Schritt für Schritt: So lernt Ihr Kind Velofahren

Velofahren ist ein Meilenstein in der kindlichen Entwicklung und braucht mehr als nur ein Velo. Mit spielerischen Übungen und der richtigen Reihenfolge lernen Kinder das Fahren auf zwei Rädern. Ein Erfahrungsbericht.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
Ratgeber, 16.09.2026

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Kürzlich war er da: der grosse Moment. Mein Sohn, 3½ Jahre alt, fährt Velo. Mit Pedalen. Allein. Und das nach gerade einmal 20 Minuten Üben auf seinem Kindervelo. Doch gelernt hat er das Fahren nicht in den 20 Minuten Üben auf seinem Velo. Der Grundstein wurde schon viel früher gelegt. Folgende Schritte haben uns zum unkomplizierten Veloerfolg verholfen. 

Die Basis: Gleichgewicht und Körpergefühl 

Bevor Kinder überhaupt auf ein Velo steigen, steht etwas anderes im Zentrum: die Balance. Sie ist das Fundament des Velofahrens. Sowohl beim Balancieren auf dem Baumstamm als auch beim Klettern auf dem Spielplatz entwickelte mein Sohn einen guten Gleichgewichtssinn und ein Gefühl für seinen Körper. Diese Erfahrungen sind entscheidend. Wer sich sicher bewegt, wird später auch auf zwei Rädern schneller Vertrauen gewinnen. 

Vorwärtskommen verstehen mit Rutschfahrzeugen

Mit einem vierräderigen Spielzeugvelo hat er mit 1½ Jahren gelernt, sich mit den Füssen abzustossen und gezielt vorwärtszukommen. Dabei passiert viel mehr, als man denkt: Es wird nicht nur die Koordination geschult, sondern auch das Zusammenspiel von Bewegung, Richtung und Geschwindigkeit wird erfahrbar. Eine wichtige Vorbereitung fürs spätere Velofahren. 

Vorleben: Begeisterung wirkt ansteckend 

Wir benutzen das Velo regelmässig in unserem Familienalltag. Mein Sohn hat durch unsere Begeisterung auch ein grosses Interesse für Velos entwickelt und findet Velofahren «einfach so cool». Entsprechend war er sehr stolz, als er mit dem Laufrad ein erstes «Velöli» bekam. 

Das Like a Bike: Balance auf zwei Rädern 

Das Laufrad, auch «Like a Bike» genannt, ist ein wichtiger Schlüssel zum Velofahren. Kinder lernen darauf ganz intuitiv, die Balance auf zwei Rädern zu halten, ohne sich um Pedale oder Handbremsen kümmern zu müssen. Das macht den Umstieg auf ein richtiges Velo mit Pedalen sehr viel einfacher. Am Anfang liessen wir ihn das «Velöli» in Ruhe untersuchen. 

Es ist schon etwas anderes, wenn das Fahrzeug nicht mehr von alleine steht, sondern selbst gehalten und dann beim Fahren stabilisiert werden muss. So ist er zu Beginn einfach mit dem Laufrad zwischen den Beinen herumspaziert. Mit ein wenig Anschubhilfe konnte er dann später das Bewegungsmuster vom Rutschfahrzeug anwenden. Als er das Prinzip einmal verstanden hatte, dauerte es nicht lange, bis die Füsse in die Luft gehoben wurden, und er begann – mit wachsender Sicherheit –, mit verschiedenen Abstosstechniken zu experimentieren. Die Begeisterung war geweckt. Als er merkte, dass er Geschwindigkeit aufnehmen und das Gleichgewicht selbst halten kann, wich die anfängliche Vorsicht purer Freude. 

Erst bremsen, dann fahren 

Mit 3 Jahren äusserte mein Sohn den Wunsch, bald richtig mit Pedalen Velofahren zu lernen. Doch bevor es mit mehr Tempo und Pedalen losgehen sollte, war mir wichtig, dass er sich mit dem Bremsen vertraut macht. Bremsen ist mindestens genau so wichtig wie das Fahren selbst. Kinder müssen lernen, wie stark sie bremsen müssen, wie sich das anfühlt und wann sie reagieren müssen. 

