Zürich braucht einen Velo-Leuchtturm

Zürich ist um eine Fussgängerbrücke reicher. Mit dem kürzlich eröffneten Negrellisteg sind die Kreise 4 und 5 auf der Höhe der Europaallee nun verbunden. Doch bei Velofahrenden kommt nur halbe Freude auf.

Pete Mijnssen ist Chefredaktor des Velojournals.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Kommentar, 01.04.2021

Es begann mit einem Traum: 2010 prämierte die Stadt Zürich mit dem Negrellisteg ein Brückenprojekt, das eine Verbindung für den Fuss- und Veloverkehr über das Gleisfeld des Hauptbahnhofs bilden sollte. Da sich der schon lange geplante Velotunnel in unmittelbarer Nachbarschaft des Negrellistegs befindet, wurden die Pläne 2016 abgespeckt. Fortan wurde die Brücke nur noch als Fussgängerüberführung geplant und Ende März 2021 endlich eröffnet.

Soweit so erklärbar und verständlich. Nur: Warum muss immer der Veloverkehr zurückstecken? Warum warten Velofahrende seit Jahrzehnten auf Verbesserungen und lassen sich immer wieder vertrösten? Man erinnert sich: Seit Mitte der Neunzigerjahre werden ihnen bessere Zeiten an der Langstrasse versprochen (noch unter der Ära Aeschbacher), das gleiche gilt für den Velotunnel, über den dieses Jahr nun endlich abgestimmt wird (auch er ursprünglich ein steinaltes Verkehrsplanung-Relikt aus der Mitte des letzten Jahrhunderts).

«Warum muss immer der Veloverkehr zurückstecken? Warum warten Velofahrende seit Jahrzehnten auf Verbesserungen und lassen sich immer wieder vertrösten?»

Zwar ist gerade in letzter Zeit Zürichs Velodurchgängigkeit etwas in Fahrt gekommen. Aber der Streit zwischen Stadt- und Gemeinderat geht weiter und wird wieder lauter. Wo Linke und Grüne generell mehr Platz und Prioritäten fürs Velo fordern und auf die unzähligen Volksabstimmungen verweisen, ist der Stadtrat nach wie vor zaudernd.

Kein Wunder, geht das Gezänk weiter, beispielsweise bei den Velovorzugsrouten und generell bei der Frage, wie Veloverbindungen umgesetzt werden sollen. Wo der Gemeinderat eine rasche und grosszügige Umsetzung verlangt, zieht der Stadtrat oft mit Unschuldsmiene seinen Kopf aus der Schlinge und verweist – wie seit Jahrzehnten (auch hier!) – auf den Kanton.

«Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie hilflos im Tiefbauamt nach wie vor geplant und argumentiert wird.»

Wie fadenscheinig diese Manöver sind, zeigt das jüngste Beispiel am Albisriederplatz, wo der Stadtrat den erhöhten Platzbedarf fürs Velo mit dem Verweis auf den Kanton abschmetterte. Pikant daran: Die Badenerstrasse ist eine kommunale, also städtische Strasse. Der Stadtrat hätte also durchaus mehr Spielraum gehabt. Touché!

Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie hilflos im Tiefbauamt nach wie vor geplant und argumentiert wird. Das schleckt keine Geiss weg. Das Beispiel Negrellisteg zeigt aber auch auf, wie schnell ein Fussgänger-Leuchtturm geplant und umgesetzt wird – nur knappe zwanzig Jahre insgesamt. Auf den Velo-Leuchtturm warten wir immer noch. Bis jetzt ist keiner in Sicht.

Stolz präsentiert die Stadt Zürich den Negrellisteg.

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