Dominic Redli,
Autor
(redli@cyclinfo.ch)
News,
19.08.2021
Die Welt brennt für das Velo, die Branche läuft wie nie zuvor. Lieferzeiten und Preise steigen. Die Hintergründe und wie Hersteller sowie Schweizer Velohändler auf die riesige Nachfrage reagieren.
Dominic Redli,
Autor
(redli@cyclinfo.ch)
News,
19.08.2021
Die Branche läuft wie nie zuvor. In der Schweiz und in grossen Teilen Europas wuchs der Fahrradmarkt zwar bereits vor Covid-19 kontinuierlich. Was aber seit dem Ausbruch der Pandemie geschah, hat so noch niemand erlebt, geschweige denn vorhersehen können: Auf den Shutdown-bedingten Einbruch folgte ein Nachfrageschock, der nicht nachliess und die Lager restlos leerfegte. Und das weltweit.
Nicht einmal während des Mountainbike-Booms in den Achtzigerjahren wuchs der Markt derart sprunghaft an: Auf rund 30 Prozent schätzen Beobachter den globalen Umsatzzuwachs im vergangenen Jahr. Das untermauern die Geschäftszahlen zahlreicher Hersteller, die 2020 teilweise neue Rekorde bei Umsatz und Gewinn verzeichneten. Natürlich trägt auch das teure Elektrovelo dazu bei.
Und der Hunger auf die Erzeugnisse der Fahrradindustrie scheint noch nicht gestillt: Die Velofabriken in Taiwan laufen auf voller Kapazität und die Umsätze bedeutender Hersteller im ersten Quartal 2021 zeigen gegenüber dem Vorjahr steil nach oben. Shimano rechnet für das Gesamtjahr gar mit einem Umsatz von fast 3.8 Milliarden Franken.
Die Fahrradsparte von Fox Factory verzeichnet sogar den höchsten Quartalsgewinn aller Zeiten. Laut CFO Scott Humphrey stammen diese Einnahmen noch immer aus der Abarbeitung von Erstausrüsterbestellungen. Bei der Interpretation dieser Zahlen muss man sich allerdings vergegenwärtigen, dass die Fabriken in Fernost im selben Zeitraum 2020 wegen der Pandemie schliessen mussten und die Produktionen mehrere Wochen lang stillstanden. Gleichwohl verdeutlichen die Geschäftszahlen dieser beiden Teilehersteller mit starker Stellung im Erstausrüstermarkt die anhaltend grosse Nachfrage nach Velos.
«Im Mai war die Hölle los.»
Aaron Abrams, Produktmanager Marin Bikes
Engpässe bei der Warenversorgung, lange Lieferzeiten und explodierende Kosten gehören zu den unschönen Folgen der Coronakrise. Dahinter stecken aus dem Takt geratene Zulieferketten und die enorm hohe Nachfrage. Die von vielen Herstellern verzeichneten Zuwächse wären ohne die Lieferengpässe noch höher ausgefallen: «Ein Mehrabsatz wurde teils durch Engpässe beziehungsweise Verzögerungen bei der Warenanlieferung verhindert», sagt Reto Meyer, Geschäftsführer Tour de Suisse Rad und ergänzt: «Dieser Zustand ist leider auch heute noch gültig.»
Überhaupt sei der Betriebsgewinn durch die begrenzte Verfügbarkeit von Komponenten und Frachtcontainern, massiv höheren Transportkosten und entgangenen Aufträgen beeinträchtigt worden, schreibt die Dorel Gruppe (Cannondale, GT) in ihrem neuesten Geschäftsbericht. Bei gleichzeitig höheren Rohstoffkosten sind die Folgen davon ein erhöhter Margendruck und steigende Preise.
«Für die Fertigstellung jedes Fahrzeugs muss nach Lösungen gesucht werden», kommentiert Walter Schärli, Geschäftsführer des Schweizer Veloherstellers (Bixs) und Fahrrad- und Komponenten-Vetreibers Intercycle die aktuelle Lage. Denn gewisse Bauteile sind knapp. Schärli geht davon aus, dass die Wareneingänge daher bis mindestens ins nächste Jahr «tröpfchenweise» erfolgen. Mangelware sind unter anderem Federelemente, Kassetten, Ketten oder Schalthebel.
