Pete Mijnssen,
Chefredaktor
(pete.mijnssen@velojournal.ch)
Reisen,
18.08.2026
Die diesjährige Gruppetto-Ausfahrt folgt den historischen Verkehrswegen über die Alpen. Wo einst Säumer, Händler und Heere unterwegs waren, tritt heute die Reisegruppe in die Pedale Richtung Süden. Teil 1 von 2.
Pete Mijnssen,
Chefredaktor
(pete.mijnssen@velojournal.ch)
Reisen,
18.08.2026
Und wieder hat sich das Ehren-OK des alljährlichen Gruppetto-Ausflugs etwas Spezielles für den Abstecher in die südlichen Gefilde einfallen lassen. Diesmal soll es entlang alter Alpen-Verkehrsverbindungen in die Toscana gehen. Dabei wollen wir nach Möglichkeiten stark befahrene Strassen vermeiden. Was nicht immer gelingt, so verläuft die Route zwischen beschaulichen Strässchen, Velo-, aber auch befahrenen Transitrouten. Doch davon später.
Der Tradition entsprechend tragen alle Teilnehmer (leider keine Frauen) Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Etappenorten bei.
In Thusis macht Martin die Gruppe schon einmal mit der abwechslungsreichen Verkehrs- und Kulturgeschichte bekannt. Die meisten kennen den Ort heute als Ausgangspunkt für den Splügen- oder San-Bernardino-Pass, gotthardmüde Autofahrende sowieso. Das reiht sich ein in die jahrhundertelange Tradition als einer der wichtigsten Alpen-Verkehrsknoten, der seinen Wohlstand fast vollständig dem Transitverkehr verdankte. Dafür wurde schon früh Ingenieurkunst benötigt. Stand die Viamala-Schlucht bis ins Mittelalter als grosses Hindernis für den Transit in den Süden im Weg, bauten die Gemeinden ab 1473 mit dem sogenannten Viamalabrief die Schlucht für Fuhrwerke aus.
In der Folge entstanden zahlreiche Gasthäuser, Stallungen für bis zu 400 Pferde, Schmieden, Fuhrhalter, Säumer und Händler. Hier wurden Waren umgeladen, Pferde gewechselt und Reisende verpflegt. Wein aus Italien, Salz, Gewürze, Stoffe und später auch Postkutschen passierten täglich den Ort. Und: mehrfach marschierten fremde Truppen über genau jene Straße, auf der heute Velofahrende auf der Via Spluga unterwegs sind.
Hier begannen aber auch die Bündner Wirren. Mit dem Thusner Strafgericht von 1618 wurde ein jahrzehntelanger Krieg in Graubünden ausgelöst. Vorne mit dabei war der Churer Jürg Jenatsch. Es folgten zwanzig Jahre Bürgerkrieg, mehrere ausländische Besetzungen, Plünderungen, Hungersnöte und Seuchen. Besonders schwer betroffen waren das Engadin, das Veltlin und die Passregionen. Höhepunkt war der Veltliner Mord von 1620, als katholische Aufständische innerhalb weniger Tage mehrere hundert Reformierte ermordeten. Dieses Ereignis erschütterte ganz Europa und führte zu weiteren militärischen Eingriffen der Großmächte.
Erst 1639 kehrte weitgehend Frieden ein, kurz nach dem Mord am Bündner Pfarrer und Politiker Jürg Jenatsch. Graubünden blieb zwar selbständig, verlor aber seinen Veltliner-Einfluss und erlitt enorme wirtschaftliche Schäden. Das hatte Auswirkungen auf die gesamte Alpenregion und auf die wichtige Nord-Süd-Verbindung über den Splügenpass. Gotthard läuft den Rang ab Für die Orte Thusis, Splügen und Chiavenna waren die Wirren einschneidend.
Der Handel über den Splügenpass brach zeitweise fast vollständig zusammen, Händler und Säumer mieden die Route aus Angst vor Überfällen, Gasthäuser und Fuhrhalter verloren ihre Kundschaft. Mit der 1882 eröffneten Gotthardbahn verlor der Transit über Splügen und San Bernardino weiter an Bedeutung. Kutschen und Säumer verschwanden, viele Gasthäuser und Transportbetriebe verloren ihre Existenzgrundlage. Erst mit der Eröffnung des San-Bernardino-Tunnel im Jahr 1967 gewann Thusis wieder an Bedeutung als Verkehrsknoten.
