Die französische Camargue: Ein Paradies für Velos und Vögel

Mit viel Gepäck radelt unser Autor Richtung Mittelmeer. Allerdings nicht für einen Strandurlaub, sondern um die Flamingos in der Camargue zu fotografieren. Dank dem Velo wird die Reise selbst zum Erlebnis.

no-image

Flurin Leugger
Reisen, 15.07.2026

Lesen ohne Abo.

Zahlen Sie nur, was Sie lesen!

Mit tiun erhalten Sie unbeschränkten Zugriff auf alle Velojournal-Premium-Inhalte. Dabei zahlen Sie nur, solange Sie lesen.

  • Alle Premium-Artikel
  • Zugang zum E-Paper
  • Flexibles zahlen

Sie haben bereits ein Velojournal-Abo? Hier einloggen

Mit dem ganzen Gepäck inklusive Zelt und Schlafsack sowie der Fotoausrüstung in den Velotaschen fühlt sich das Rennvelo mehr als nur träge an. Schon der kleinste Hügel wird zu einem veritablen Bergpreis. Die Stadtgrenze von Zürich habe ich kurz nach 15 Uhr noch nicht einmal hinter mir gelassen, und schon hinterfrage ich mein Vorhaben. Weshalb hatte ich nur die Idee, mit dem Velo ans Mittelmeer (und zurück) zu fahren, um die Flamingos aus eigener Muskelkraft und CO2-neutral fotografieren zu können?! 

Mit der Zeit komme ich nach anfänglichen Zweifeln immer besser ins Rollen und gewöhne mich an die anderen Fahreigenschaften des Velos aufgrund des Gepäcks. Zudem muss ich mich zurückhalten, damit ich nicht den von mir angestrebten Wattbereich überschreite, schliesslich möchte ich noch etliche Stunden weiterfahren. Die wunderbare Stimmung entlang des Bielersees bei Sonnenuntergang sorgt für einen Euphorieschub.

Kurz darauf folgt die erste richtige Herausforderung: Beim Eindunkeln schreit mein Körper nach einem Bett. Mein Kopf hat jedoch anderes im Sinne: Erstmals möchte ich die Nacht durchfahren (respektive dies zumindest probieren). So kämpfe ich. eine Weile gegen die innere Stimme, die mir eigentlich den Aufenthalt in einem gemütlichen Bett befiehlt. 

Gegen zwölf Uhr hat der Kopf den inneren Kampf gegen den Bauch gewonnen, und ich fahre im Flow-Zustand weiter Richtung Genf. Kurz darauf passiere ich die Grenze zu Frankreich. Ich geniesse die angenehmen Temperaturen und die Stille in der Nacht. Der Akku meiner Lampe hält gerade durch, bis die Morgendämmerung einsetzt. Endlich haben die Bäckereien wieder offen – das erste Pain au chocolat ist ein Genuss.

Auf Tour-de-France-Terrain 

Euphorisiert fahre ich weiter und sehe mittags die ersten Zypressen, für mich ein Zeichen, dass ich langsam, aber sicher weiter Richtung Süden komme. Auf einmal stehen Fans im Maillot jaune und im Maillot à pois am Streckenrand und feuern mich an. Sie haben es sich in Campingstühlen gemütlich gemacht und warten nicht auf ein paar Bikepacker mit viel Gepäck, sondern auf die schnellsten Velofahrer der Welt. Am nächsten Kreisverkehr deuten die Werbebanden darauf hin, dass hier in ein paar Stunden die Tour de France durchfahren wird. Für einen Moment geniesse ich die Atmosphäre entlang der Strecke. 

