Frauen und die Tour de France: Über hundert Jahre im Windschatten

Frauen fuhren Radrennen, als die Tour de France noch gar nicht existierte. Sie stellten Rekorde auf, schlugen Männer und wurden trotzdem belächelt. Warum die Geschichte der Tour de France Femmes weit vor 2022 beginnt.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, 14.07.2026

Als die Tour de France 1903 zum ersten Mal ausgetragen wurde, hatten Frauen längst bewiesen, dass sie Rennen fahren konnten. Was ihnen fehlte, war nicht die Ausdauer oder das Talent, sondern die Erlaubnis. Die Geschichte des Frauenradsports ist deshalb weniger eine Geschichte fehlender Leistung als eine Geschichte verschlossener Startlinien.

Ein kommerzielles Unterhaltungsgeschäft

Ende der 1860er-Jahre fanden in Frankreich und Belgien Frauenrennen statt. Das erste bekannte Rennen wurde 1868 im Parc Bordelais bei Bordeaux ausgetragen. Vier Fahrerinnen gingen damals an den Start, Miss Julie gewann vor Miss Louise. Zwar waren die Rennen echte Wettkämpfe, diese wurden aber von einem grossen Teil der Öffentlichkeit vielmehr als Spektakel oder Kuriosität betrachtet. Die Frauen wurden entsprechend fast ebenso intensiv nach ihrem Aussehen wie nach ihrer Leistung beurteilt.

Frauen konnten mithalten

Wer behauptet, Frauen hätten den Männern sportlich nichts entgegenzusetzen gehabt, kennt die Geschichte nicht:

Beim legendären ersten internationalen Strassenrennen Paris–Rouen von 1869 wagten sich fünf Fahrerinnen unter rund hundert Teilnehmer. Unter den 33 Personen, die das Ziel erreichten, war auch eine Frau mit dem Pseudonym «Miss America», die zahlreiche Männer hinter sich liess.

1897 fuhr die Dänin Susanne Lindberg 1000 Kilometer in 54 Stunden und 30 Minuten. Damit unterbot sie den bestehenden Männerrekord um fast drei Stunden.

Im selben Jahr sorgte die 16-jährige Engländerin Tessie Reynolds für Schlagzeilen. Für ihre Fahrt von Brighton nach London benötigte sie nur achteinhalb Stunden und war somit schneller als viele Männer ihrer Zeit. Die Öffentlichkeit diskutierte jedoch kaum über ihre Leistung. Stattdessen empörten sich Zeitungen über ihre «unnötig männliche» Kleidung. Nicht der Rekord war der Skandal, sondern die Hose.

Das Problem war nicht die Geschwindigkeit

Die schwedisch-amerikanische Rennfahrerin Tillie Anderson dominierte Ende des 19. Jahrhunderts die amerikanische Rennszene. Die League of American Wheelmen bezeichnete sie als beste Radrennfahrerin der Welt. Kurz darauf wurden Frauenrennen in den USA verboten. Entsprechend musste Anderson 1902 ihre Karriere beenden.

Die Beispiele zeigen: Es fehlte den Frauen nicht an Leistung. Es fehlte ihnen an Akzeptanz.

Rennfahrerinnen in Hosenröcken, sogenannten Bloomers oder enganliegender Kleidung waren ein Affront gegen die geltenden Moralvorstellungen. Veloradfahrerinnen wurden als unschicklich oder gar sittengefährdend diffamiert. Ärzte warnten sogar vor angeblichen gesundheitlichen Folgen bis hin zu Unfruchtbarkeit oder der Förderung sexueller Erregung.

Frauen gehören nicht aufs Rennvelo

Die Vorurteile hielten sich hartnäckig. Noch 1963 schrieb die deutsche Fachzeitschrift «Radsport», Frauenrennen seien vielleicht im Kunstfahren attraktiv, nicht aber im Rennsport. Zur selben Zeit dominierte die Britin Beryl Burton den internationalen Radsport wie kaum jemand zuvor.

Burton gewann Weltmeistertitel, nationale Meisterschaften und stellte 1967 einen britischen Zwölfstundenrekord auf, der sogar besser war als jener der Männer. Deutsche Journalisten nannten sie dennoch herablassend die «radelnde englische Hausfrau». Andere sorgten sich öffentlich darum, wer bei Familie Burton wohl die Betten mache.

