Jugendliche radeln nicht mehr: Warum die Velonutzung dramatisch sinkt

Kinder und Jugendliche sitzen nicht mehr so oft auf dem Velo. Das ist an sich keine neue Erkenntnis. Nun erodiert die Nutzung jedoch dramatisch. Was passiert da gerade?

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
16.09.2026

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Bei der Generation der über 40-Jährigen erinnern sich wohl noch viele, wie es war, das erste Velo in den Händen zu halten. Wie sich der Bewegungshorizont auf einen Schlag erweiterte und die Welt zur Eroberung einlud. Später kamen Velo-Abenteuer hinzu, Reisen vielleicht. Mit den Kulträdern Worldtraveller oder Papalagi konnte man die Welt erkunden oder zumindest so tun. Oder man turnte mit dem angesagten Mountainbike in den Bergen herum. Das war damals oberste Coolness-Kategorie. 

Das ist heutzutage zwar alles auch noch möglich, wenn auch der zunehmende Strassenverkehr in den letzten Jahrzehnten vielen die Freude daran vergällt hat und für Velo-Stress sorgt. Darauf reagieren speziell auch Kinder und Jugendliche, die den Umgang damit erst lernen müssen. In der Schweiz sind es knapp 457’000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. 

Verfügbarkeit ist nicht Nutzung

Velos sind im Vergleich zu früher zwar in vielen Haushalten vorhanden, viele davon fristen aber ein «Kellerdasein» – werden also nur sporadisch gebraucht. Denn Verfügbarkeit ist nicht Nutzung. Und diese hat in den letzten dreissig Jahren markant abgenommen.

Das Velo verliert

Dies belegt der letzte Mikrozensus Mobilität und Verkehr des Bundesamtes für Strassen Astra von 2021. In dessen Rahmen werden diese Bewegungen alle fünf Jahre ausgewiesen. Am Erhebungstag hatten 19 Prozent der 13- bis 15-Jährigen mindestens eine Veloetappe zurückgelegt. Bei den 16- bis 20-Jährigen waren es 11 Prozent. Zum Vergleich: 1994 lag der entsprechende Wert bei den 13- bis 15-Jährigen noch bei 39 Prozent. Auch die Zahl ihrer täglichen Veloetappen hat sich seither von 1,3 auf 0,6 mehr als halbiert. 

Auch als Vehikel für den Ausbildungsweg verliert das Velo an Reichweite. Immer weniger Jugendliche steigen überhaupt in den Sattel. Auf Sekundarstufe, bei den 13- bis 15-Jährigen, wurden 2021 noch 21 Prozent solcher Distanzen mit dem Velo zurückgelegt. 38 Prozent erfolgten zu Fuss, rund ein Drittel mit dem öffentlichen Verkehr. Im Jahr 2015 betrug der Veloanteil noch 25 Prozent. Und auch bei den 16- bis 20-Jährigen verschieben sich die Verhältnisse weiter: Rund die Hälfte der Ausbildungswege wird nun mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt. 

Denn mehr als zwei Drittel der Ausbildungswege sind länger als drei Kilometer. Und wer für Gymnasium, Berufsschule oder Lehrbetrieb weiter fahren muss und bereits ein ÖV-Abo besitzt, nutzt dieses häufig auch in der Freizeit. Das Velo wird damit nicht allein von Mofa, Roller oder Auto konkurrenziert, sondern vor allem von einem gut ausgebauten und für Jugendliche oft vergünstigten öffentlichen Verkehrsangebot.

Der Einfluss des Smartphones 

Die Abnahme bei der Velonutzung ist auch eine Folge des Ausbaus bei der ÖV-Infrastruktur, die für diese Generation zeitgleich mit der Erfindung des Smartphones stattfand. Dieses wiederum hat den Social-Media-Boom beflügelt. So nutzen laut der James-Studie der ZHAW 2024 fast alle 12- bis 19-Jährigen ein Smartphone und surfen dort auf Instagram, TikTok, Snapchat und WhatsApp. 