Ein richtiges Volksfest findet in den herausgeputzten Dörfern statt, wo gefühlt alle aus der Umgebung am Streckenrand zusammengekommen sind. Schon bald einmal ist jedoch fertig lustig: Die Strassen der Tour de France sind jeweils etwa drei bis vier Stunden im Voraus gesperrt. Da ich heute noch weiterfahren möchte, nehme ich einen kleinen Umweg und verlasse den Trubel der Tour. Etwas mehr als 24 Stunden nach meiner Abfahrt in Zürich und mit 567 Kilometern in den Beinen erreiche ich einen kleinen Zeltplatz in Südfrankreich und stelle mein Zelt auf. Irgendwie fühle ich mich gar nicht so richtig am Ende: Einerseits scheine ich genügend Kohlenhydrate gegessen und andererseits das Pacing für einmal einigermassen gut getroffen zu haben. Den Rest erledigt dann das Glückshormon Endorphin. 

Atemberaubende Aufstiege

Bevor ich das letzte Teilstück Richtung Rhonedelta und Mittelmeer unter die Räder nehme, quere ich das Rhonetal und fahre in die Cevennen. Die spektakuläre Landschaft ist teilweise von mehrere hundert Meter emporragenden Felswänden gesäumt. Die Gegend ist dünn besiedelt mit gerade einmal 15 Einwohnern pro Quadratkilometer. Entsprechend wenig Einkaufsmöglichkeiten gibt es, und die Verpflegungsstopps beim Bikepacking sollten im Voraus geplant werden. Kleine Strassen schlängeln sich durch die Schluchten und führen in wortwörtlich atemraubenden Aufstiegen – steil und mit grandioser Aussicht – empor auf die umliegenden Hügel. 

Dabei lohnt es sich, immer wieder nach grossen Vögeln am Himmel Ausschau zu halten. Mit etwas Glück segeln die majestätischen Gänsegeier den Felsen entlang und schrauben sich in einem Thermikschlauch rasant in die Höhe. Wenn ich nur so mühelos die Höhenmeter auf dem Velo (und mit dem Gepäck) bewältigen könnte … Etwas neidisch blicke ich den Geiern nach, die rasch an Höhe gewinnen und aus meinem Blickfeld verschwinden.

Mit Rückenwind ins Rhonedelta 

Nach einem letzten langen Anstieg lasse ich die Cevennen hinter mir und fahre hinunter in die Rhone-Ebene mit dem Ziel Camargue. Dank dem Mistral im Rücken rollt es richtig gut, auf dem Aeorolenker liegend komme ich zügig voran. Die letzten 40 km sind dann – fast schon ungewohnt – topfeben. Der Duft des Meeres zieht in meine Nase, das Ziel kann also nicht mehr weit sein. Auf einmal höre ich die nasalen Rufe der Flamingos, und schon bald sehe ich die ersten rosafarbenen Punkte in einer Lagune. Wie für uns Velofahrende ist die Ernährung auch bei den Flamingos wichtig: Ihr rosafarbenes Gefieder verdanken sie den Beta-Karotinoiden, die sie durch die Nahrung (kleine Krebse) aufnehmen – ansonsten wären sie langweilig grauweiss. 

Für mich sind sie die Stars der Camargue und der Grund, weshalb ich die grosse Fotoausrüstung mitgeschleppt habe. Die nächsten Tage widme ich ganz den faszinierenden Vögeln rund um Saintes-Maries-de-la-Mer. Mit Tarnkleidung lege ich mich in den Schlamm und hoffe darauf, dass die Flamingos mich nicht entdecken und möglichst nah herankommen werden. Sie sind zwar nicht wirklich scheu und in der Camargue allgegenwärtig, doch um sie nah fotografieren zu können, braucht es dennoch etwas Geduld und Glück. Dieses ist mir in den ersten Tagen noch nicht hold, sodass ich verschiedene andere Vogelarten fotografieren kann, aber noch nicht meine Wunschbilder der Flamingos erhalte. Da ich mit Vorliebe während der goldenen Stunde, dem weichen Licht zu Sonnenaufgang und -untergang, zum Fotografieren unterwegs bin, kann ich tagsüber, während die Sonne mit voller Kraft vom Himmel brennt, die weitere Umgebung erkunden. 

