Wassermelonen, Streckenrekord und Teamgeist

Seit 20 Jahren findet Ende August das Bergzeitfahren an der Buchenegg statt. Was das mit Wassermelonen zu tun hat und wie das Velorennen am Zürcher Hausberg zum Kultanlass wurde, verrät unser Beitrag.

Bettina Maeschli, Autorin (maeschlib@hotmail.com)
Kultur, 17.09.2025

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«Warum tue ich mir das eigentlich an?» Diese Worte gehen mir durch den Kopf, als ich mich für meine Verhältnisse viel zu früh aus dem Bett quäle. Jedes Jahr stehe ich mit einem Team von 10 Fahrerinnen und Fahrern am Start. Als Captain trommle ich sie jeweils zusammen. Bevor es heute losgeht, gibt es einiges zu tun: Startnummern ausgeben, die Transponder, die seit diesem Jahr die Zeit bis auf die Zehntelsekunden messen werden, fachgerecht am Velo montieren, die letzten Instruktionen des OK weitergeben. Und wieder denke ich: Warum nur? Denn die Bergstrecke ist zwar kurz, aber fies: Es gilt, 230 Höhenmeter auf 2,75 Kilometern zu überwinden. Die Maximalsteigung beträgt über 12 Prozent. Es fängt wenig steil an, und genau darin liegt die Tücke: Geht die Fahrerin hier zu schnell rein, geht ihr die Puste in den steilen Stellen aus und ein Schlussprint liegt nicht drin. Geht sie es gemächlicher an, lässt sie wertvolle Zeit im unteren Teil liegen.

Die Truppe der Fahrerinnen und Fahrer ist bunt gemischt. Alt und jung, ambitioniert oder gemütlicher unterwegs. 16 Teams fahren mit, Herren-, Frauen- und gemischte mit jeweils 10 Startplätzen. Viele der Equipen kommen im Teamtricot. Auch der fahrbare Untersatz ist divers: Teure Carbonschlitten sind viele auszumachen, aber auch schöne Vintage-Stahlräder und gar ein Lastenvelo ist am Start. Gestartet wird mit einem Abstand von 45 Sekunden. Einzeln wird dann so schnell die Beine es erlauben den Berg hochgefahren. Und alle vereint etwas: Die Freude am Velofahren. Es ist vor allem ein Anlass, wo Mann und Frau Gleichgesinnte trifft. 

Eine Wassermelone für die schnellsten

Damit dieser Geist erhalten bleibt, hat sich die Organisationskomitee etwas Spezielles ausgedacht: Ist ein Team in der Teamwertung zu schnell, sprich sind die ersten fünf Fahrerinnen oder Fahrer zusammengezählt schneller als 51 Minuten, muss das ganze Team beim nächsten Mal mit einer Wassermelone den Berg hochfahren. Das Team wird sprichwörtlich ausgebremst. Denn Wettkampfgeist ist zwar gefragt, es sollen aber nicht immer die Gleichen gewinnen. So hat es uns dieses Jahr getroffen, da wir letztes Jahr mit einer zu schnellen Zeit die Teamwertung für uns entschieden haben. Ich sehe das als gute Entschuldigung, dieses Jahr meine persönliche Bestzeit nicht anzugreifen.

Dann geht es für mich los. Fast verpasse ich den Start, weil ich am Startnummern ausgeben und Melonen verteilen bin. Der untere Teil ist wenig steil und mit dem Adrenalin des Starts in den Beinen geht es zügig los. Bald kommt jedoch das steile Stück, der Atem wird schwerer. Wie bereit bin ich, an die Schmerzgrenze zu gehen? Heute offenbar weniger als in anderen Jahren. Zudem werde ich von nach mir gestarteten Fahrerinnen überholt, was nicht gerade motivierend ist. Die Melone auf meinem Rücken macht mich langsam, rede ich mir ein.

