Durch «Trilakonien»

«Seeland» – Nicht nur ein Buch von Robert Walser heisst so, sondern auch ein kleines, weisses Schiff. Es fährt auf den drei Juraseen und den Kanälen, die diese verbinden. Dres Balmer nennt diesen Landstrich «Trilakonien».

no-image

Dres Balmer
Reisen, 27.11.2008

 Alle drei Juraseen (Bieler, Neuenburger- und Murtensee) liegen exakt genau gleich hoch über dem Meeresspiegel: 429 Meter. Das aber erst seit den Juragewässerkorrektionen, die ich im Geografie-Unterricht trotz grossen Bemühungen unseres Lehrers nie begriffen habe. Seeland oder eigentlich Dreiseenland; so wie Zweistromland. Für die Expo.02, die diesen Landstrich heimsuchen wird, könnte man ruhig eine neue Bezeichnung erfinden, die ein wenig erhaben klingt. Ich schlage vor: Trilakustrien, Trelaganien, Trilakonien oder so ähnlich. «Trilakonien» gefällt mir am besten. Lakonisch sind hier nicht nur die Menschen, sondern auch die Landschaft. Der Himmel ist gross, und keine geografischen Auffälligkeiten schockieren das Auge. Meistens radelt es sich ganz leicht dahin, auf verschlafenen Strässchen durch Getreidefelder oder an Kanälen, wo man mit den Schiffen Wettfahrten veranstalten kann. Ganz nahe bei der Sprachgrenze ist das Berndeutsch noch behäbiger als im östlichen Teil des Kantons. Doch nicht nur behäbig, sondern auch irgendwie zärtlich. Schon nur das Grusswort Grüessech, und dann alle diese Ortsnamen, in denen das Französische mitschwingt: Müntschemier, Lamboing, Lüscherz, Vinelz, Budlei, Jolimontguet, Lüschimoos, Gurbrü.

Die trockene Frau

Beim letzten Rotlicht in Biel sehe ich im Augenwinkel, dass hinter mir jemand auf einem Velo ebenfalls auf Grün wartet. Dann fahre ich an, doch ich werde das Velo hinter mir nicht los. Es folgt dicht in meinem Windschatten, und nach einer Weile überholt es mich sogar. Darauf sitzt eine strahlende und absolut trockene, d.h. schweisslose Frau, die in einem Riesengang locker einen Fünfunddreissiger auf den Asphalt legt. Da sehe ich den Kasten im Rahmen, und jetzt höre ich das elektrische Wimmern. Ein Flyer. Elektrovelos haben den Vorteil, dass die Benutzerschaft mit sportlichen, nicht-elektrischen Humanmobilen, zum Beispiel schwitzenden Velofahrern, konversieren kann, ohne selber ausser Atem zu geraten. Dann zweigt sie nach schönem Gespräch ab, sagt fröhlich Tschou, und ich teile den Veloweg wieder nur mit verbissenen, unsportlichen Humanmobilen.
 

Image

Information:

Allgemein:
Das Seeland zwischen Neuenburger-, Bieler- und Murtensee ist genau das Richtige für gemächliche RadlerInnen und Familien mit Kindern.

Verpflegung/Unterkunft:
Zahlreiche Läden und zum Teil sehr schöne Gasthäuser. Wer im Hotel übernachten will, muss an Wochenenden und während der Ferien reservieren. Wer zeltet, hat mehr Freiheit. Im Seeland gibt es rund ein Dutzend Campings.

Karte:
Velokarte 1:60 000, Blatt 12
Neuchâtel–Pontarlier, Trois Lacs, Fr. 26.80

Plankton in der Luft

Ein Schlaraffenland. Auf dem Bielersee, an dessen Südufer ich Erlach zu radle, schwimmen Schifflein. Die Route führt durch Siedlungen von Einfamilienhäusern mit Blumenbeeten und Hollywood-Schaukeln. Vor hablichen Bauernhöfen liegen Berner Sennenhunde und blicken verständnisvoll. Die Kirschbäume bersten unter ihrer süssen Last. Und was für ein ehrliches Land: An vielen Orten kann man Kartonkörbchen mit Kirschen mitnehmen und das Geld in den Joghurtbecher daneben legen. Und in diesem ehrlichen Land sind zwei der grössten Strafanstalten des Landes: Witzwil und Bellechasse. Sie sind hier, weil Ausbrecher in den weiten Ebenen nicht weit kommen, ohne bemerkt zu werden. Doch Seeland oder «Trilakonien» klingt flacher, als es ist. Immer, wenn die wunderbare Route an einen Grossgrundbesitz am Ufer stösst, geht es zum Teil rabiat in die Hügel hinauf. Und das Schlaraffenland hat hier noch eine andere, ganz unerwartete Variante: In der Luft schwirren Milliarden von Mückels. So nennt sie ein Radtourist aus den USA. Man radelt oft minutenlang durch dichte Insektenwolken, zu Hunderten bleiben die Mückels in den Haaren an Beinen und Armen hängen. Irgendwo habe ich gelesen, dass Wale am Tag fünfhundert Kilo Plankton fressen. Daran muss ich denken, und es stimmt mich positiv, als echter Naturbursche öffne ich den Mund und esse nach Herzenslust Mückels, die ich von Zeit zu Zeit mit einem Schluck Wasser aus dem Bidon hinunter spüle. In Erlach setze ich mich in einen Wirtshausgarten und bestelle ein Bier. Als die Kellnerin die Speisekarte bringt, sage ich: «Nein danke, ich habe schon drei Kilo Mückels gegessen.»
Le Landeron hat einen märchenhaft schönen Ortskern, doch das einzige Hotel am Ort ist leider ausgebucht. So viele Radler? Nein: Morgen ist Fronleichnam, und zur Prozession, die stattfinden soll, sind einige Auswärtige schon am Vorabend angereist. Also weiter nach Cressier, einem Dorf mit viel lärmigem Durchgangsverkehr, und wohl deshalb ohne Prozession. «Hôtel de la Couronne». Wir sind in der Suisse romande. Doch die Leute sprechen ein fürchterliches Französisch, und die Speisekarte strotzt von Schreibfehlern. Plötzlich denke ich: Die armen Romands müssen eine schwierige Hochsprache sprechen und schreiben, der sie nicht gewachsen sind, genauso wenig wie wir dem Hochdeutschen. Der Unterschied, ohne Häme festgestellt: Wir haben die lebendigen Dialekte, während in der Romandie kein Mensch mehr patois spricht.

