Wie grün ist die Veloindustrie?

Marken werben zunehmend mit Nachhaltigkeit. Wie steht es um das Umweltbewusstsein in der Velobranche? Und was macht ein Velo ökologisch nachhaltig?

Dominic Redli, Autor (redli@cyclinfo.ch)
News, 06.06.2021

«Es gibt einen neuen Kommunikationstrend in der Veloindustrie: Nachhaltigkeit», kommentiert Vertriebsleiter Dirk Kurek die Frage, ob das Thema beim Schweizer Velohersteller Komenda (Cresta, Ibex, Bergstrom) auf der unternehmensstrategischen Agenda steht. Seit ein paar Jahren gibt es im Outdoor-Bereich durchaus bemerkenswerte Entwicklungen und Unternehmen wie Pearl Izumi oder Vaude, die ganz auf Transparenz, soziale Standards und umweltverträgliche Produktion setzen.

Wie schaut es in der Fahrradindustrie aus? Was macht Velos und ihre Herstellung nachhaltig? Versuchen sich die Unternehmen mit ihren Werbeslogans nur ins rechte Licht zu rücken – sprich «Greenwashing» zu betreiben – oder stecken gesamtheitliche Strategien dahinter? Das Thema «Nachhaltigkeit» umfasst Ökonomie, Soziales und Ökologie, ist vielschichtig und komplex. Deshalb beschränkt sich dieser Beitrag auf den ökologischen Aspekt und beleuchtet ohne Anspruch auf Ganzheitlichkeit anhand einiger Beispiele aktuelle Bestrebungen der Velobranche. Folgendes vorweg: Die Unterschiede sind riesig.

Alter Zopf

Im Gegensatz zum Kommunikationstrend sind die Bestrebungen hin zu mehr Umweltverträglichkeit nicht neu. Bereits in den 1990er-Jahren war das nach ökologischen Standards gefertigte Fahrrad schon ein Thema. Etwa bei Villiger. Gemeinsam mit Greenpeace startete unter der Federführung des ehemaligen Geschäftsführers des Verbunds Service und Fahrrad, Albert Herresthal, ein entsprechendes Projekt: «Dabei setzten wir uns Leitlinien wie Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Wartungsarmut des Rads», berichtet Herresthal.

Bei Villiger fragte man sich schon damals, wie etwa eine umweltverträgliche Produktion auszusehen hat, welche Materialen für welche Bauteile unter diesen Gesichtspunkten sinnvoll sind, wie eine Mehrwegverpackung den Spagat zwischen Ökologie und Ökonomie schafft und wie weite Transportwege vermeidbar sind. «Wir realisierten sogar ein Recyclingsystem, um das Velo am Ende seiner Lebensdauer in seine Bestandteile zu zerlegen, um es soweit wie möglich in den Materialkreislauf zurückzuführen», erklärt Herresthal.

«Wir realisierten sogar ein Recyclingsystem, um das Velo am Ende seiner Lebensdauer in seine Bestandteile zu zerlegen, um es soweit wie möglich in den Materialkreislauf zurückzuführen»

Albert Herresthal

Scheinbar war das Projekt seiner Zeit voraus. Es scheiterte nach nur wenigen Jahren; hauptsächlich an der geringen Nachfrage und den hohen Kosten.

Vom Tisch ist das ökologische Fahrrad damit aber nicht. Einen neuen Anlauf nimmt gerade Veloplus. Bereits seit mehreren Jahren ist man dort mit der Entwicklung eines eigenen Modells nach vergleichbaren Kriterien beschäftigt. Dies zeigt, wie schwierig es ist, diesen Ansprüchen bei einem globalisierten Produkt wie dem Fahrrad gerecht zu werden. Schliesslich kommen die Bauteile von vielen verschiedenen Zulieferern aus aller Herren Länder.

Um den CO2-Fussabdruck dafür zu berechnen, hat der Schweizer Versandhandelspionier bei den «Juniors» der ETH Zürich eine Studie in Auftrag gegeben. Unter anderem wurden die drei gängigsten Materialien für den Rahmenbau hinsichtlich ihrer Treibhausgasemissionen untersucht und festgestellt, dass Stahl die beste Wahl ist.

«Das Velo ist in der Gesamtschau kein Null-Emissionen-Fahrzeug. Mit seiner Elektrifizierung noch weniger.»

Gemäss der Studie werden von der Rohstoffgewinnung bis zur Fertigstellung eines Rahmens aus Aluminium im Vergleich zu Stahl sechsmal mehr CO2-Äquivalente ausgestossen. Im Fall von Carbon sogar neunmal mehr. Zudem sei Stahl langlebiger, einfacher reparierbar und praktisch unbegrenzt rezyklierbar. Deshalb ist die Wahl des Rahmenmaterials für das Veloplus-Projekt klar. Aber auch bei der Auswahl der Komponenten und ihrer Beschaffung gebe es wesentliche Unterschiede, was die Emissionen betrifft, so Veloplus.

Shimano, als grösster Komponentenproduzent der globalen Fahrradbranche unternimmt seit 2004 im Rahmen des hauseigenen «Green Plan» Anstrengungen, um seinen ökologischen Fussabdruck zu verringern. Ausser der Modernisierung seiner Fabriken gehören dazu etwa die Reduktion von gesundheits- und umweltschädigenden Giftstoffen über die gesamte Lieferkette oder die Reinigung und Wiederverwendung des bei der industriellen Fertigung entstehenden Abwassers.

