Velo-Zückerchen für Zürich

«Mit dem Velo sicher und einfach durch Zürich» lautet die Vision. Damit dies gelingt, gibt es einiges zu beachten und vielseitige Massnahmen umzusetzen, sagt die Stadt Zürich.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, 03.11.2023

Es passiert in der Stadt Zürich viel zugunsten des Velos, aber es ist noch ein weiter Weg bis ans Ziel. Das ist die Kurzfassung des neusten «Bericht Velo in Zürich 2023» zum Stand der Veloförderung in der Limmatstadt.

Zwar liegt das Hauptaugenmerk Zürichs auf den Velovorzugsrouten, deren Netz sich in den nächsten zehn Jahren über die ganze Stadt spannen soll. Zukünftig soll das Netz über 130 Kilometer umfassen. Davon werden aber nur 50 Kilometer im Sinne der Volksinitiative «Sichere Velorouten für Zürich» umgesetzt werden. Bislang entspricht noch kein einziger Abschnitt den Vorgaben. Auch nicht der als Prestigeobjekt dienende Abschnitt auf der Basler- und Bullingerstrasse. Dafür müsste die Strecke komplett vom motorisierten Durchgangsverkehr befreit werden oder die Veloroute auf baulich abgetrennten Velowegen verlaufen. Heute ist dies nicht der Fall.

Kleine Schritte, grosse Wirkung

Aber nicht nur die geplanten Velovorzugsrouten sollen zu einer Verbesserung der Situation für Velofahrende auf städtischem Boden führen, sondern auch zahlreiche kleinere Massnahmen, welche die Stadt Zürich eingeführt und getestet hat. Im Bericht werden 60 umgesetzte Sofortmassnahmen aufgeführt. Grob lassen sich die Massnahmen in drei Kategorien einteilen: Sicherheit, zügiges Vorankommen und Komfort und Abstellplätze.

Sicherheit durch einfache Massnahmen

Dank aufgehobener Parkplätze oder Spurabbau für den motorisierten Verkehr entstand auf ausgewählten Strassen Platz für breite Velostreifen. Ausserdem hat die Stadt laut eigenen Angaben auf zahlreichen Strassen die Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 30 gesenkt, «womit die objektive und subjektive Sicherheit der Velofahrenden verbessert werden konnte.», wie die Stadt Zürich schreibt. Für mehr Komfort zum Beispiel entlang der Bahnhofsstrasse wurden die Randsteine abgeschliffen. Und am Hirschengraben wurde auf der Bergseite das Trottoir zum Veloweg umfunktioniert.

 

Zudem setzt die Stadt auf die beiden Veloprojekte «Bikeable» und «Velosecuro». Beide Projekte haben das Ziel, die Sicherheit für Velofahrende zu verbessern. Bei «Bikeable» werden Rückmeldungen der Velofahrenden genutzt, um gefährliche Stellen zu identifizieren. Ziel des Projektes «Velo Sicuro» ist es, Velounfallherde systematisch zu erfassen und Velorouten auf ihre Sicherheit zu inspizieren, um möglichst schnell Verbesserungsmassnahmen zu realisieren. Laut Stadt konnten dank dem Projekt «ein Unfallherd saniert und mehrere Schwachstellen zur Erhöhung der Sicherheit behoben werden, so die Einmündung Lang-/Josefstrasse, die Seefeld-/ Arosastrasse oder der Seilergraben in Fahrtrichtung Central.»  Auch wurden am Bucheggplatz, am Hubertus und am Knotenpunkt Dörfli- / Schwammendingerstrasse bauliche Massnahmen umgesetzt, damit Velofahrende besser vor rechtsabbiegenden Fahrzeugen geschützt sind.

Die Stadt zeigt sich zuversichtlich: «Die ersten Resultate der Wirkungskontrolle zur Sanierung von Unfallherden sind ermutigend.»

Schnelles Vorankommen

Seit einigen Jahren achtet die Stadt bei Bauprojekten darauf, Velosäcke und Haltebalken von mindestens 4 Metern Länge zu markieren. Die speziellen Markierungen sind ein einfaches Mittel, um die Gefahr von Rechtsabbiege- und Totwinkelunfällen einzudämmen. Die Stadt Zürich schreibt: «Aktuell werden alle vorhandenen Haltebalken und Velosäcke an Lichtsignalgeregelten Knoten bezüglich ihrer Länge überprüft. Zu kurze Wartebereiche sollen auf eine Mindestlänge von 4 Metern verlängert werden.»

