Tour de Suisse: Flucht nach vorne oder Sterben auf Raten?

Die Tour de Suisse lancierte sich im Juni mit einem komplett überarbeiteten Konzept neu. Das schmerzt Nostalgiker, könnte aber Erfolg haben. Vor allem, wenn die Besten wie Tadej Pogacar und Marlen Reusser siegen.

Emil Bischofberger, Autor (emil.bischofberger@velojournal.ch)
News, 15.07.2026

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Es ist eine Flucht nach vorne, nachdem die Tour de Suisse zuletzt mehrere Ausgaben mit einem Dezifit abschlossen hat. Die diesjährige Ausgabe war das Debüt eines neuen Ansatzes, der für den traditionellen Radsport fast schon revolutionär ist. Die Änderungen betrafen drei Aspekte. 

Nur mehr 5 statt 8 Renntage für die Männer. 5 statt 4 bei den Frauen. Start und Ziel täglich am selben Ort. Frauen (am Vormittag) und Männer (am Nachmittag) fahren zeitversetzt ähnliche Strecken.

Fusion mit Tour de Romandie war ein Thema

Gabriela Buchs wurde Ende 2024 von Cycling Unlimited, zu der die Tour de Suisse gehört, als neue CEO engagiert. Sie kam mit der Erfahrung aus 20 Jahren Eventbranche, mit dem Radsport war sie aber erst im OK der WM in Zürich in Berührung gekommen. Buchs schaute sich die Rundfahrt an, stellte viele Fragen und machte Vorschläge. Auch eine Fusion mit der Tour de Romandie wurde diskutiert. 

Die Neuausrichtung ist deshalb auch stark mit ihrer Person verbunden. «Klar waren die Finanzen ein Faktor, etwa für die Kürzung der Renntage. Aber die Entertainmentbranche verändert sich gerade generell massiv. Wir leben von Sponsoren und Etappenorten. Also gilt es, ein Produkt zu schaffen, das Nachfrage bei den Zuschauern generiert, was wiederum für Sponsoren interessant ist», sagt Buchs. Sprich: Ein Event, an dem die Leute verweilen, statt wie bislang nur ein paar Minuten des Rennens vom Strassenrand aus zu verfolgen.

Sponsoren suchen heute Events, an denen sie auf Publikum treffen, mit dem sie interagieren können. Entsprechend ist die neue Tour de Suisse ein Ganztagesevent. Auf der vierten Etappe in Bad Ragaz schallt die Stimme von Moderator Franco Marvulli bereits morgens um 8 Uhr durchs Dorf. Er präsentiert die Fahrerinnen, die am Vormittag auf ihrer Etappe eine Schlaufe das Rheintal hoch und wieder runter absolvieren werden. Überraschend zahlreich stehen die Fans schon bereit, CEO Buchs bestätigt, dass die Frauenrennen auf grosses Interesse stossen – und deshalb um einen Tag ausgebaut wurden. 

Unterhaltung im Zielraum statt Archaik 

Später wechselt das Entertainment auf die Zielgerade, mit Animationen von Sponsoren, Laufvelorennen oder dem Auftritt eines lokalen Schlagersängers werden die Zuschauer unterhalten. Zwischendurch ein Update des Renngeschehens von der Grossleinwand, danach folgt wieder Live-Unterhaltung. Es ist das Gegenteil des Radsports, wie ihn viele Fans auch wegen seiner Archaik schätzen, weil er sich eben deutlich weniger stark der Gegenwart angepasst hat als andere Sportarten. Kein anderer Publikumssport dieser Grösse findet mitten im Leben statt, auf den Strassen, auf denen sonst der Alltag abläuft, gratis für alle Zuschauer.

An der Tour de Suisse wird der Radsport in die Sportevent-Gegenwart transportiert. Es geht mindestens so sehr um den Event an Start und Ziel wie um die Rennen. Wie gut diese sind, entscheiden primär die Namen auf der Startliste. Auch diesbezüglich steht die «neue» Tour de Suisse unter einem guten Stern: Bei den Frauen siegt das Schweizer Aushängeschild Marlen Reusser zum dritten Mal. Bei den Männern dominiert mit Tadej Pogacar der Beste der Gegenwart. 

Das Interesse am Konzept ist gross

Die Eventisierung kann man gut finden oder nicht, für die Zukunft seines Rennens erachtet es Tour-de-Suisse-Direktor Olivier Senn als entscheidend. «Ich habe kein weinendes Herz, null», sagt er. «Ich bin froh, dass wir selber entscheiden können, wie wir uns weiterentwickeln wollen – bevor das andere bestimmen.» Tatsächlich ist das Interesse am neuen Konzept gross. Die Organisatoren der Tour Down Under sind gleich zu fünft aus Australien angereist, um sich dieses live anzusehen. Weitere Rennveranstalter haben sich bei Senn nach Feedback erkundigt. Auch mehrere Grossstädte hätten sich gemeldet, sagt Senn. Das war bislang bei potenziellen Etappenankünften nur selten der Fall. Doch ganztägige Events sind für Städte interessant. 

Man kann sich gut vorstellen, dass das neue Format reüssiert – und der Radsport sich ähnlich entwickelt wie andere Sportarten. Zuoberst stehen die dreiwöchigen Grand Tours und die grossen Eintagesrennen, darunter folgen in Abstufungen unzählige kleinere Rennen. Wer die Fahrerinnen und Fahrer fragt, wie das neue Format bei ihnen ankomme, hört sich ähnelnde Voten: Ihnen gefällt es, dass das andere Geschlecht am gleichen Ort unterwegs ist. 

Es harzt noch an der Logistik

Allerdings harzt bei der Premiere noch die Logistik: Weil die Orte weit auseinanderliegen und weil für das doppelte Rennen täglich rund 1000 Hotelbetten notwendig sind, verursacht das lange Transfers: Pro Tag sässen sie zweieinhalb bis drei Stunden im Teambus, erzählt Pogacar. Das sei klar zu viel. «Aber wenn die Organisatoren das alles noch etwas mehr durchdenken, kann das ein sehr netter Event werden.» 

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