Aline Nusshold,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
News,
20.10.2026
Reflektoren brauchen keinen Strom und machen Velofahrende trotzdem besser sichtbar. Wie sie funktionieren, was Kunststoff und Textilien unterscheidet und weshalb Reflektoren an den Beinen besonders wirksam sind.
Aline Nusshold,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
News,
20.10.2026
Wenn die Tage kürzer werden und die Dunkelheit früher einsetzt, haben Reflektoren Hochsaison. Sie finden sich an Pedalen, Speichen und Schutzblechen, aber auch an Jacken, Schuhen und Rucksäcken. Die kleinen Lichtfänger gibt es in unterschiedlichsten Ausführungen. Was sie gemeinsam haben: Sie werfen einfallendes Licht dorthin zurück, woher es gekommen ist.
Anders als eine Velolampe erzeugt ein Reflektor kein eigenes Licht. Er wirft das Licht einer anderen Quelle zurück, beispielsweise das Scheinwerferlicht eines Autos. Dieses Prinzip nennt sich «Retroreflexion». Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Spiegel, der das Licht in eine vom Einfallswinkel abhängige Richtung reflektiert, lenkt ein Retroreflektor das Licht möglichst genau zur Lichtquelle zurück.
Das funktioniert dank winziger optischer Elemente, die das Licht gezielt umlenken. Allerdings nicht aus jedem Winkel gleich gut: Je schräger das Licht auf die Oberfläche trifft, umso stärker nimmt die reflektierende Wirkung ab.
Grundsätzlich gibt es zwei verbreitete technische Verfahren, um Licht zurückzuwerfen: Mikroprismen und Glaskugeln.
Prismenreflektoren finden sich beispielsweise in den klassischen Kunststoffrückstrahlern an Pedalen oder in Speichen. Sie enthalten zahlreiche winzige, präzise geformte Prismen, die das einfallende Licht durch mehrfache Reflexion zurücklenken. Auch dünne reflektierende Folien können mit solchen Mikroprismen ausgestattet sein.
Glaskugelreflektoren funktionieren nach einem anderen Prinzip. Hier übernehmen winzige, teilweise verspiegelte Glaskugeln die Aufgabe, das Licht zu bündeln und zurückzuwerfen. Diese Technik kommt unter anderem bei reflektierenden Klebefolien und Textilien zum Einsatz. So lassen sich beispielsweise Jacken, Schuhe oder Taschen mit reflektierenden Streifen ausstatten.
Ob ein Reflektor gut funktioniert, hängt nicht allein vom verwendeten Material ab. Entscheidend sind auch die Qualität und Anordnung der optischen Elemente sowie die Richtung, aus der das Licht einfällt.
Es zwei verbreitete technische Verfahren, um Licht zurückzuwerfen: Mikroprismen und Glaskugeln. (Bild: generiert durch Velojournal)
Wo Reflektoren angebracht sind, hat einen grossen Einfluss auf ihre Wirkung. Besonders interessant sind dabei die Beine. Denn reflektierende Elemente an den Fussgelenken und Knien bewegen sich beim Pedalieren ständig auf und ab.
Das menschliche Auge ist darauf spezialisiert, solche Bewegungsmuster zu erkennen. Forschende sprechen von «Biomotion». Reflektoren an beweglichen Körperteilen helfen anderen Verkehrsteilnehmenden deshalb nicht nur, das rückgestrahlte Licht besser zu sehen, sondern auch, diesen als Velofahrerin oder Velofahrer zu erkennen.
Wie wirksam das ist, zeigte eine australisch-amerikanische Studie aus dem Jahr 2012. Versuchspersonen fuhren nachts auf einer abgesperrten Strecke mit dem Auto und sollten angeben, ab welcher Entfernung sie eine velofahrende Person erkannten. Mit reflektierender Weste sowie zusätzlichen Reflektoren an Knien und Fussgelenken wurden die Velofahrenden aus einer mittleren Distanz von 118 m erkannt, lediglich mit einer reflektierenden Weste hingegen erst ab einer mittleren Distanz von 38 m.