Ich bin überzeugt davon, dass es sinnvoll ist, sich Schritt für Schritt ans Velo heranzutasten, sodass sich Kinder nicht auf zu viele neue Dinge auf einmal konzentrieren müssen. Deshalb habe ich am neuen grossen Kindervelo zuerst die Pedale entfernt und den Pedalenarm mit Kabelbindern am Rahmen fixiert. 

Pedale verstehen 

Dann war es so weit. Die erste Fahrt auf dem Velo stand an. Der erste Versuch mit Pedalen lief bei uns – entgegen aller Erwartungen – nicht rund. Die Balance war da, das Vertrauen auch. Aber sobald es ums Treten ging, wurde es schwierig. Im Nachhinein wurde schnell klar, woran es lag: Wir hatten uns zu stark auf das Laufrad konzentriert. 

Die Balance hat er dadurch zwar hervorragend gelernt, doch das eigentliche Treten kam zu kurz. Dreiräder oder andere Fahrzeuge mit Pedalen hatten wir schlicht vernachlässigt. Als er dann plötzlich zügig in die Pedale treten sollte, fehlte ihm genau dieses Bewegungsmuster. Er wusste nicht recht, wie er die Füsse einsetzen muss. 

Für uns war das eine wichtige Erkenntnis: Balance ist das eine, aber das Treten muss genauso geübt werden. Bevor es aufs «richtige» Velo geht, lohnt sich deshalb ein Zwischenschritt mit Fahrzeugen mit Pedalen, die besonders stabil sind. Hier lernen Kinder die grundlegende Bewegung des Tretens. Wie funktioniert der Antrieb? Was passiert, wenn ich schneller trete? Gleichzeitig festigt sich das Bewegungsmuster. Das wiederholte Treten verankert den Ablauf im Körper und macht ihn zunehmend automatisiert und selbstverständlich. 

Achtung, fertig, Velo! 

Dann kam der Moment der Wahrheit. Pedale wieder dran und los. Das Anfahren ist für viele Kinder die grösste Hürde. Es ist nicht einfach, die Pedale in die richtige Stellung zu bringen und nach dem ersten Tritt sofort beide Füsse auf den Pedalen zu platzieren, um dann sofort zügig in die Pedale zu treten, um das Velo stabil zu halten. Bei meinem Sohn war es nicht anders. Hilfreich sind deshalb leicht abschüssige Strecken. Sie sorgen für die nötige Anfangsgeschwindigkeit, damit sich das Kind auf das Treten und Platzieren der Füsse konzentrieren kann. 

Am Anfang habe ich ihn mit einem Schal um den Oberkörper stabilisiert, später nur noch leicht an der Jacke gehalten. Und dann habe ich ihn losgelassen. Und er ist gefahren. Allein. Und das nach gerade einmal 20 Minuten Fahren üben auf seinem Kindervelo. Ein grosser Moment. 

Velofahren lernt man nur durch Velofahren 

Seitdem heisst es: fahren, fahren, fahren. Ein klar abgegrenzter, sicherer Raum wie etwa ein leerer Parkplatz oder ein ruhiger Platz bieten ideale Bedingungen. Dort kann mein Sohn ausprobieren, Kurven fahren, bremsen, anfahren. In seinem Tempo, bis er die Abläufe automatisch beherrscht. Seine Schwester übt dort auch fleissig mit ihrem kleinen Laufrad. 

Doch Velofahren lernt man nicht an einem Nachmittag, denn die Technik ist nur der Anfang. Das eigentliche Velofahren beginnt mit dem Verstehen von Situationen, dem richtigen Einschätzen von Tempo und Umgebung und dem sicheren Bewegen im Alltag.