Kein Interesse an Fahrerinnen

Als sich 1891 mehrere Frauen für Paris–Brest–Paris anmelden wollten, wurden sie gar nicht erst zugelassen. Nur wenige Jahre später entstand die Tour de France. Bereits 1909 wurde vorgeschlagen, auch eine Tour für Frauen auszurichten. Die Antwort fiel kurz aus: kein Interesse.

Während die Tour de France zum grössten Radrennen der Welt wurde, mussten Frauen mit einzelnen Rennen, Provisorien und immer neuen Neuanfängen vorliebnehmen. 1984 wurde das Strassenrennen für Frauen olympische Disziplin. Erst in jenem Jahr organisierte die Amaury Sport Organisation (ASO) eine Tour de France Féminin. Sie führte über 18 Etappen, war jedoch auf rund 1000 Kilometer begrenzt, während die Männer bereits mehr als 4000 Kilometer zurücklegten.

Die auf die letzten 60 bis 80 Kilometer verkürzten Etappen führten die Frauen jeweils rund zwei Stunden vor den Männern ins Ziel – vor einem Publikum, das vor allem auf das Hauptrennen der Herren wartete.

Die Tour de France ist Männersache

Als sich die Organisatoren der Tour de France Ende der 1980er Jahre aus dem Frauenrennen zurückzogen, durfte die Rundfahrt den geschützten Namen nicht länger verwenden. Aus der «Tour de France Féminin» wurde zunächst die «Tour de la CEE Féminin», welche in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich weniger präsent war.

Als Reaktion darauf wurde die «Tour Cycliste Féminin» ins Leben gerufen, deren Konzept sich wiederum an der vormaligen «Tour de France Féminin» orientierte. 1999 wurde der Name wegen eines Markenrechtstreits in «Grande Boucle Féminine» geändert, bei der täglich nach Etappenende ein «Preis der Eleganz» vergeben wurde. Zum Abschluss gab es den «Prix de la Super Élégance». Rennfahrerinnen sollten also bis vor nicht mal 20 Jahren nicht sportlich, sondern vor allem feminin und elegant sein.

Keine Männer, kein Interesse

Nach dem Ende der Grande Boucle 2009 verschwand die Idee einer französischen Frauen-Rundfahrt nicht vollständig. Mit der «Route de France Féminine» existierte bis 2016 weiterhin ein anspruchsvolles Etappenrennen, das sportlich hochkarätig besetzt war. Es blieb jedoch ein unabhängiges Rennen ohne Verbindung zur «Tour de France» und erreichte nie deren Strahlkraft. 2016 fand die letzte Ausgabe statt. Ein Comeback war für 2017 geplant, scheiterte jedoch an Terminkonflikten mit dem UCI-Kalender und der fehlenden World-Tour-Aufnahme. 2018 wurde das Rennen endgültig aufgegeben.

Endlich mit dabei?

Erst 2022 kehrte mit der «Tour de France Femmes avec Zwift» eine offiziell von der ASO organisierte Frankreich-Rundfahrt zurück. Was wie ein Neubeginn wirkt, ist in Wahrheit die Fortsetzung einer Geschichte über Ausschluss und mangelnde Wertschätzung, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte. Während früher darüber gestritten wurde, ob Frauen überhaupt eine «Tour de France» fahren sollten, dreht sich die Debatte heute darum, warum sie noch immer nur neun statt 21 Etappen umfasst und warum das Preisgeld für Männer zehn Mal höher ist.

Die Gleichstellung geht voran(?)

2026 schreibt die «Tour de France Femmes» ein weiteres Kapitel. Erstmals startet sie mit Lausanne ausserhalb Frankreichs. Das ist weit mehr als ein symbolischer Auftakt. Was bei den Männern seit Jahrzehnten zum festen Repertoire gehört, ist für die Frauen eine Premiere. Der Weg dorthin war lang. Nicht weil Frauen erst lernen mussten, Rennen zu fahren, sondern weil der Radsport lernen musste, ihre Leistungen anzuerkennen.

Seit über 100 Jahren stellten sie Rekorde auf und waren ihren männlichen Zeitgenossen mitunter sportlich überlegen. Aber immer mit starkem Gegenwind und fehlender Akzeptanz. Der Weg nach Lausanne ist deshalb weit mehr als eine neue Streckenführung. Der Grand Départ im Ausland zeigt, dass die Frankreich-Rundfahrt der Frauen 2026 ihren Platz im internationalen Radsportkalender gefunden hat.

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