Verkehr versus Sport

Bezüglich des Recyclings schneidet Carbon klar schlechter ab als Alu und Stahl. Ein ausgedienter Carbonrahmen landet heute meistens im Müll. Repariert werden können Carbonschäden aber durchaus. Das beweisen Spezialisten wie das Schweizer Unternehmen Bieri Bike Care, die etwa auch durchgebrochene Kettenstreben oder gerissene Sitzrohre an Mountainbikes neu laminieren, sodass sie danach sogar den sehr hohen Belastungen im Enduro-Renneinsatz standhalten, wie Inhaber Marcel Bieri sagt.

Derlei Reparaturen sind bei den heutigen, dünnwandigen Alurahmen hingegen kaum möglich und aufgrund des niedrigeren Anschaffungspreises auch selten wirtschaftlich. Dies unterstreicht auch, wie sehr Ökologie und Wirtschaftlichkeit in einem Zielkonflikt liegen.

«Der Fahrradmarkt war schon immer in die Anwendungsbereiche Verkehr und Sport geteilt – und für den letzteren war Ökologie noch nie besonders wichtig.»

Albert Herresthal

Dass viele Velohersteller im Sportsegment – aufgrund der zweifelsohne ausgezeichneten Performance von Carbon – in der jüngeren Vergangenheit trotz schlechter Umweltverträglichkeit zunehmend auf das Material setzen, kommentiert Albert Herresthal wie folgt: «Der Fahrradmarkt war schon immer in die Anwendungsbereiche Verkehr und Sport geteilt – und für den letzteren war Ökologie noch nie besonders wichtig.»

Dazu passt, dass sich von den vier Grossen in diesem Segment nur zwei auf die Anfrage des Branchenportals Cyclinfo äusserten, welche Anstrengungen sie in diesem Bereich unternehmen. Während Scott und Specialized schwiegen, verwies die Cycling Sports Group (Cannondale, GT) auf ihre recyclebaren Verpackungen.

Trek-Sprecher Veit Hammer stellte hingegen in Aussicht, bis 2024 alles Plastik aus den Verpackungen verbannen und «Deponiemüll» gänzlich vermeiden zu wollen. Zudem fokussiere Trek beim Überseeverkehr auf Seefracht und gestalte derzeit die firmeneigene Fahrzeugflotte um, «mit dem Augenmerk darauf, den bisher durch diese generierten CO2-Ausstoss deutlich zu verringern», so Hammer.

Heimvorteil

Beim Schweizer Hersteller Komenda gehen die Bestrebungen weiter. Man achtet auch bei der Produktion der eigenen Fahrräder auf die ökologische Nachhaltigkeit, betont Vertriebsleiter Kurek. Denn geht es doch darum, «den Velofahrern für jedes einzelne Produkt einen minimalem CO2-Fussabdruck zu garantieren», findet er. Darauf legt Komenda Wert, betont Kurek und nennt die Marktnähe der hiesigen Assemblierung sowie die hauseigene Lackiererei als entscheidende Faktoren. Im Gegensatz zu den in Fernost produzierenden Herstellern weiss man, was mit Abwasser und Produktionsabfällen passiert und woher der Strom kommt.

Das betont auch Reto Meyer, Geschäftsführer bei Tour de Suisse, wo die Energie aus der eigenen Photovoltaik-Anlage sowie Biogas kommt. Zudem, so Kurek weiter, lässt Komenda ausschliesslich mit Rahmen gefüllte Container aus Asien verfrachten, was den Fussabdruck im Vergleich zur Verschiffung von Komplettvelos um rund 60 Prozent verringert und setzt, wo immer es möglich ist, auf Anbauteile aus Europa, um die Transportemissionen zu reduzieren.

«Es geht darum, den Velofahrern für jedes einzelne Produkt einen minimalem CO2-Fussabdruck zu garantieren.»

Dirk Kurek, Vertriebsleiter Komenda

Trotzdem gibt es Komponenten, die zugeliefert werden müssen und damit unvermeidbare Emissionen: «Bei Shimano haben alle dasselbe Problem», gibt Kurek zu bedenken. Sehr Ähnliches gibt Reto Meyer zu Protokoll und unterstreicht die positiven Auswirkungen auf die Ökobilanz der lokalen Fertigung, die Kontrollierbarkeit der Prozesse und die Mehrwegvelokartons, die man verwendet.

Letztlich geht es für die Velobranche bei der Ökologie vor allem darum, möglichst transparente Angebote zu schaffen. Diesbezüglich geht Riese & Müller als gutes Beispiel voran. Vor kurzem hat das Unternehmen seinen ersten Verantwortungsbericht veröffentlicht. Dieser gewährt einen detaillierten Einblick, wo der Hersteller heute ökologisch steht und wie er bis 2025 zum nachhaltigsten Unternehmen in der E-Bike-Branche werden will.

Klar ist aber auch: das Velo ist in der Gesamtschau kein Null-Emissionen-Fahrzeug. Mit seiner Elektrifizierung noch weniger.

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