Die gestrige Geschichtslektion in den Ohren machen wir uns auf den Weg, folgen den Spuren und nehmen den Splügenpass in Angriff. Die heutige Passstrasse wurde zwischen 1818 und 1823 gebaut und galt damals als Meisterwerk des Alpenstrassenbaus. Auf beiden Seiten sind noch Abschnitte der alten Saumwege erhalten. Insgesamt hat die Passstrasse 75 Kehren – 23 auf der Schweizer und 52 auf der italienischen Seite.
Die 23 Kehren auf knapp 700 Metern sind gut spürbar, der Wochenend-Verkehr auch. In den 1950er-Jahren gehörte der Splügenpass bei der Tour de Suisse zu Zeiten von Ferdinand Kübler und Hugo Koblet jeweils zum Programm. Dann fristete er für den Radsport einen Dornröschenschlaf, erst mit der Tour de Suisse 1998 und 2025 kehrte er in einer Etappe zurück. Auch der Giro d’Italia führte 2021 über den Splügenpass. Heute ist er Teil verschiedener Alpenmarathons und Langstreckenfahrten für Hobbyfahrer, etwa der Lombardeirundfahrt. Ende Juni war er zum zweiten Mal nur für den Velo- und Fussverkehr reserviert. Dafür sind wir leider ein Wochenende zu spät dran und geniessen heute bei kühlen Temperaturen die Passhöhe (2114 m.ü.M) mit vielen anderen motorisierten Kolleginnen und Kollegen.
Der Verkehr ist beträchtlich und wir staunen, was für Gefährte sich da den Berg hoch- und runter quälen. Freizeit- und Transitverkehr anno 2026! Die Fahrt nach Chiavenna ist rasant – es gilt fast 1800 Höhenmeter zu vernichten. Bei hochsommerlichen Temperaturen erleben wir einen Vorgeschmack auf die Wärme, die uns in den nächsten Tagen erwartet. In Chiavenna laufen die Täler, bzw. Alpenübergänge vom Splügen-; Maloja- und Septimerpass zusammen. Dieser ist bis heute nur ein Saumpfad, bzw. Teil einer Mountainbike-Route. Selbstredend waren dies spätestens seit der Römerzeit wichtige Transitrouten, Chiavenna früh ein Knotenpunkt.
Die Etrusker sollen den Ort gegründet haben. Historisch belegt ist dessen Eroberung durch die Römer anno 16 vor Christus durch Augustus’ Truppen. Chiavenna spielte ähnlich wie Chur während den Bündner Wirren eine wichtige Rolle, wo wir auch wieder auf Jürg Jenatsch treffen. Der umtriebige und machtbessesse Churer Pfarrer, Politiker und Oberst war in diesem Raum oft unterwegs. Das Bild des Freiheitshelden, wie sie C.F. Meyer im Roman Jürg Jenatsch beschrieb und lange als Klassiker der Mittelschul-Literatur gehörte, ist heute nicht mehr haltbar. Vielmehr war er ein gerissener Machtmensch, der vor Intrigen und Mord nicht zurückschreckte. In Chiavenna soll er Heinrich von Rohan die Freiheit und Unabhängigkeit Graubündens abgerungen haben.
Das bewahrte ihn nicht davon, dass er im Januar 1639 in Chur ermordet wurde. Bis heute bleibt ungeklärt, von wem. Wirre Zeiten eben. Heute ist das schmucke Städtchen mit seinem grossen historischen Erbe eine der ersten Stationen, wenn man die Schweiz. Verlässt. Dementsprechend ist neben italienisch such viel Schweizer Dialekt zu hören.
Nun gehts schnurstracks Richtung Süden. Die ersten 40 Kilometer fahren sich flach, bevor der Aufstieg zum Passo San Marco beginnt. Auch dieser ist mit knapp 2000 Metern nicht besonders hoch, aber in der Nachmittags-Hitze «nahrhaft». Auf dem Pass herrscht wiederum Wochenend-Gedränge, ein junger Motocross-Fahrer bietet sich als Gruppenfotograf an. Er ist mit Freunden aus Mailand hierhergefahren.
