Ortsbesuch bei Riese & Müller: Mobilität mit Mehrwert

Mit dem Faltrad «Birdy» sorgten Markus Riese und Heiko Müller für Furore. 30 Jahre später steht die neue Mobilität mehr denn je im Fokus des Unternehmens, wie ein Besuch vor Ort zeigt.

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Georg Bleicher
E-Bike, 01.05.2026

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Einladend, weiträumig und licht wie bei einem Hotel wirkt der Eingang im Hauptgebäude von Riese & Müller. Hoch gehts über eine lange Treppe in die grosse Cafeteria – ein erster Hinweis darauf, wie Miteinanderkultur hier gepflegt wird. Es herrscht reger Betrieb. Imposant: Man kann von hier aus die Produktion des E-Bike-Herstellers verfolgen. Sieben Montage-Linien in U-Form, an denen am Tag bis zu 700 Räder montiert werden, wie Firmensprecher Benjamin Wenz bei einem Cappuccino erzählt.

Ein Blick zurück: Die Gründer Markus Riese und Heiko Müller lernten sich während des Studiums in Darmstadt kennen und entdeckten neben gleichen Velointeressen auch den Wunsch, unternehmerisch tätig zu werden. Daraus entstand – ganz klassisch in einer Garage – das eingangs erwähnte, vollgefederte «Birdy». Die beiden wagten sich damit auf die Velomesse Eurobike und hatten Glück: Der Chef des grössten asiatischen Rahmenherstellers begeisterte sich für das Rad und sagte zu, den Rahmen zu bauen. Riese & Müller war von Anfang an ein international agierendes Unternehmen, konnte schnell an globale Netzwerke andocken und machte sich einen Namen als Anbieter von neu gedachten, urbanen Rädern. Die heutigen Klassiker «Avenue» und «Culture» waren die ersten «grossen» Bikes. Bald wagte man sich mit vermeintlich obskuren Entwicklungen wie dem Sesselrad «Equinox» in Bereiche, die noch völlig unbesetzt waren, aber auch ein gewisses Freak-Flair verströmten.

Als 2012 fast die ganze Branche noch meinte, das gerade Schwung aufnehmende E-Bike wäre etwas für Ältere und Gebrechliche, legte das Unternehmen den Schalter um. Der Entscheid, nur noch Velos mit Unterstützung zu produzieren, ebnete den Weg zum Highend-E-Bike, für das es heute steht. So entstand der Neubau auf dem Riese-&-Müller-Areal in Mühltal bei Darmstadt, den alle hier nur «Campus» nennen. Gut 700 Menschen arbeiten hier.

In-Line-Production

Wir werfen vom Cafeteria-Balkon aus noch einen Blick auf das geordnete Gewusel unten, um uns dann hineinzustürzen. An den ersten Arbeitsplätzen warten verschiedenste Naben darauf, im Bund mit Speichen, Felgen und Reifen zu Laufrädern zu werden. «Wir bauen alle Laufräder selbst», erklärt Wenz den Mix aus Hand- und Maschinenarbeit. So hält man die Qualität auf dem gewünscht hohen Niveau. 

Im nächsten Schritt kommen die Laufräder zum entsprechenden Rahmen, den bereits ein anderer Mitarbeiter an einen Trolley gehängt hat. Die Mitarbeitenden kontrollieren per Scanner am Handgelenk, welches Laufrad zu welchen Rahmen gehört, und die «Schwebebahn» setzt sich in Bewegung und begibt sich auf ihre Reise durch die riesige Produktionshalle. Um eine Vorstellung davon zu bekommen: Rund 6000 Quadratmeter Platz hat hier die Montage – ist also fast so gross wie ein Fussballfeld.

Wer weiss, welches Teil wann wo gebraucht wird? Der Computer natürlich. Das ganze System läuft weitgehend automatisch. Natürlich so, dass man jederzeit eingreifen kann – etwa, wenn eine Station aus irgendeinem Grund beim Legen der Kabel und Leitungen durch den Rahmen etwas länger als eingeplant braucht. Aber zunächst greift hier eine personelle Reserve: «Die Units sind leicht überbelegt», erklärt Wenz. «Sollte irgendwas nicht gleich klappen, sind bei jeder Unit Fachkräfte eingeteilt, die schnell weiterhelfen können.» 

Die Monteurinnen und Monteure arbeiten effizient, aber entspannt, plaudern oft schon miteinander, bevor das Tonsignal kommt, das den Weiterlauf der Linie ankündigt. An den Linien steht man sich gegenüber, Kommunikation untereinander ist erwünscht und selbstverständlich. 20 bis 30 Männer und Frauen bilden eine Unit.

Gelebte Nachhaltigkeit

Der Plan war schon immer, nicht nur ein nachhaltiges Fahrzeug zu produzieren, sondern es auch nachhaltig zu produzieren und zu vertreiben. 2019 setzte man sich das Ziel, das nachhaltigste Unternehmen in der Bikebranche zu werden. Fünf Jahre später erhielt Riese & Müller den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. 