Zum Glück habe ich 32 mm breite Allround-Reifen montiert. So fährt es sich auch mit dem Rennvelo erstaunlich gut über die Gravel-Pisten. Für ein reines Rennvelo-Trainingslager bietet die Camargue selbst eher wenig Möglichkeiten – im Gegensatz zu den Regionen etwas nördlich davon in der Provence. In den landschaftlich reizvollen Alpilles fehlen zwar die Flamingos, für alle Rennvelofans sind sie aber definitiv einen Abstecher wert. Aus meiner Sicht jedenfalls lohnender als lange Aufenthalte in der Camargue. Ich freue mich jedoch schon auf die Fotosession im Schlamm mit den Flamingos.

 

  • Anreise: Eine «Abkürzung» mit dem Zug ist möglich. In der Schweiz mit den SBB und einer Velotageskarte, in Frankreich mit dem TER (Regionalzug), da im TGV die Velomitnahme meist restriktiv geregelt ist (Velosack). Dafür könnte im TER das Velo meist gratis mitgenommen werden. Die Route ist besonders ab Genf landschaftlich abwechslungsreich.
  • Routenführung: Mit Komoot und Strava, es gäbe auch den Rhone-Radweg für alle, die möglichst viel auf Radwegen unterwegs sein möchten.
  • Empfohlene Reisezeit: Frühling, (Sommer), Herbst. Im Sommer kann es warm werden, dafür sind die Tage am längsten, was für lange Fahrten auch wieder praktisch ist. Bei Besuchen der Tour de France gilt es zu beachten, dass 
    die Strassen mehrere Stunden im Voraus gesperrt werden. Es ist also ratsam, rechtzeitig vor Ort zu sein.
  • Unterkunft und Verpflegungsmöglichkeiten: In den ländlichen Gegenden in Frankreich ist die Dichte an noch offenen Bäckereien und so weiter erstaunlich tief. Deshalb ist es empfehlenswert, immer etwas im Voraus zu planen, damit genügend Essen und Trinken vorhanden sind. Unterkünfte gibt es je nach Route ebenfalls nur spärlich, abgesehen von der Provence und dem touristischen Rhonedelta.
  • Ausrüstung: Mit Rennvelo, Tourenvelo oder Gravelbike, ich fuhr auf einem ARC8-Rennvelo. Für alle Naturinteressierten lohnt sich ein kleiner Feldstecher oder/und eine Kamera, um die faszinierende Vogelwelt in Südfrankreich festhalten zu können.
  • Mehr Fotos unter:flurinleugger.ch
     

Krönender Abschluss 

Nach fünf Morgen- und Abendsessions bei den Flamingos kommt endlich einer der Vögel richtig nah, sodass ich die Details des Schnabels etwas besser sehe. Dieser erinnert etwas an das Maul eines Wals. Ähnlich wie die Bartwale ziehen die Flamingos den Schnabel durch das Wasser – in der Erwartung, dass sich kleinste Krebse und andere Tiere darin verfangen. Am letzten Tag lege ich mich nochmals bei meiner Lieblingsstelle im Morgengrauen auf die Lauer. Es ist praktisch windstill, und somit ist für einmal die Spiegelung ansatzweise erkennbar. Wenn nur die Prachtvögel etwas näher kommen würden. Meine Nervosität steigt mit zunehmender Helligkeit. 

Schritt für Schritt laufen die Flamingos in meine Richtung. Just als die Sonne aufgeht, stehen sie vor mir. Was für ein Abschluss der Zeit in der Camargue! Unterdessen bin ich komplett nass und schlammig geworden. Zügig gehe ich nach der Fotosession zurück ins Dorf. So schnell wie möglich versuche ich die Kleider zu reinigen und meine Velotaschen zu packen. Noch einmal geniesse ich Baguette und Pains au chocolat, nach einem solchen Morgen schmecken sie noch besser als sonst. Kurz nach 10 Uhr starte ich von der Strandpromenade meine lange Heimfahrt vom Mittelmeer Richtung Zürich.