Wer seine Sichtbarkeit mit wenig Aufwand erhöhen möchte, kann deshalb mit reflektierenden Hosenbändern oder Schuhüberzügen viel bewirken.
Ausgerechnet bei schlechtem Wetter können Reflektoren an Wirkung verlieren. Der Grund liegt in der Optik: Bildet sich auf der Oberfläche ein Wasserfilm, verändert sich der Weg des einfallenden Lichts.
Besonders deutlich ist dieser Effekt bei bestimmten Glaskugelreflektoren. Wasser zwischen oder auf den Glaskugeln verändert die Lichtbrechung. Dadurch wird weniger Licht in Richtung der Quelle zurückgeworfen. Untersuchungen an reflektierenden Folien und Strassenmarkierungen zeigen, dass Nässe die Rückstrahlwirkung erheblich reduzieren kann.
Allerdings reagieren nicht alle Materialien gleich empfindlich. Entscheidend ist, wie die reflektierenden Elemente aufgebaut und geschützt sind.
Für Velofahrende bedeutet dies: Auch ein sauberer Reflektor kann bei Nässe weniger wirksam sein als im trockenen Zustand. Wie stark die Wirkung nachlässt, hängt vom konkreten Produkt ab. Hinzu kommt, dass Regen die Sicht aus Fahrzeugen generell erschwert.
Damit Reflektoren ihre Wirkung entfalten können, müssen sie von einer Lichtquelle angestrahlt werden. Sie sollten deshalb weder von Taschen noch von Kleidungsstücken oder anderen Veloteilen verdeckt sein. Auch die Ausrichtung spielt eine Rolle: Ein Reflektor, der in die falsche Richtung zeigt, kann seine Aufgabe nur eingeschränkt erfüllen.
Schmutz, Kratzer und Beschädigungen können die reflektierende Wirkung ebenfalls beeinträchtigen. Bei reflektierenden Textilien kommt hinzu, dass häufiges Waschen und mechanische Beanspruchung die reflektierenden Elemente beschädigen können. Deshalb lohnt es sich, die Pflegehinweise der Hersteller zu beachten und stark abgenutzte Produkte zu ersetzen.
Neben den vorgeschriebenen Rückstrahlern vorne, hinten und an den Pedalen sind zusätzliche reflektierende Elemente sinnvoll. Besonders Reifen mit reflektierenden Flanken oder Speichenreflektoren können dazu beitragen, Velofahrende auch von der Seite besser sichtbar zu machen, da es sich hier wiederum um bewegende Reflektoren handelt.
Nicht alles, was auffällig leuchtet, ist ein Reflektor. Fluoreszierende Materialien, wie sie bei vielen gelben oder orangen Sicherheitswesten eingesetzt werden, funktionieren anders. Sie wandeln einen Teil des einfallenden, unsichtbaren UV-Lichts in sichtbares Licht um. Dadurch erscheinen sie bei Tageslicht besonders leuchtend.
Im Dunkeln, wenn diese Lichtquelle fehlt, entfällt der Effekt weitgehend. Retroreflektierende Materialien dagegen werden gerade dann besonders auffällig, wenn sie von einem Scheinwerfer angestrahlt werden. Deshalb kombinieren viele Sicherheitswesten fluoreszierende Stoffe mit reflektierenden Streifen.
Reflektoren sind eine einfache Möglichkeit, die eigene Sichtbarkeit zu verbessern. Entscheidend ist aber nicht nur, wie viel reflektierendes Material vorhanden ist, sondern auch, wo es angebracht wird und wie gut es unter verschiedenen Bedingungen funktioniert. Besonders sinnvoll sind Reflektoren an beweglichen Körperteilen sowie zusätzliche reflektierende Elemente an den Seiten des Velos.
Eines können sie allerdings nicht: eine funktionierende Fahrzeugbeleuchtung ersetzen.
Denn ohne einfallendes Licht bleibt auch der beste Reflektor dunkel.

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