Die Radindustrie lernt dazu

Corona bescherte der Velobranche einen Boom – und einen Kater. Viele Hersteller produzierten zu viel, zu laut, zu schnell. Eine Umfrage im Schweizer Velohandel fünf Jahre danach. Welche Lehren wurden gezogen?

Emil Bischofberger, Autor
Hintergrund, 06.03.2026

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Wer auf einen Blick wissen will, wie es um die globale Velo­branche steht, schaut sich den Aktienkurs von Shimano an. Der japanische Komponentenhersteller ist der Schrittmacher der Radindustrie, so dominant ist seine Marktposition. Die Shimano-Aktie erzählt keine positive Geschichte: Seit ihrem Höchststand im September 2021 hat sie 30 Prozent verloren.

Ja, die Radindustrie leidet auch noch fünf Jahre nach der Corona-Pandemie an deren Nachwirkungen. Was einigermassen paradox ist, bescherte diese der Velobranche doch einen nie erwarteten Wachstumsschub. Doch viele Hersteller schätzten diese Nachfrage falsch ein und schraubten ihre Produktionen hoch. Die Folge: Überproduktion, kombiniert mit überlangen Lieferfristen, weil nicht alle Produzenten mit der Nachfrage mithalten konnten. Entsprechend lagern bei vielen Veloherstellern bis heute Velos, die in der Nach-Corona-Euphorie produziert wurden – und warten weiter auf Abnehmer.

Branche wurde gierig …

Wie sehr hat die Situation den Schweizer Velomarkt durchgeschüttelt? Einen guten Überblick hat Branchenkenner Urs Rosenbaum, der das jährlich erscheinende «Marktbulletin Velohandel Schweiz» herausgibt. «Die Lage des Schweizer Velohandels ist angespannt, aber besser als noch vor einem Jahr», sagt Rosenbaum. Wenn er die Geschehnisse zusammenfassen soll, die hierhergeführt haben, sagt er: «Man wurde gierig. Und hat expandiert.»

Das prägnanteste Beispiel von Misswirtschaft ist für ihn jenes von KTM Motorrad. Der Töffhersteller stieg mit seiner Marke Husqvarna 2017 ins E-Bike-Geschäft ein. Während dem Corona-Hoch wurde die Velosparte von KTM Motorrad so euphorisch, dass man sich komplett verkalkulierte: So sehr, dass der Gesamtkonzern nur durch den Verkauf an den indischen Mitbewerber Bajaj Auto gerettet werden konnte. Die E-Bike-Produktion wurde sogleich eingestellt. Im Lager: 200 000 fertige E-Bikes, was dem Gesamtabsatz des Schweizer Markts entspricht. Auch arriviertere Unternehmen haben schwer zu kämpfen:Canyon etwa gab bekannt, 320 Stellen abzubauen, was rund 20 Prozent der Belegschaft entspricht – nach drei Jahren mit Verlusten in zweistelliger Millionenhöhe.

... und wieder pragmatisch

Was Rosenbaum ebenfalls auffiel: Die Velobranche baute in der Nach-Corona-Euphorie viele Velos, die ihr gefielen, statt solche, die die Kundschaft wollte. Deutlich wurde das vor allem bei den E-Mountainbikes, wo viele hochmotorisierte und entsprechend schwere und teure Modelle auf den Markt kamen. «Mit diesem ‹Grösser, schneller, weiter› verkalkulierte man sich», sagt Rosenbaum. Zudem spüre man heute auch, dass aufgrund der wirtschaftlichen Lage das Portemonnaie nicht mehr ganz so locker sitze wie noch während der Pandemie, als die Möglichkeiten fürs Geldausgeben beschränkter waren.

Rosenbaum blickt aber optimistisch in die Zukunft: Weil die Verkehrsdaten weiterhin steigende Zahlen zeigten. Und weil Corona die gesamte Velobranche habe pragmatischer werden lassen. Man baue nun auch wieder entsprechende Velos.

 

Migros zieht sich aus dem Velogeschäft zurück

Den Schweizer Velomarkt traf der Corona-Kater insgesamt nicht ganz so hart wie den internationalen. Einzig der E-Bike-Pionier Flyer musste die Produktion in der Schweiz beenden, was aber nicht nur an Corona lag. Die einzige Marktbereinigung bei den Händlern passierte nicht deswegen.

Sondern durch den Rückzug der Migros aus dem Velogeschäft. Von deren 18 Bikeworld-Filialen übernahm zwar Thömus deren 13. Zugleich verschwand aber auch die Hälfte der 45 SportX-Standorte, die alle auch Velos verkauft hatten.