Zwei lange Tage und eine kurze Nacht 

Die (französischen) Velowege können einen (zumindest mich) ganz schön ärgern: Endlich rollt es auf einem «guten» Belag auf einem kleinen Veloweg nordwärts, doch dann gibt es vor jeder noch so kleinen Strasse nervige Barrieren, bei denen ich voll abbremsen muss, um mit dem Gepäck durchzukommen. So bin ich richtig froh, als mich die Route wieder auf eine Hauptstrasse mit weniger Hindernissen führt. Anfang August ist es noch immer richtig heiss. Meine Trinkvorräte neigen sich rasch dem Ende zu, und schon vor dem Erreichen der 100-Kilometer-Marke knurrt der Magen. Doch der nächste Supermarkt direkt an der Strecke will und will einfach nicht kommen, von den kleinen, aber feinen Bäckereien ist auch nichts zu sehen. Bis zum rettenden Supermarkt merke ich bereits, wie mein Energielevel sinkt und die Salzränder an den Kleidern zunehmen. Ich hoffe auf eine kühle Cola, auf dass die erschöpften Beine wieder munter werden. 

Um die Nacht durchzufahren, bin ich zu müde, jedoch nehme ich mir vor, erst nach Mitternacht zu rasten. Dementsprechend viel Essen und Trinken muss ich beim letzten Stopp in einem Supermarkt auftanken, denn in der Nacht wird es keine Einkaufsmöglichkeiten mehr geben. Nach ein Uhr morgens lege ich mich neben der Strasse hin, esse die Sandwiches und schlafe für drei Stunden. Trotz der äusserst kurzen Nacht hat die Pause gereicht, um wieder etwas zu Kräften zu kommen. Bei einer weiteren wunderschönen Morgenstimmung nehme ich Kurs in Richtung Schweiz. Diese kommt mir nun auf einmal doch ziemlich gross vor, die Strecke von Genf durch das Mittelland nach Zürich zieht sich in die Länge. V

or Spreitenbach wartet dann der letzte und steilste Anstieg des Tages auf mich, nach 300 Kilometern in den Beinen fordert mich der Anstieg richtig heraus. Deutlich über 300 Watt sind notwendig, um überhaupt irgendwie hochzukommen. Eine Option «Steile Anstiege vermeiden» wäre praktisch bei der Routenplanung mit Strava. Dennoch fahre ich vor Sonnenuntergang in Zürich ein, mit vielen tollen Erlebnissen und mehreren tausend Fotos im Gepäck. Irgendwie kann ich es selbst nicht ganz fassen, dass ich tags zuvor morgens noch am Mittelmeer Flamingos fotografiert habe und nun bereits wieder in Zürich stehe.

Fazit 

Das Bikepacking-Virus hat mich definitiv gepackt. Für mich eine wunderbare Art, Landschaft und Natur zu erleben und gleichzeitig körperlich aktiv zu sein – und ab und zu die eigenen Grenzen auszutesten. Meine Fotoausrüstung bedeutete zwar ordentlich Mehrgepäck, was sich insbesondere in den Aufstiegen bemerkbar machte. 

Dafür konnte ich meine zwei Passionen – Velofahren und Naturfotografie – verbinden. Auch wenn man es den Fotos vielleicht nicht ansieht, so haben sie, nicht zuletzt CO2-neutral angefertigt, für mich einen besonders hohen Stellenwert. 

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Strasse in den Alpen mit Viadukt im Hintergrund.
Reisen

Von Worb nach St. Moritz und zurück

Eine Person fährt mit dem Velo über eine Brücke in Kopenhagen.
Reisen

Reiseziele 2026: Aufsteiger und Klassiker

Atlantikküste im Frankreich.
Reisen

Das lange Rauschen des Atlantiks