Laut der alle zwei Jahre durchgeführten Studie knüpfen sie darüber zwar Kontakte, aber in den wenigsten Fällen zum Thema Velofahren. Perfekt passen die Digital-Plattformen hingegen in die ÖV-Welt: Nahverkehrslinien sind seit Jahren ein Jugendhaus-Ersatz, wo geplaudert und gechattet wird. Die günstigen Jugend-Abos der ÖV-Betreiber, meist in öffentlicher Hand, werden rege benutzt. Und wer ein Abo hat, nutzt dieses auch für relativ kurze Schulwege. 

Daniel Sauter von Urban Mobility Research, der die Studie für das Astra erstellt hat, sagt auf Anfrage: «Es scheint mir eine reale Gefahr zu sein, dass vor allem der ÖV mit den Förderaktionen dem Velo das Wasser abgräbt, während man gleichzeitig dieses zu fördern versucht.»

Velofahren ist stressig und peinlich 

Urban Mobility Research hat eine Umfrage zum Mobilitätsverhalten von Jugendlichen im Kanton Basel-Stadt erstellt und zusammengefasst. Die ernüchternden Aussagen passen gut in das oben erwähnte Bild. So sagte ein Jugendlicher: «Ich könnte schon mit dem Velo gehen, aber mit dem Tram sehe ich meine Kolleginnen, und das ist gemütlicher, als mit dem Velo allein zu fahren.» Oder: «Im Tram kann man spielen, Musik hören und SMS schreiben.» 

Ein weiterer, auf die Frage, warum er nicht das Zweirad nimmt: «Weil man mit dem Velo nicht so nebeneinander fahren kann.» Oder: «Mit dem Velo nebeneinander fahren ist stressig, weil man immer schnell auf die Seite gehen und Platz machen muss, wenn ein Auto kommt.» 

Auch der Lifestyle kann gegen das Velo spielen. So sagt eine Jugendliche: «Es ist peinlich, mit dem Velo zu kommen.» Und auch die leidige Helmfrage führt zu weniger Velofahrten: «Ich bekomme von den Eltern Veloverbot, wenn ich ohne Helm fahre.» Kurz: Der ÖV ist bei einer Mehrheit der 13- bis 15-Jährigen cool, das Velo out. Da mag es durchaus praktisch erscheinen, auf die bisher kaum regulierten E-Scooter und Tretroller umzusteigen. Deren Nutzung ist bei Kindern und Jugendlichen auf Schulwegen seit 2010 um 68% gestiegen und macht heute 9% der Wege aus.

Vorbilder gesucht 

Immerhin: Wer Velo fährt, tut dies nicht wesentlich weniger häufig als frühere Generationen. Laut Astra haben sich bei den aktiv Velofahrenden die Zahl der Etappen, die Distanzen und die Pendelzeit langfristig deshalb nur wenig verändert. Dennoch sind auch hier die zunehmenden Ausbildungswegsdistanzen der Velonutzung hinderlich. Ob das E-Bike einen Trendumschwung bewirken kann, muss sich laut Sauter erst noch zeigen. Die Resultate der nächsten Studie liegen voraussichtlich erst im nächsten Frühling vor. 

Für häufig Velonutzende bleibt das Zweirad dennoch schnell, flexibel und sorgt für Unabhängigkeit. Zudem ist Velofahren gesund und sportlich. Ein Aspekt, der gerade bei männlichen Jugendlichen wieder an Bedeutung gewinnt. Wichtig ist und bleibt die Vorbild-Rolle der Eltern: Gemeinsame Fahrerlebnisse helfen beim Erwerb der Autonomie auf zwei Rädern. Das Bild vom Velo festigt sich damit auch als Ausdruck von Persönlichkeit und Individualität. Das ist beim höher gebildeten Teil der Gesellschaft laut der Mobilitätsstudie eher der Fall als in bildungsfernen Familien, wo Velofahren oft als gefährlich wahrgenommen wird. 