Thömus-Gründer Thomas Binggeli wurde mit der Übernahme auf einen Schlag zu einem der grössten Velohändler der Schweiz. Mit der Bikeworld-Übernahme ist Binggeli zufrieden, Thömus wird auch 2026 das Filialnetz beibehalten. Er sagt: «Wir kämpfen auch, mit dem Markt, mit Zulieferern, mit der Saisonalität. Aber das ist die Velo­branche.» Dann fügt er an: «Wir sehen uns nicht als Händler, sondern als Veloproduzenten mit eigenen Shops.» Auf den gesamten Schweizer Velomarkt blickt er zurückhaltend-positiv: «Es gibt Anzeichen, dass die Talsohle durchschritten ist. In der Schweiz nutzen die Leute das Velo gern: im Alltag, für Sport und im Tourismus.»

Mit Innovationen gegen die Krise

Pessimistische Worte sind bei unserer kleinen Umfrage in der Schweizer Velobranche nirgendwo zu hören. Ein Grund dafür sind auch Innovationen. «Bei allen Velotypen, wo wir Innovationen entwickeln, läuft es recht gut», sagt etwa Thomas Binggeli. Walter Schärli von Intercycle bestätigt dies. Sein Unternehmen konnte etwa mit E-Bikes von Amflow, die mit dem neuen, sehr leichten Avinox-Motor ausgestattet sind, gute Geschäfte machen. Weil Intercycle noch weitere gut laufende Marken im Portfolio hat, konnte man 2025 gar einen Rekordumsatz mit zweistelligem Wachstum erzielen.

Mit der Entwicklung der Bikemarke Bixs ist Schärli ebenfalls sehr zufrieden, nachdem man bei dieser 2023 ein neues Verkaufskonzept eingeführt hat: Weg von der Vororder, hin zum Showroom-Konzept. Sprich: Die Händler müssen nicht mehr zig Velos in allen Grössen an Lager nehmen, sondern lediglich eine bestimmte Auswahl an Modellen zur Präsentation. Das Lager verwaltet Intercycle zentral für die ganze Schweiz. «In der Krise spielte uns in die Karte, dass wir mit den Händlern sehr partnerschaftlich umgingen», sagt Schärli. Zudem habe man die Rabattschlacht nicht mitgemacht: «Dabei merkten wir: Der Preis ist oft nicht der Verkaufstreiber.»

Das mittlere Preissegment unter Druck

Dass die Schweizer Player im Coronaboom ruhig blieben, zahlt sich nun aus. Das bestätigt auch Reto Waeffler, der Co-CEO Tour de Suisse Bikes. Tour de Suisse fertigt seine Velos nur auf Bestellung. Die Produktion am Standort Kreuzlingen war bereits zu 90 Prozent ausgelastet, ins Ausland wollte man nicht expandieren. «Unsere Umsätze stiegen auch, aber wir spüren weniger Nachwehen. Im Gegenteil: Wir haben das Pandemieniveau beinahe halten können, was in der Branche doch ausserordentlich ist», sagt Waeffler.

Zugleich vertreibt sein Unternehmen auch die Marke Stevens. Hier wiederum spürte man den internationalen Marktdruck deutlich. «Stevens ist eine Marke im mittleren Preissegment. Solche kommen unter Druck, wenn plötzlich die Preise vieler Highend-Velos heruntergeschrieben werden», so Waeffler. Es habe viel länger gedauert als angenommen, bis diese Überproduktion aus dem Markt abgeflossen sei. «Aber es gibt erste Anzeichen, die positiv stimmen.»

Verhaltener Optimismus

Solche Tendenzen spürt auch Nathalie Schneitter, seit kurzem Geschäftsführerin von Velosuisse, dem Verband der Schweizer Fahrradlieferanten. «Es herrscht verhaltener Optimismus», sagt sie. Die Werkstätten brummten und seien ausgelastet, «das bedeutet: Es wird nach wie vor viel Fahrrad gefahren». Positive Signale erhält Schneitter beim Absatz von Alltagsvelos, am besten laufen Rennvelos und Gravelbikes – eine Aussage, die auch andere Befragte bestätigten.

Ohne die aktuellsten Zahlen aller Marktteilnehmenden zu kennen, führt Schneitter noch einen zweiten Grund für ihren Optimismus heran, in ihrer zweiten Rolle als Messeverantwortliche der Zürcher Cycle Week. «Das Corona-Hoch und das Tief haben wir stark gespürt. Die Marketingbudgets mancher Hersteller waren zeitweise so klein, dass ihnen schlicht das Personal fehlte, um überhaupt einen Stand zu besetzen. Nun ist die Grundstimmung viel positiver als in den vergangenen zwei Jahren – was für mich ein Abbild des Marktes ist», sagt sie. Auf dass sich irgendwann auch der Shimano-Aktienkurs wieder nach oben bewegt.

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