Ein Beispiel für dieses Verdienst liegt bei den vor uns liegenden Bosch-Motoren für aufzubauende E-Bikes. Statt in Styroporverpackungen werden sie nun in weichen Verpackungen aus Eierkartonmaterial geliefert, wie Wenz stolz zeigt. Damit kann viel Kunststoffmüll eingespart werden. Aber der Zulieferer muss nicht nur eine andere Verpackung verwenden, er muss alle sie betreffenden Parameter ändern. Und natürlich läuft das am besten, wenn seine Partner auch auf die neue Verpackung wechseln. «So was dauert immer etwas», sagt Wenz, «aber es hat geklappt.»

Geklappt hat auch die Entwicklung des neuen Lastenrads «Carrie»: Damit bringt Riese & Müller gerade das wohl erste E-Bike heraus, dessen Rahmen weitgehend aus recyceltem Aluminium besteht. Den Partner hierfür zu finden, war dennoch kompliziert. Doch jetzt ist das Cargobike nach dem Alu-ASI-Standard zertifiziert. Für besonders beanspruchte Teile, etwa am Hinterbau, eignet sich das recycelte Material aber nicht. Daher kommt man «nur» auf 80 Prozent Recycling-Anteil.

Ein weiteres Beispiel, das schon eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, ist die «Bike Box». Der Versandkarton aus Kunststoff kann bis zu 30-mal verwendet werden, was um die 70 Prozent des beim Versand auftretenden CO2 sparen soll. Wenn Händler nicht per «Bike Box» beliefert werden möchten, müssen sie einen Aufschlag zahlen. «Wir wollen ja die ganze Branche voranbringen», erklärt Wenz dazu.

Bike-Kultur ist mehr

«Es braucht eine gewisse Unternehmenskultur, um solche Dinge zu ändern», sagt auch Sandra Wolf beim Mittagessen im Campus-Restaurant. Wolf ist neben dem Gründer Heiko Müller Co-CEO des Unternehmens und für die strategische Ausrichtung und Nachhaltigkeit zuständig. «Eigentlich ist der Begriff ungenau, es geht uns um die Verantwortung, die der Unternehmer übernimmt», so Wolf, die auch an der Frankfurt University of Applied Sciences zum Thema lehrt. 

Bei Riese & Müller sind das etwa familienfreundliche Arbeitszeiten, kommunikationsfreundliche Arbeitsplätze, Bewegungskurse inhouse, vegetarische Küche im eigenen Restaurant, die Streuobstwiese vor der Tür: «Die Grundhaltung muss aber immer von den Leitenden ausgehen», ist Wolf überzeugt. «Sonst kann es nicht funktionieren.» 

An den Produktionslinien ist Kommunikation untereinander erwünscht und selbstverständlich.

Klar ist aber auch: Je grösser ein Marktteilnehmer, desto besser seine Chancen, nachhaltig etwas zu ändern. Bosch wird nun seine Motoren auch an andere Hersteller in den «Eierkartons» liefern. Netzwerke schaffen zudem Reichweite. Riese & Müller arbeitet eng mit Shift Cycling zusammen, einer internationalen Initiative, die auf vielen Ebenen auf Nachhaltigkeit in der Branche hinarbeitet.

Spezielle Schweizer Verhältnisse

Und was ist die Einschätzung zum Schweizer Markt? «In der Schweiz gibt es relativ gesehen mehr, aber kleinere Händler», sagt Markus Riese, der heute als Gesellschafter und Engineering Mentor fungiert. «Es ist schwieriger, ein Händlernetz aufzubauen.» 115 Händler hat Riese & Müller trotzdem heute hierzulande. Das Unternehmen arbeitet seit zehn Jahren eng mit Carvelo zusammen, der Schweizer Cargobike-Sharingplattform. Sie ermöglicht einfaches Leihen an oft nahen Stationen wie etwa einer Quartierbäckerei.

 Um die 40 Prozent der Autofahrten ihrer Nutzenden werden durch die rund 400 Riese-&-Müller-Räder ersetzt. Und wie sieht das Wachstumspotenzial in der Schweiz für die nächsten Jahre aus? «Wir tun uns in der abklingenden Krise schwer mit Vorhersagen», sagt CEO Heiko Müller. «Wir arbeiten derzeit eher auf Sicht.» Das Potenzial von S-Pedelecs ist gross – schon heute sind etwa 30 Prozent der Riese-&-Müller-Velos in der Schweiz schnelle. Bei sämtlichen Entwicklungsprozessen wird auf Praxisnähe gesetzt: Impulse aus dem Vertrieb und ausgiebige hauseigene Testkilometer mit Prototypen garantieren, dass das primäre Ziel nie aus den Augen verloren wird: nachhaltige Mobilität.

 

  • Stammsitz seit 2019: Mühltal bei Darmstadt
  • Anzahl der Gebäude:
  • Nutzfläche: 40’000 Quadratmeter
  • Mitarbeiter derzeit: ca. 700
  • Umsatz p.A.: 253 Millionen Euro (GJ. 24/25)
  • Verkaufte Bikes: 75’000 (GJ 24/25)
  • Händler in der Schweiz: 115

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