Ebenfalls für Sicherheit, aber vor allem auch für zügiges Vorankommen auf dem Velo sorgt die gezielte Entflechtung von Velo- und Fussverkehr. Mischflächen sollen aufgehoben werden und Konflikte sollen entschärft werden. Velos sind zukünftig nur noch ausnahmsweise auf Trottoirs zugelassen.

2021 kam mit dem Rechtsabbiegen bei Rot eine einfache und komfortable Neuerung für Velofahrende. An den mit dem kleinen Rechtsabbiegenschild versehenen Kreuzungen dürfen Velofahrende legal bei Rot rechtsabbiegen. Zudem sorgen spezielle Veloampeln mit Vorstart zum Beispiel an der Kreuzung Friesenberg- / Schweighofstrasse oder an der Rudolf-Brun-Brücke für mehr Sicherheit und gleichzeitig auch besseres Vorankommen. Auf gewissen Strecken, wie zum Beispiel der Dörflistrasse in Oerlikon wurden bergabwärts die Ampeln so geschaltet, dass eine grüne Welle für Velofahrende entsteht.

 

Alle Massnahmen, die ein schnelles Vorankommen unterstützen, nützen aber nichts, wenn Schneeberge auf den Velowegen liegen. Seit 2022 sollen deshalb wenigstens die Vorzugsrouten bevorzugt vom Schnee befreit werden. Ergänzend gibt es auf «Bikeable» den Schneemelder. Hier können Velofahrende Velowege die vom Schnee versperrt sind, melden.

Komfortable Infrastruktur ausserhalb des Verkehrs

Nicht nur auf den Strassen arbeitet die Stadt daran, die Velomobilität zu unterstützen. Im letzten Jahr lag zum Beispiel der Fokus des Veloexpressteams auf der Schaffung neuer Abstellplätze. Aus einzelnen Autoparkplätzen wurden so jeweils zehn Abstellmöglichkeiten für Velos errichtet. Insgesamt wurden laut der Stadt Zürich rund 300 öffentliche Abstellplätze realisiert. Weitere Abstellmöglichkeiten entstehen zur Zeit in den zukünftigen Velostationen beim Bahnhof Stadelhofen und beim Velotunnel im Zürcher Hauptbahnhof.

Beim Bahnhof Enge wurde eine Velomietbox in Betrieb genommen, die auch über Ladeplätze für E-Bikes verfügt.

Viele Schritte bis ans Ziel

Trotz der 60 umgesetzten Sofortmassnahmen der Stadt Zürich, die im «Bericht Velo Zürich 2023» genannt werden, hat die Stadt noch viel vor sich, damit Zürich zur sicheren Velostadt wird. Zwar fahren mehr Personen regelmässig Velo. In den letzten 20 Jahren nahm der Veloverkehr um 84 Prozent zu. Leider zeichnet sich in der Unfallstatistik ein ähnliches Bild ab. 2023 waren 40 Prozent aller Schwerverletzten Velofahrende. Um so wichtiger, dass die Sicherheit für Velofahrende massgeblich verbessert werden kann.

Zurzeit arbeitet die Stadt Zürich mit den genannten Massnahmen an vielen Ecken und Enden daran den «Schaden» zu begrenzen. Aber alles dauert lange und ist zu wenig konsequent umgesetzt.

Kein Mut für konsequente Lösungen

Eine massgebliche Verbesserung sollen die geplanten und priorisierten Velovorzugsrouten bringen. Viele der geplanten Routen sind aber durch Einsprachen blockiert, und die Stadt Zürich plant, nur einen guten Drittel aller Strecken überhaupt vom motorisierten Verkehr zu befreien. Bis dahin werden viele kleinere Sofortmassnahmen den Veloflickenteppich etwas sicherer gestalten müssen. Viele kleine Massnahmen also, aber keine Würfe für ein velofreundliches Zürich, welche die federführende Stadträtin Simone Brander präsentiert. Viele Wählerinnen und Wähler, die mit ihrer Wahl gehofft hatten, dass es nun vorwärtsgeht, dürften ob dem neusten Bericht abermals enttäuscht sein. Trotz den jahrzehntelangem deutlich ausgefallenen Abstimmungen fürs Velo, fehlt der Stadt noch immer der Mut zum Wurf. Es läuft noch immer noch nach dem Motto «dörfs es bitzeli meeh sii»? Zückerchen-Politik eben.

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