Offenbar ist es ein beliebter Sonntagsausflug in die Berge. Schon bald naht mit Mezzoldo unser nächster Etappenhalt. Wir sind nun in der lombardischen Provinz Bergamo angekommen. Das Dorf hat 166 Einwohner und wirkt auf den ersten Blick verschlafen. Beim Nachtessen ist das Restaurant unseres Hotels aber pumpenvoll, das Essen selbstredend einfach aber erstklassig. Eine Erfahrung, die wir gerade an kleineren Ortscahftenin Italien immer wieder machen. Die fussballbegeisterten unseres Pelotons schauen spätabends noch den Match Brasilien-Norwegen, ansonsten bleibt es diesbezüglich ruhig. Wie auf der ganzen Reise, was das ansonsten fussballbegeistere itailen anbelangt. Da es die Squadra Azzura wiederumg nicht in die Qualifikation geschafft hat, ignorieren die Menschen hier offenbar die ganze WM.
Mezzoldo liegt auf 900 m.ü.M und ist das letzte Dorf im oberen Valle Brembana. Es war ein wichtiger logistischer Knotenpunkt an der Strada Priula, der Straße, die im 17. Jahrhundert, Venedig über den Markuspass mit Europa verband. Der Überlieferung nach machte Martin Luther auf seiner Reise nach Rom hier Halt und feierte eine Messe im Dorf. Das Dorf hat seine Wurzeln im Mittelalter und ist in einen Hauptort und zahlreiche historische Weiler unterteilt. Unter den Säulengängen von Cà Bereri, einst Zufluchtsort für Wanderer, sind noch ein Portal mit der lateinischen Inschrift “Hostium non Hostium” und eine auf ein nahe gelegenes Haus gemalte Sonnenuhr zu sehen.
Im Jahr 1700 baute die Republik Venedig ein mittelalterliches Gebäude zum venezianischen Zollhaus um, das noch heute dank des Frieses der Serenissima zu sehen ist. Dies besichtigen wir am nächsten Morgen.
Wir fahren weiter süd- und abwärts, zuerst ins Veltlin, dann hochsteigend nach San Pellegrino, wo uns das riesige stillgelegte Grand Hotel die Augen überquellen lässt. Ein Riesenpalast aus dem vorletzten Jahrhundert, Zeuge des europäischen Gesundheits- und Luxustourismus. Es soll in ein paar Jahren wiedereröffnet werden, so die optimistische Prognose. Über Valpiana gelangen wir nach Selvino, wo uns auf 10 Kilometern eine rasante Abfahrt mit 19 Haarnadelkurven, benannt nach lokalen, aber auch berühmten Cyclisten erwartet.
Etwa Felice Gimondi, der als 22-jähriger 1965 die Tour de France gewann. Er ist einer von nur acht Radprofis, der mit der Tour de France, dem Giro d’Italia und der Vuelta alle Grand Tours gewann. In Nembro ist ein Besuch der Pfarrkirche San Martino für unseren Martin Pflicht. Sie wurde im 9. Jahrhundert gebaut und im 18. Jahrhundert restauriert. Für uns bietet sie heute vor allem eine angenehm kühle Zuflucht.
In Bergamo geniessen wir das gut ausgestattete und angenehm gekühlte Hotel in der Neustadt, bevor wir uns zum Nachtessen per Standbahn in die Altstadt hoch transportieren lassen. Wir sind nun am Alpen-Südrand am Übergang zur Po-Ebene angelangt. Die Universitätsstadt erlangte 2020 traurige Berühmtheit, als in der Folge nach einem Fussballspiel im März Tausende Menschen dort an Covid-19 starben.
Bergamo galt als Fanal für die grösste Gesundheits-Katastrophe seit der Spanischen Grippe vor hundert Jahren und traf gerade Italien besonders hart. Diese Bilder haben wir noch immer im Kopf, als wir bezirzt vom mittelalterlichen Flair durch die Altstadt schlendern.
Res erzählt uns später in einer der Gewölbe unter dem Restaurant mehr über die Geschichte. Etwa, dass die imposanten venezianischen Stadtmauern seit 2017 zum UNESCO-Welterbe gehören.
