Die schöne Wüste und die wüste Wüste

Die Sinaï-Halbinsel gehört zu Ägypten und ist anderthalb Mal so gross wie die Schweiz. Sie besteht aus Bergen, Sand, Küste und wenigen Strassen. Wer die Wüste mag und auch bei hohen Temperaturen nicht schmilzt, ist hier richtig.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 17.11.2000

Man muss vor dem Sonnenaufgang losfahren. Die Temperatur ist dann erträglich, die zehntausend Touristen schlafen noch. Das Velo steht auf dem Balkon. Ich packe es, in meinen Händen schwebt es über die Köpfe von Frau und Tochter, die noch schlafen. Hinaus auf den Freiluftkorridor des Hotels und dann mache ich «sacht, sacht die Türe zu», wie es in Schuberts «Winterreise» heisst. Doch für eine Winterreise ist es etwas warm. In den Fauteuils der Eingangshalle schnarchen die Türsteher. Wenn die Fundamentalisten einen Anschlag planen, ist heute ihr Tag. Der Horizont hat einen violetten Saum, der Sandstrand ist dunkelbraun. Es riecht nach Kloake. Alles schläft. Hund und Katz im Strassengraben, Taxichauffeure im Peugeot, Nachtwächter verkehrt herum auf Plastikstühlen. Ich fahre nach Westen, zum Ras Mohammed. Noch bin ich misstrauisch, denn Radeln scheint hier nicht die grosse Mode zu sein. Da kommt das erste Taxi entgegen. Der Fahrer hupt, lacht aus dem Fenster. Dann überholt das erste Auto, hupt ebenfalls. Daran muss man sich gewöhnen. Sie hupen halt gerne, also lässt man sie hupen.
Am Checkpoint. Als ich das erste Mal hierher kam, hatte ich den Pass vergessen und musste zurück. Jetzt habe ich das wichtige Dokument in der Trikottasche. Es wird vom Soldaten eingehend und mit strengem Gesicht geprüft. Dann heitert sich seine Miene auf. Er hat im Pass auf Seite 9 das Foto meiner Tochter entdeckt und beginnt zu lachen. Dann ruft er seine Kameraden, auch ein Vorgesetzter tritt heran, der Pass geht von Hand zu Hand. Der Vorgesetzte fragt auf Englisch, wo die Tochter sei. Mit beiden Händen und schrägem Kopf mache ich das internationale Zeichen für Schlafen. Dann darf ich passieren.
Image Zum Ras Mohammed bei Sonnenaufgang. Eine leichte Abfahrt hinunter zum Meer, das wie geschmolzenes Gold brodelt. Jetzt beginnen die feinen Wellen langsam zu kreisen. Ich halte an. Geblendet. Vollkommene Stille. Kein Vogellaut. Kein Wind und kein Geruch. Der Sand links und rechts ist hellgrau. Halb über die Strasse schwingt sich eine Sandwächte. Das geschmolzene Gold dreht sich schneller, beginnt jetzt zu sirren, immer höher und lauter, das All bis hinein ins Mittelohr ist erfüllt vom tellurischen Schreien des geschmolzenen Goldes. Dann bricht die Sonne ein in den Himmel. Vielleicht eine Erscheinung, wie der brennende Busch, nur weiss ich sie nicht zu deuten. Dann die Furcht, die Sandwächte könnte die ganze Strassenbreite in Besitz nehmen, die Wüste alle Strassen der Welt unter sich begraben.
Image Ein paar Tage später, jetzt etwas mutiger geworden, nach Nordosten, nach Dahab, ein Weg rund hundert Kilometer lang. Auch diesmal bin ich so früh unterwegs, dass die Soldaten an den Checkpoints mit der Hand an die Maschinenpistole fahren. Ich rolle durch langgezogene Täler mit kaum merklicher Steigung. Der Gegenwind bringt Verwesungsgestank. Die Wüste ist ein Mistkübel. Auf beiden Seiten Kehricht, so weit das Auge reicht, vom Wind in die Wüste verteilt. An jedem Gestrüpp hängen Pastikfetzen. Eine wüste Wüste. Die Felsmassive in der Wüste leuchten zuerst dunkelblau, dann rostrot, vierdimensional, wie bei Föhnwetter. Dromedare. Mit einem Höcker. Nur Kamele nennen Dromedare Kamele. Doch alle tun es. Ergo sind alle, die Dromedaren Kamele sagen, selber Dromedare. Oder Kamele. Die Steigung nimmt etwas zu, ein Tourenfahrer kommt entgegen. Ich rufe Falamaleikum, er ruft Shalom. Wir halten beide an. Er ist ein Holländer mit Salzkrusten an der Kleidung. Er sagt, seit Tel Aviv sei ich der erste Radfahrer. «Und du bist der erste Radler seit Mohammed», sage ich. Wir umarmen uns und fahren weiter, er nach Süden, ich nach Norden. Dann kommt der Sharira-Pass (1120 m.ü.M). Oben rauche ich eine Dromedar und unterhalte mich mit einer deutschen Reisegruppe, die per Bus unterwegs ist. Am Bus ist ein Anhänger, in dem Schubladen sind wie in einem Leichenschauhaus. Darin schlafen die Touristen. «Wie kann man Dromedar rauchen und radeln, pfui!», sagt eine Dame. «Von da an gings bergab», sagt ihr Ehemann in Hosenträgern, und dann, als seine Frau etwas abseits ist: «Ich beneide Sie».
Doch das alles waren nur Vorbereitungstouren auf die grosse Tour zum Katharinenkloster. Bis dort sind es von Sharm el Sheikh rund 250 Kilometer. Das Katharinenkloster kann man sich schenken. Dort stehen die Touristen so dicht gedrängt, dass man statt der Ikonen nur die Hinterseite des Vordermannes sieht. Doch die Besteigung des Mosesberges bei Nacht hat trotz dem wahnsinnigen Rummel eine gewisse Würde bewahrt. Warum, weiss ich auch nicht genau, vielleicht nur, weil man nachher hundemüde ist. Gegen Mittag kommt man unweigerlich in die grösste Affenhitze. Nächstes Mal fahren wir nach Schatt-el-Arab. Vielleicht ist es dort ein wenig kühler.

