Dres Balmer,
Autor
(dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen,
17.09.2025
Die Reise von Bern an den Genfersee ist mit kurzen Rampen topografisch gnädig und gewährt neben landschaftlichem Genuss überraschende Einblicke in die kulturelle Vielfalt des Landes.
Dres Balmer,
Autor
(dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen,
17.09.2025
Kurvenreiche Abfahrt vom traurigen Vreneli abem Guggisbärg ins fröhliche Tal der sechsten Sense. (Fotos: Dres Balmer)
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Angenehm kühl ist es am Morgen in Schwarzenburg. Hinter dem Dorf schlängelt sich die Strasse in sanfter Steigung durch fette Wiesen, Maisfelder und an Waldrändern empor. Kaum ein Auto ist unterwegs, die Strasse gehört den vielen fröhlichen Radlerinnen und Radlern. Die windstille Luft, so frisch, dass man sie zu trinken glaubt, ist erfüllt vom Klang der Kuhglocken. Ein Rind schleckt einem anderen zärtlich den Hals.
Die Flure sind von einer lichten Heiterkeit. Schwerelos schwebt ein Heissluftballon am Himmel, hie und da faucht sein Brenner. In den Mulden und Senken liegen von der Nacht noch Nebelreste, die langsam höher steigen und sich auflösen. Immer mächtiger türmt sich das Guggershörnli, einer der Berner Hausberge, am Horizont. In Kalchstätten ist ein erster Übergang erreicht.
Jemand in der Gruppe beginnt das schwermütige Lied «Vreneli ab em Guggisbärg» zu singen. Manche Reisende machen den kleinen Abstecher, zwei Kilometer hinauf zum Dorf Guggisberg, lassen dort die Velos stehen, steigen in einer halben Stunde, zuletzt über eine steile Holztreppe, auf das Guggershörnli. Hier ist die Heimat vom Vreneli und vom Hans-Joggeli «änet dem Bärg», die nicht zusammenkommen können, weil das Vreneli aus gutem Haus stammt, der Hans-Joggeli aber vermutlich ein Fahrender ist. Von dieser Legende aus dem 17. Jahrhundert gibt es verschiedene Versionen. Anscheinend geht der Hans-Joggeli dann in fremde Kriegsdienste, und das Vreneli stirbt an Herzeleid.
«Die Sicht aufs Wasser öffnet sich mit einem Schlag, raubt einem den Atem.»
Vom Guggershörnli aus sehen wir in weiter Ferne Jura und Alpen, vor uns liegt eine dramatische Flusslandschaft, in die wir bald eintauchen werden. Von links nach rechts sind das der Gantrisch mit der Gantrischsense, es folgen Hengstschlund mit der Hengstsense, der Muscherenschlund mit der Muscherensense, und die drei zusammen bilden die Kalte Sense. Es folgt der Seeschlund mit der Warmen Sense, und erst ab Zollhaus heisst der Fluss einfach Sense.
Es gibt also nicht nur eine Sense, sondern es sind deren sechs. Ganz rechts setzt der Plasselbschlund mit dem Bach Ärgera dieser Geografielektion ein Ende. Doch da ist nicht nur die Topografie, da ist auch die weitere Poesie der Orts- und Flurnamen: Plaffeien, Oberschrot, Plötscha, Plasselb, Spittelvorschis und St. Silvester.
Wir sausen von Kalchstätten hinunter und überqueren auf der Guggersbachbrücke die Sense. Gleich danach zweigt ein Wanderweg links ab. Wer hier das Velo schiebt, erreicht nach einer halben Stunde den Zeltplatz Füllmattli. Der Spaziergang über gut begehbare und sichere Holzstege durch diese Auenlandschaft lohnt sich. Man kann hier die Spuren der nächtlichen Arbeit der Biber bewundern, es schweben Libellen, es flattern Schmetterlinge.
Kaum hat man die Kantonsgrenze überquert, fallen einem Kontraste auf. Im reformierten Kanton Bern sind die Häuser behäbig, die Kirchen bescheiden. Im katholischen Kanton Freiburg ist es umgekehrt: Schon über den Dörfern Plaffeien und Plasselb thronen Kirchen, die in ihrer Mächtigkeit an städtische Kathedralen erinnern, die Häuser sind schlichter.