«Für die Fertigstellung jedes Fahrzeugs muss nach Lösungen gesucht werden.»
Walter Schärli, Geschäftsführer Intercycle
Vor allem gewisse Shimano-Teile sind rar. Laut Richard Merz, CEO von Fuchs-Movesa, hat das auch damit zu tun, dass verschiedene Velohersteller auf Shimano-Produkte ausweichen, weil ihre Zulieferer sie nicht versorgen können. Gleichzeitig versichert Merz, dass sein Unternehmen für die Pflichten als Shimano-Generalimporteur gerüstet und in der Lage ist, Gewährleistungsanträge rasch zu bearbeiten.
Um die Nachfrage zu bedienen, wurden zwar in dem meisten Fabriken Asiens neue Produktionsstrassen errichtet und die Fertigungseffizienz mit Schichtbetrieb erhöht – soweit dies in Anbetracht knapper Fachkräfte überhaupt möglich war. Beim Bau neuer Fabriken herrscht in Fernost allerdings Zurückhaltung. Dies, obwohl die Auftragsbücher der asiatischen Zulieferer bereits in der Prä-Coronazeit stark ausgelastet waren, wie Simplon-Geschäftsführer Stefan Vollbach berichtet.
Als sich das Virus Anfang 2020 auszubreiten begann und sowohl die Industrien als auch das öffentliche Leben weltweit lahmlegte, wuchs die Unsicherheit bei vielen Veloherstellern. In der Folge stornierten einige ihre Bestellungen bei Shimano, Sram und Co.
Andere erkannten hingegen früh, dass die Velonachfrage der Lockdown-geplagten Bevölkerung zunehmen würde und platzierten umso grössere Mengen. Und so folgten auf die coronabedingten Fabrikschliessungen und Stornierungen Hamsterbestellungen: «Im Mai war die Hölle los», zitiert ein US-Branchenportal den Produktmanager von Marin Bikes, Aaron Abrams.
Die grossen Markenhersteller hätten gleich bei mehreren Komponentenherstellern das Vielfache der üblichen Menge bestellt, so Abrams weiter. Weil bei den meisten Zulieferern Asiens gilt, «wer zuerst kommt, malt zuerst» und zuvor die Rückstände aufgeholt werden mussten, schnellten die Wartezeiten innert wenigen Tagen nach oben. Aus den üblichen zwei Monaten Lieferfrist wurden beinahe zwei Jahre.
«Das Nachsehen haben vor allem kleinere Velohersteller, die nicht umgehend reagierten und wegen der langen Lieferzeiten sowie geringer Lagerhaltung kaum über die nötigen Bauteile verfügen, um ihre Fahrzeuge fertigzustellen.»
Das Nachsehen haben vor allem kleinere Velohersteller, die nicht umgehend reagierten und wegen der langen Lieferzeiten sowie geringer Lagerhaltung kaum über die nötigen Bauteile verfügen, um ihre Fahrzeuge fertigzustellen. Dadurch versiegen ihre Einnahmen, manche gehen Konkurs. Ein Beispiel hierfür ist die Velobaze AG mit der Marke MTB Cycle (früher MTB Cycletech). Simplons Stefan Vollbach glaubt, dass weitere folgen werden, sobald die staatlichen Unterstützungsgelder nicht mehr fliessen.
Die meisten Schweizer Distributeure gehen davon aus, dass sich die Nachfrage bis 2023 auf hohem Niveau wieder einpendelt. Mats Pfister, CFO Indian Summer gibt zu bedenken, dass die steigenden Verbraucherpreise diese aber schon früher dämpfen könnten – vor allem im absatzstarken Einsteigerbereich.
Im Übrigen weist vieles darauf hin, dass die Nachfrage hoch bleiben wird: Die Pandemie hat viele Menschen neu aufs Fahrrad gebracht. Dazu kommen vermehrte Investitionen der öffentlichen Hand in Veloinfrastrukturen sowie die zunehmenden Tempo-30-Zonen in den Schweizer Städten.
Ein Blick über die Grenze zeigt, dass in naher Zukunft auch flächendeckende Tempobeschränkungen die Regel sein könnten: So hat Spanien als erstes Land in der EU gerade 30 als Höchstgeschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften eingeführt. Auch die Niederlande streben das an und in Brüssel, Helsinki sowie Oslo gilt ebenfalls Tempo 30.

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