Image

Information:

Die Südspitze des Sinaï ist ein attraktives Velotouren-Gebiet auch für ausgedehnte Rundreisen. Die Asphaltstrassen sind zum Teil rau. Die Automobilisten fahren rassig und hupen fröhlich, sind aber rücksichtsvoll. An verschiedenen Checkpoints muss man den Pass vorweisen.

Reisezeit:
Oktober bis Mai – auch im Winterhalbjahr kann die staubtrockene Luft tagsüber bis 30 Grad warm werden.

Verpflegung:
Zwischen den Ortschaften ist nichts. Zwei Bidons gehören ans Velo und Proviant ins Trikot.

Dokumentation:
Michel Rauch, Sinaï und Rotes Meer, DuMont Reise-Taschebuch, Köln 1997, 230 S., Fr. 19.80. Handlich und sehr informativ. Karten: «Sinaï map of attractions – South Sinaï» 1:250'000. Osiris Office for Books and Reviews, Kairo 1994. Preis: 30 ägyptische Pfund.

Reiseveranstalter:
safRAD Veloreisen bietet eine zweiwöchige Sinaï-Reise an, die alle Attraktionen der Region berücksichtigt. Nächste Tour 6.–20. Oktober 2001, ab Fr. 2'350.–. Für interessierte Gruppen offeriert safRAD die Reise nach Absprache auch zu anderen Daten.

Informationen und Buchungen:
safRAD Veloreisen
Postiers 29
2300 La Chaux-de-Fonds
Tel. 032 926 22 33
Fax 032 926 22 26
E-Mail: safRAD@dplanet.ch
Internet: www.dplanet.ch/users/safrad/

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Reisen

Durch Canyons der Märchenwelt

Reisen

Sarazenentürme, Supercrema und Steilhänge

Reisen

Zehn gute Gründe für Kolumbien