Kosten für autofreien Anlass hoch

Auf der Strecke regeln Verkehrskadetten den Verkehr. Die Strasse ist während des Rennens für Motorfahrzeuge offen. Die Kadetten halten jedes Fahrzeug an und erklären, dass ein Velorennen läuft und rücksichtsvoll gefahren werden soll. Wohl wegen des sehr schönen Spätsommerwetters sind dennoch viele Autos und Töffs unterwegs und ich werde einmal sehr knapp überholt. Ein Auto muss nach dem Überholvorgang gar wegen Gegenverkehr vor mir bremsen – ein unangenehmer Moment. 

Warum kann die Strasse für diesen einen Sonntagvormittag nicht gesperrt werden, schiesst es mir durch den Kopf. Das OK hat in der Vergangenheit schon versucht, die Passstrasse für das Rennen sperren zu lassen. Die Organisatoren sind aber an den hohen Hürden und Kosten für die Bewilligung, die unter anderem von mehreren betroffenen Gemeinden und bei Landbesitzern eingeholt werden muss, gescheitert.

Mit letzter Kraft versuche ich noch einen Sprint aus dem Wald hinaus auf die flache Gerade, die zum Ziel führt. Es tut weh, doch ich weiss: Jeder und jede leidet. Und trotzdem: Das Gefühl danach ist wunderbar. Ich habe den Berg auch dieses Jahr bezwungen und kann mich nun auf das Melonenessen und die Afterrace-Party am Idaplatz freuen.

An der diesjährigen Jubiläumsausgabe wurde ein neuer Streckenrekord aufgestellt: Nino Zumstein vonder Equipe Chettehünd fuhr mit 8:50.30 Minuten den Berg hoch. Damit unterbot er den langjährigen Rekord des jetzigen OK-Mitglieds Reto Wälchli um zwei Sekunden. Bei den Frauen gewann Corbella Carlota vom Team Dinosauruses mit 11:09.93 Minuten.

Die Teamwertung gewannen bei den Herren/Mix die Carcrashers mit 48:46.16 Minuten. Damit werden sie nächstes Jahr die Melonen hochfahren. Bei den Frauen gewinnt das Team Dinosauruses mit einer Gesamtzeit von 1:03:16 Stunden.

Die nächste Austragung findet am 30. August 2026 statt. Mehr unter: bergzeitfahren.ch

Das Buchenegg Bergzeitfahren: Eine Bieridee

Drei Fragen an Niklaus (Chlöis) Frei, Mitgründer des Bergzeitfahrens Buchenegg Ostwand und langjähriges OK-Mitglied

Velojournal: Wie seid Ihr auf die Idee des Rennens gekommen?

Niklaus Frei: Das war, nachdem wir an der Zürimetzgete (ein traditionsreiches Velo-Rennen, das von 1914 bis 2014 in Zürich ausgetragen wurde, Anmerkung der Redaktion) teilgenommen haben und es nicht so toll fanden. Zu hektisch war für uns das Fahren im Peloton, zu «vergiftet» die Fahrer. An einem feuchtfröhlichen Abend in einer Zürcher Bar sagten wir uns: Wir können doch auch ein eigenes Rennen nach unserem Geschmack organisieren. Warum nicht ein Zeitfahren an der Buchenegg? So wurde die Idee geboren. Die ersten Jahre waren wir 35 Fahrerinnen und Fahrer, die immer am ersten Sonntag im September zum Zeitfahren erschienen. Wir haben von Hand gestoppt. Und es war immer kalt und hat geregnet. Schliesslich haben wir es dann auf den letzten Sonntag im August verschoben und dabei ist es bis heute geblieben. 

Was sind deine eindrücklichsten Erlebnisse?

Eigentlich der Tag heute, also dass es das Rennen nach 20 Jahren noch gibt und die Stimmung unglaublich ist und die Leute so viel Freude haben.

Wie siehst du die Zukunft des Bergzeitfahrens?

Heute hat es 160 Personen am Start. Ich bin froh, dass ich die Organisation vor ein paar Jahren an frische Kräfte abgeben konnte. Ich engagiere mich immer noch als Speaker bei der Rangverkündigung. Ansonsten überlasse ich es der neuen Generation, das Rennen weiterzuentwickeln. Wobei die Teilnehmenden auch nicht unbedingt Veränderungen wünschen, das hat auf jeden Fall eine Umfrage gezeigt. Aber wie gesagt: Ich überlasse das dem neuen OK.

 

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