An jedem Hügel links und rechts kleben Bauernhäuser, die Schweiz scheint heute nur aus Landwirtschaft zu bestehen. Eine Kuppe folgt auf die andere, von einem Kruzifix zur nächsten Kapelle wechseln scharfe Steigungen ab mit Schussfahrten hinunter in die Bachtobel. Die nächste Sprache, die nächste Kultur werden Kilometer um Kilometer spürbarer. Im deutschsprachigen Freiburg sind die Bauernhöfe noch herausgeputzt, im welschen Teil ist der schöne Schein nicht mehr so wichtig, dürfen ein wenig Gerümpel und Verfall sichtbar sein. Die Deutschschweizer Hausfrauen entfernen ihre Wäscheklammern immer wieder von der Leine und tragen sie beim folgenden Mal wieder hinaus, um die Hemden aufzuhängen. Die welschen Frauen lassen die Klammern draussen am Draht hängen, bis sie den Zuber mit der nächsten Wäsche hertragen.
Mit Entschiedenheit meldet sich die französische Kultur in Bonnefontaine zu Wort. Der Dorfplatz ist beschildert als «Place Frédéric Dard, dit San-Antonio (1921 –2000)». Ein Mann, der aus dem Auto steigt, erklärt, San-Antonio habe hier von 1980 bis 2000 gelebt. Einer der produktivsten und erfolgreichsten Schriftsteller des «Roman noir», schon zu Lebzeiten Kult geworden, weltweit in alle Sprachen übersetzt, hat in diesem Freiburger Bauerndorf seine Fantasien entwickelt. Die irren Wortspielereien, mit denen er die ganze Verkommenheit der bösen bösen Welt zelebriert, hat sich San-Antonio hier ausgedacht. Nicht in Paris, dessen Rummel der Star entflohen ist, sondern im stillen Bonnefontaine im Kanton Freiburg. Am Sonntag hört man aus der Kirche am Platz den Singsang der Messe, Weihrauchduft weht herüber. Man fragt sich, wo der Mittelpunkt der Erde ist, was Hauptstädte sind, wo die Provinz beginnt. Auf dem Platz sprudelt ein prächtiger Brunnen. Ins Becken eingemeisselt ist ein Wort des Sprachmagiers: «La seule vraie richesse cʼest lʼeau», 5. Mai 1991 – Frédéric Dard.
Wenn der Multimillionär San-Antonio vom Reichtum namens Wasser schwärmt, wollen wir hier den Bidon füllen, doch am Brunnenstock, aus dem das reiche Nass plätschert, meldet eine andere Inschrift: «Eau non potable». Diese Episode könnte aus einem San-Antonio-Roman stammen. Wir füllen die Bidons dennoch.
In Corbières geht es rechts ab, eine Brücke überquert an einer schmalen Stelle den Lac de la Gruyère. Der sieht idyllisch-urtümlich aus, ist aber ein Stausee für die Stromproduktion, erst achtzig Jahre alt. Im einfachen Bauerndorf Marsens leuchtet die achteckige Rotonde in den Himmel, wieder so ein imposanter, städtisch anmutender Kirchenbau, den die Jesuiten im 17. Jahrhundert errichtet haben.
Die fünfzehn Kilometer von Le Mouret bis hierher waren topografisch sanft, doch jetzt beginnt eine brutale Steigung, die nach zwei Kilometern, bei Les Bugnons, etwas gnädiger wird, dann über eine weitläufige Hochebene am Gibloux mit dem Sendeturm vorbeiführt. Die Strasse ist schmal und meist gut, der Autoverkehr spärlich, die Fahrt über Romanens hinunter nach Sâles ist der reine Genuss; der findet seine Fortsetzung auf der ruhigen Hauptstrasse.
Geschaffen von Menschenhand: Die Idylle des Lac de la Gruyère, mehrere Staustufen, bloss achtzigjährig.
Kurz hinter St-Martin mit der letzten katholischen Kirche erreicht man die Waadtländer Kantonsgrenze und fährt nach Oron-le-Châtel. Das Schloss thront über dem verschlafenen Flecken Oron-la-Ville. Diese 800-jährige Festung mit prunkvollen Sälen, einer Bibliothek und einem Museum ist öffentlich zugänglich. Die Herren von Savoyen haben die Anlage gebaut, später ging sie in den Besitz der Grafen von Greyerz über. Als diese verlumpt waren, übernahm die Republik Bern das Schloss als Sitz für ihre Landvögte zur Überwachung der wichtigen Handelsroute vom Genfersee her der Broye entlang über Murten nach Bern. Während der Berner Kolonisierung der Waadt von 1536 bis 1798 gaben sich hier 43 Landvögte die Klinke in die Hand. Danach war Oron-le-Châtel in Privatbesitz bis 1936 und ging schliesslich an den Kanton Waadt.