Heute fahren wir zuerst mit dem Zug durch die Po-Ebene nach Modena. Dort steigen wir nach dem Mittagessen aus der drückenden Schwüle stetig steigend in die Höhe. Wirklich kühler ist es auch dort nicht. Auf der Strecke leeren wir in einer Bar die Getränkevorräte. Den Beizer freuts, für uns ist er ein Geschenk des Himmels in dieser spärlich besiedelten Gegend.
Vor Pavullo Nel Frignano gelangen wir auf die SS 12 dell’Abetone e del Brennero (oder Brennerstaatsstrasse), die von Pisa über Abetone nach Verona führt. Die Strecke ist 523 km lang und im nördlichen Teil eine wichtige Fernverkehrsstrasse. Das ist nach den beschaulichen Strässchen unüberseh- und hörbar. Auch sie wurde im 3. Jahrhundert ursprünglich zur Römerstrasse ausgebaut. In den 1950er und 1960er Jahren wurde die Strasse zu einer der wichtigsten Transit- und Touristenrouten, die Urlauber von Norden Richtung auf dem kürzesten Weg Richtung Adria, Gardasee oder in die Toskana brachte. Die Gemeinde liegt im tosko-emilianischen Apennin auf einer kleinen Hochebene.
Seit dem Bau der Brennerautobahn hat die SS 12 im Fernverkehr an Bedeutung eingebüsst. Der Verkehr ist auch in der Nacht beträchtlich, zumal unser von Aussen romantische Hotel zwischen zwei befahrenen Strassen liegt. Leider gibt es gerade dort keine Klima-Anlage in den Zimmern, so bleibt die Nacht schwül und laut.
Das einzige Hotel auf der Reise übrigens, dem unser OK bei der Reservation aufgesessen ist. Und es ist meistens auch anspruchsvoll, für eine Gruppe von zehn Personen für eine Nacht etwas Passendes zu finden. Dafür ist das Essen im Restaurant einmal mehr erstklassig – der längere Fussmarsch ans andere Ende des 18'000 Einwohner zählenden Städtchens hat sich gelohnt. Auf dem Rückweg spazieren wir durch das nächtliche, bunte Markt-Treiben. Dabei ist heute nur ein normaler Dienstag – der Markt findet aber jahraus- jahrein statt.
Wir staunen über diese gelebte Alternative zum Online-Shopping. Der Name Pavullo soll sich übrigens von Paule oder «Sumpf» ableiten. Einem Sumpf, in dessen Nähe die Stadt stand und der in kleinen Teilen am südlichen Stadtrand noch sichtbar ist. Wikipedia verrät zudem, dass die erfolgreiche Radsportlerin Rachele Barbieri von hier stammt.

Abonnieren Sie den Velojournal-Newsletter. Als Dankeschön erhalten neue Abonnenten eine Velojournal-Ausgabe kostenlos.
Jetzt abonnieren!
29. August 2026
velotari Jurapark GRAVEL ViBES 2026
Das velotari Jurapark GRAVEL ViBES 2026 ist ein einzigartiger Gravel-Bike-Event im Herzen des Jurapark...
30. August 2026
Valiant GP Adlisberg
Der Valiant GP Adlisberg geht nach der Premiere im letzten Jahr in die zweite Runde. Gemeinsam mit der...
30. August 2026
Slowup Bodensee
Autofreier Erlebnistag am oberen Bodensee.
02. bis 05. September 2026
Swiss Ultracycle Challenge SUCH
Thema: FAIR LUCK. Eine Mischung aus Zufall und Verantwortung. Würfel und Glücksspiel treffen auf Schweiss...
03. September 2026
Velokonferenz Lausanne
Ziel der Stadt Lausanne ist es, den Anteil des Velos von 4 % der zurückgelegten Wege im Jahr 2021 bis 2030...
Zu den TerminenHaben Sie Fragen zu Ihrem Abonnement? Gerne helfen wir Ihnen weiter.
Aboservice und Rechnung
Velomedien AG / Velojournal
Claudia Frei
Kalkbreitestrasse 33
8003 Zürich
Telefon: +41 44 241 60 32
administration@velojournal.ch