Tipp:

Biel – Lausanne, 4 Tage/3 Nächte, 143 km. Fr. 374.– inkl. Bahnbillett 2. Kl. ab Wohnort, 3 Hotelübernachtungen im Doppelzimmer (inkl. Frühstück und Gepäcktransport). Zuschlag für Velomiete 3 Tage Fr. 78.–.

Katalog und Buchung bei railtour suisse, an jedem Bahnhof oder bei Schweiz Tourismus (Gratis-Tel. 00800 100 200 30).



Image Die Expo.02 soll, so liest man, eine Brücke schlagen zwischen der Romandie und der Deutschschweiz. Deshalb findet sie in «Trilakonien» statt, einer Gegend, die von der Topografie her garantiert mehrheitsfähig ist. Symbolisch dafür wird eine schöne Holzbrücke über den Broye-Kanal gebaut, extra für Velo- und andere lautlose FahrerInnen. Im Rahmen der Landesausstellung soll auch die Human Powered Mobility, kurz HPM, zelebriert werden. Am 3. September 2000 wird an einem Erlebnistag in und um Murten sozusagen Generalprobe sein. (Siehe dazu die entsprechenden Beiträge in dieser velojournal-Ausgabe.) Alle Humanmobilen sind gefordert, an diesem Sonntag im Spätsommer zum Stelldichein zu kommen. Nicht nur Radler, sondern auch Rollschuhläuferinnen, Trottinettisten, Einradfahrerinnen, Liegeradler, verschalt und unverschalt, aber auch Kanutinnen und Einhandsegler, und wie ich hoffe auch Froschfrauen und Langstreckenschwimmer. Hinzufügen könnte man auch noch Draisinen, die auf den gesperrten Schienenwegen die Gegend entdecken könnten, sowie Segelflugzeuge mit Pedalantrieb. Es wird ein einziges, riesiges Mobilitätsfestival sein. Alle, alle werden in «Trilakonien» mit eigener Muskelkraft herumkurven. In den Projektpapieren wird verschämt auch auf die FussgängerInnen hingewiesen, die einzigen, die mit eigener Muskelkraft und ohne mechanische Unterstützung unterwegs sind. Fussgänger? Am 3. September möchte ich keiner sein.

Tour de Hanf

Fit durch Radfahren und ein aufgewertetes Image für die Hanfbranche! Für diesen Doppeleffekt radeln dem Hanf Wohlgesinnte im August nach Berlin. Von wo aus geradelt wird, spielt keine Rolle. Hauptsache, das Ziel Berlin wird am 19. August 2000 erreicht. Dort treffen sich lauter Hanfinteressierte an der Hanfparade. Es werden über 100’000 Menschen erwartet.

Wer mitradelt, kann Gratisferien verbringen, denn pro geradelten Tag winken DM 35.–. Dazu lockt der Gewinn eines kulturellen und sportlichen Sommerereignisses. Ausserdem ist die Teilnahme eine gute Methode, um den Auswirkungen des durchschnittlichen pro Kopf-Verbrauchs von Schoggi (10 kg/Jahr) oder Bier (59 l/Jahr) entgegenzuwirken.

Zum vierten Mal findet die Sternfahrt statt und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Bisher beschränkte sich die Teilnahme vor allem auf die Schweiz und die angrenzenden Länder. Dieses Jahr nennt sich der Anlass zurecht «Tour de Hanf Europe»: Deutschland, Frankreich, Österreich, Holland haben ihre Teilnahme zugesichert. Der anhaltende Veloboom ermöglicht es, die Routen nach Berlin auf angenehme Weise zu bestreiten, sei es auf Velowegen oder verkehrsarmen Nebenstrassen.

Weitere Informationen
Schweizer Hanf-Koordination
Zentralstrasse 15
8003 Zürich
Tel. 01 450 34 14
Fax 01 450 61 86
E-Mail: info@hanf-koordination.ch
Internet: www.hanfcenter.com

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Reisen

Durch Canyons der Märchenwelt

Reisen

Sarazenentürme, Supercrema und Steilhänge

Reisen

Zehn gute Gründe für Kolumbien