Kampagne von Pro Velo

Das Velo in der Schule wieder populär machen – das ist das Programm von Défi Velo. Die von Pro Velo geleitete Kampagne will 13- bis 20-Jährigen mittels Geschicklichkeitsübungen, Umgang mit Verkehrssicherheit, Velowartung und spielerischem Wettbewerb die Velokultur näher bringen. Durchaus mit Erfolg. In einer Evaluation sagten 55 Prozent der Teilnehmenden, sie fühlten sich danach auf dem Velo sicherer. 36 Prozent schätzten ihre Fähigkeiten im Verkehr besser ein. In der Nachbefragung zeigte sich eine Zunahme der Velonutzung um 9 Prozent. Dennoch erreicht das Programm schweizweit bislang nur einen kleinen Teil der Zielgruppe. Die Astra-Studie beziffert die Reichweite für den untersuchten Zeitraum (zwischen 1994 und 2021) auf 1,4 Prozent der Lernenden auf der Sekundarstufe.

Bewegungskompetenz sinkt

Auf Nachfrage bestätigt Norina Bürkler, Projektverantwortliche Deutschschweiz von Défi Velo, den Befund: «Wenn die Jugendlichen keine eigenen Velos mehr haben, wird die Organisation komplizierter. Das heisst, wir müssen Mietvelos organisieren, damit sie überhaupt teilnehmen können.» Einher mit der allgemeinen Abnahme der Velokompetenz geht der Bewegungsmangel. 

Und wenn sich Jugendliche weniger bewegen, sinke auch ihre allgemeine Bewegungskompetenz. Das Velo wäre dabei ein idealer Einstieg, Kinder und Jugendliche wieder zu mehr Bewegung zu animieren, weil es relativ viel verzeiht. «Im Turnunterricht zum Beispiel fallen eher unsportliche, unbewegliche Kinder viel schneller auf», so Bürkler. 

Gegenwind fürs Velo

Sie fordert mehr Engagement für das Velo von allen Seiten. So müssten die Schulen Velos zur Verfügung haben, damit alle mitmachen können, es sollte mehr Platz im Unterricht erhalten und Wege im Rahmen vom Unterricht (etwa für den Schwimmunterricht, bei Ausflügen) sollten mehr mit dem Velo gemacht werden. Das Gegenteil ist aber der Fall. Generell stellt sie fest, «dass im Moment auf allen Ebenen in Sachen Velo eher ein Gegenwind bläst». 

Klingen die Forderungen utopisch in einer Zeit, wo der Schulplan ohnehin unter Druck ist? Die erwähnten sozialen Aspekte hat die Geografin Aurélie Schmassmann in ihrer im letzten Jahr veröffentlichten Dissertation breiten Raum eingeräumt. Als Konsequenz fordert sie genau wie Bürkler eine Reihe von politischen Empfehlungen zur Stärkung und Verbesserung des Velofahrens bei Jugendlichen. Ergänzend fordert sie eine Einschränkung des Autoverkehrs in der Umgebung von Schulen sowie die Einrichtung sicherer und attraktiver Routen, die auch den sozialen Aspekt des Velos berücksichtigen, wie etwa das Nebeneinanderfahren.

Alle von Velojournal angefragten Personen betonen den Zielkonflikt zwischen Velonutzung und den immer weiteren Schul- und Ausbildungswegen. Solange das so sei, «bringt das viele Jugendliche (und Erwachsene) wahrscheinlich eher zum ÖV als aufs Velo», so Norina Bürkler. Fahrkurse verbessern zwar Sicherheit und Selbstvertrauen, können aber einen zehn Kilometer langen Ausbildungsweg nicht verkürzen oder eine gefährliche Kreuzung nicht entschärfen. 

Der Rollermarkt wächst

Profitieren von dieser Entwicklung kann hingegen eine andere Mobilitäts-Art: Der Motorrad- und Rollermarkt der Schweiz hat in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 kräftig zugelegt, wie der Branchenverband Motosuisse kürzlich verkündete. Die vorwiegend in der Freizeit bewegten Motorräder verzeichneten ein Plus von 3,8%, die hauptsächlich als Transport- und Nutzfahrzeuge verwendeten Roller ein Plus von 10,2%. 

Zynisch gesagt: Wenn die Politik versagt, regelt es der Markt. Im Sinne der Dekarbonisierung und der Verkehrsentlastung ist diese Entwicklung sicher nicht. Die Schweiz braucht eine grundlegend erneuerte Velokultur, nicht nur bei Kindern und Jugendlichen.

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