«Von einem Kruzifix zur nächsten Kapelle wechseln Steigungen ab mit Schussfahrten.»
Die berühmteste Bewohnerin des Schlosses war Katharina Franziska von Wattenwyl (1645–1714). Sie verbrachte hier als Tochter des Landvogts Gabriel von Wattenwyl einen Teil ihrer Kindheit. Katharina fand sich nie ab mit traditionellen Frauenrollen, spielte schon als Mädchen lieber mit Pistolen statt mit Puppen. Sie trug Männerkleider, ritt besser als mancher Mann, duellierte sich hie und da siegreich. Am liebsten hätte sie eine militärische Laufbahn eingeschlagen, betätigte sich dann aber aus lauter Bewunderung für den Sonnenkönig Louis XIV als Spionin im Dienste Frankreichs. Sie wurde verhaftet, im Käfigturm zu Bern gefoltert, zum Tode verurteilt, dann begnadigt, aber aus der Republik Bern verbannt. In einem anderen Schloss, im neuenburgischen Valangin, schrieb diese aussergewöhnliche Frau ihre Memoiren.
In Oron-la-Ville glitzert an der Ecke bei der Post ein Wegweiser der Herzroute, die Nummer 99 von Schweiz Mobil. Die führt zum stillen Ortsteil Châtillens mit der schönsten Brücke über die Broye. Kurz danach geht es, ein Stück auf Naturstrasse, bald durch finstere Wälder, über riesige Getreidefelder und Weiden. Jede Viertelstunde taucht ein verschlafener Weiler auf, zu hören sind hie und da Kuhglocken, viel lauter aber sind die Schreie der Milane. Die kreisen über uns, betrachten uns aus der Vogelperspektive. Sie folgen uns, kommentieren untereinander unser Tun mit ihren Schreien. Was denken, was schreien die Milane bloss über die Velofahrer?
Im offenen Gelände sehen wir links unter uns den Lac de Bret, in der Ferne den Mont Pèlerin. Blickt man geradeaus, zeichnen sich am Horizont die Savoyer Alpen ab, dann erreichen wir bei Montchervet die Kante zum Genfersee. Die Sicht auf das Wasser öffnet sich mit einem Schlag, raubt einem den Atem. Am verrücktesten ist das Bild in Chexbres, nach der Rechtskurve, wo die Lavaux-Höhentrasse beginnt. Da verbinden sich Himmel, Wasser und Rebberge zu einem mächtigen Universum.
Am Himmel nähert sich ein Knattern. Es fliegt ein gelber Doppeldecker heran, so tief, dass wir auf seinen unteren Tragflächen mit den Schweizerkreuzen die Immatrikulation HB – UUL erkennen können. Das ist ein Kunstflugapparat vom Typ Bücker Jungmann. Aus zwei Luken im Rumpf gucken zwei Köpfe mit Lederhauben. Wir spüren förmlich den lausbübischen Übermut des Piloten am Steuerknüppel. In fröhlichen vier Runden vollführt er vor uns allerlei Kapriolen, wackelt mit den Flügeln wie zum Grusse, bevor er Richtung Lausanne abhaut.
Am Anfang der Reise faucht der Ballon, unterwegs schreien die Milane, zum Schluss knattert der Doppeldecker. Vor Ouchy liegt das Schiff LÉMAN bereit zur Überfahrt nach Evian. In zwei Minuten wird es ablegen.
Kurzbeschreibung: Die Tour von Bern nach Ouchy Lausanne ist eine hügelige Genussfahrt an wilden und stillen Gewässern, über Weiden und durch Wälder. Je nach Form und Geschmack kann die Reise in zwei oder drei Tage aufgeteilt werden.
Distanz und Höhenmeter: Die 121 Kilometer bieten 1969 Höhenmeter auf- und 2140 abwärts.
Logis: Hotels zum Beispiel in Plaffeien, Plasselb, Bulle, Chexbres und Cully. Campings in Plaffeien Füllmattli (FR), in Gumefens (FR) und Forel Lavaux (VD).
Dokumentation: Velokarte Schweiz 1:301 000 von Kümmerly+Frey, Fr. 21.90.

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