auf längerer Fahrt ohne müde Hände bedient werden. 

Vertrauen entscheidet letztlich darüber, wie sicher sich ein Kind auf seinem Velo fühlt. Das Cube-Bike überzeugt mit der kleinsten Bremshebelweite im Test, die sich gut von Kinderhänden greifen lässt. Auch die Produkte von Woom und Naloo schneiden in diesem Bereich gut ab. Anders präsentieren sich die Modelle von Rockrider und Stitch. Dort beträgt der minimale Abstand vom Lenker bis zum Bremshebel mehr als sieben Zentimeter, was nicht für alle Kinder im Test praktisch zu greifen war. Bei sämtlichen Testmodellen ausser dem Rockrider lässt sich die Bremshebelweite einstellen, was für wachsenden Kinderhände Spielraum bietet.

Ergonomie: Wenige Zentimeter entscheiden 

Die Rahmengeometrie und die Proportionen des Velos entschieden, ob ein Kind sicher auf- und absteigen sowie angenehm lenken kann. Dies idealerweise auch, wenn das Kind wächst. Am besten löst diese Aufgabe das Woom «Go 4». Dessen Lenker und Sattel bieten einen grossen Verstellbereich, und auch in engen Kurven bleibt genügend Schräglagenfreiheit zu den Pedalen. Das Naloo-Velo punktet vor allem mit seiner niedrigen Überstandshöhe und der grosszügigen Fussfreiheit. Bereits Kinder mit einer Innenbeinlänge von rund 43,5 Zentimetern können sicher über dem Rahmen stehen.

Beim Cube-Velo überzeugen dagegen die durchdachten Einstellmöglichkeiten. Neben dem Flizzi-Velo verfügt dieses als einziges Testvelo über einen verstellbaren Vorbau, mit dem sich der Lenker sowohl in der Höhe als auch in der Reichweite anpassen lässt. Wächst das Kind, wächst auch das Velo ein gutes Stück mit. Wie gross die Unterschiede der Geometrien tatsächlich sind, zeigt der Vergleich mit dem Rockrider «Explore 900R». Obwohl auch dieses Modell mit 20-Zoll-Rädern ausgestattet ist, liegt das Oberrohr rund 55 Zentimeter über dem Boden. Daraus ergibt sich eine empfohlene Mindestkörpergrösse von etwa 124 Zentimetern. 

Beim Naloo-Modell mit gleich grossen Laufräudern genügt dagegen eine Körpergrösse von rund 105 Zentimetern, um das Velo zu fahren. Auch scheinbar kleine Details wirken sich direkt auf das Fahrverhalten aus. So beeinflusst die Länge der Kurbel, wie angenehm Kinder pedalieren können. Zu lange Kurbeln zwingen Knie und Hüfte in eine starke Beugung und erschweren einen runden Tritt. Während das Woom mit kindgerechten 11 Zentimetern die Bestnote erzielt, verbaut Rockrider mit 14,5 Zentimetern die längsten Kurbeln im Test. Die Laufradgrösse allein sagt allerdings erstaunlich wenig darüber aus, ob ein Kindervelo gut passt. Wer ein Kindervelo kauft, sollte deshalb nicht nur auf die Zollangabe achten, sondern auch darauf, ob Rahmen, Sitzposition und Bedienelemente tatsächlich zum Kind passen. Eine Probefahrt ist hierzu der einfachste Weg.

Fazit: Am Ende zählt das Kind 

Der Test zeigt, dass sich Kindervelos trotz gleicher Laufradgrösse deutlich unterscheiden. Das leichteste Modell ist nicht automatisch der Testsieger, Scheibenbremsen bremsen nicht zwingend besser als Felgenbremsen, und hochwertige Komponenten nützen wenig, wenn kleine Hände diese nicht bedienen können. Besonders ausgewogen präsentieren sich das Woom «Go 4», das Naloo «Chameleon» und das Cube «Numove». Alle drei verfolgen unterschiedliche Konzepte, überzeugen aber mit einer konsequent auf Kinder abgestimmten Konstruktion. 

Das Woom-Velo punktet mit seinem geringen Gewicht und einer hervorragenden Ergonomie, das Naloo-Modell mit seinem tiefen Einstieg und viel Bewegungsfreiheit, das Zweirad von Cube mit seinen vielseitigen Einstellmöglichkeiten und den sehr gut erreichbaren Bremshebeln. 

Der Test macht aber vor allem eines deutlich: Ein Kindervelo sollte nicht nach Laufradgrösse oder Marke ausgewählt werden. Viel wichtiger ist, dass es zum Kind passt. Kann es sicher über dem Rahmen stehen? Erreicht es Brems- und Schalthebel problemlos? Fühlt es sich auf dem Velo wohl? Sind diese Fragen mit Ja beantwortet, ist bereits der wichtigste Schritt getan, denn nichts motiviert mehr zum Velofahren als ein Velo, das von der ersten Fahrt an Vertrauen vermittelt.

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