Tourismus entdeckt Rennvelo

Vom 18. bis 20. Juli macht die Tour de France einen Abstecher nach Bern und ins Wallis. Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid kommt das sehr gelegen. Er will die Schweizer Alpenpässe im Ausland als erstklassige Fahrrad-Destinationen promoten

no-image

Martin Platter
Sport, 23.03.2016

Die Schweiz gilt im Ausland in erster Linie als Wintersportdestination. Das zeigt auch die jüngste Werbekampagne mit Raumfahrer Buzz Aldrin. Doch gerade der letzte Winter führte vor Augen, dass der Schneemangel zu grossen Einbussen führen kann. Jürg Schmid, seit fünfzehn Jahren Direktor von Schweiz Tourismus, ist sich dessen bewusst. Der 53-Jährige hat schon allerlei Wetterkapriolen erlebt. Für ihn ist deshalb nicht erst seit diesem Winter klar, dass der Sommertourismus in den Schweizer Bergen künftig einen wesentlich höheren Stellenwert erreichen muss. Er sagt: «Im Sommer sind die Hotelpreise in den Bergen deutlich erschwinglicher als im Winter. Das macht uns selbst mit dem derzeit hohen Schweizerfrankenkurs sehr konkurrenzfähig.»
Selber aktiver Mountainbiker, kommt Schmid ins Schwärmen, wenn er von seinen Touren in den Bergen erzählt. Demnächst wird er sich zudem ein Rennrad anschaffen. «Ich sehe in beiden Disziplinen und auch beim Elektrovelo ein enormes Wachstumspotenzial», sagt der Marketingmann, der ursprünglich Betriebswirtschaft studiert hat und als Quereinsteiger zu Schweiz Tourismus gekommen ist. Für ihn ist klar, dass das Fahrrad im Tourismus «eine markante Bedeutungssteigerung» erlangen wird – auf jedem Terrain. «Wir werden die Themen Rennvelo, Mountainbike und E-Bike in Zukunft noch viel prägnanter in unsere Kampagnen aufnehmen», verspricht Schmid.

Gümmeler als gute Gäste
Am meisten Nachholbedarf habe der Rennradbereich. Aus diesem Grund ist Schweiz Tourismus auch eine Partnerschaft mit BMC eingegangen. «Wir haben so viele schöne Alpenpässe, die sich perfekt zum Rennvelofahren eignen. Das wollen wir im Ausland bekannter machen», begründet Schmid. Die Tour de France, die diesen Sommer in Bern gastiert, kommt ihm dabei sehr gelegen. Er wird mit seinem Team im Hintergrund vor allem die Medienvertreter betreuen, während die regionalen Tourismusvereine den Auftritt nach aussen gestalten. «Eine bessere Gelegenheit, die Schweiz als Rennveloland zu präsentieren, gibt es nicht», findet Schmid und hofft auf schönes Wetter wie im Vorjahr. Er kennt auch die Bedürfnisse der Feriengäste in der Schweiz: «In Zeiten der Globalisierung, in denen internationale Grossunternehmen weltweit für Uniformität sorgen, sehnen sich die Leute wieder nach Heimat, Individualismus und Authentizität.»
Die «Gümmeler» hätten sich jedoch verändert. «Die asketischen Leistungsfahrer gibts noch immer. Eine grösser werdende Gruppe Rennradfahrer aber hat sich auf dem Velo nicht dem ultimativen Leistungsdenken verschrieben, sind nicht austrainiert und leben auch nicht asketisch. Das sind Menschen in gut bezahlten Jobs, die einen Ausgleich suchen.» Diese Kundschaft suche nach dem Pässefahren gutes Essen und eine komfortable Übernachtungsmöglichkeit – Angebote, die auch etwas mehr kosten dürften. Diesen Trend habe man beispielsweise im luxuriösen Fünfsternehaus Chedi in Andermatt festgestellt, das für Pässefahrten geografisch ideal liege. Hat Schmid auch an eine Zusammenarbeit mit dem Verein Freipass gedacht? «Nein», sagt der oberste Touristiker der Schweiz. Man wolle keine Pässe sperren, sondern ein friedliches Nebeneinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmer propagieren.

Siehe auch «Es gibt ein Grundrecht auf Lärm, Dreck und Gestank», Velojournal 6/2014.