Tagvelolicht polarisiert

Lichtanlagen werden immer raffinierter und leistungsfähiger. Nun wird darüber nachgedacht, ob – analog zu den Vorschriften für Autos – Velos immer, also auch tagsüber, mit Licht fahren müssen. Dazu gibt es aber grosse Fragezeichen.

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Pete Mijnssen
28.04.2017

Im Zusammenhang mit der laufenden Sicherheitskampagne «See You – mach dich sichtbar» wird über eine neue Vorschrift nachgedacht, nach der Velos – gleich wie die Autos – auch am Tag mit Licht fah­ren müssten. Technisch ist dies mit vielen Velos schon heute möglich; vor allem die voll ausgerüs­teten Alltagsvelos mit Nabendynamo haben oft schon eine entsprechende Steuerung eingebaut. Aber ist Fahren mit Licht am Tag auch sinnvoll? Daniel Bachofner von Pro Velo Schweiz relativiert: «Die Wirkung ist gering.» Und er weist darauf hin, dass die Vorschrift dann auch zu Ende gedacht werden müsste: Es brauchte analog zur Ausrüstungsverordnung für Autos und Motorräder auch Regelungen für ein Stand- und Abblendlicht am Velo. In diese Richtung geht die neuste Lichtautomatik-Generation der Stadtvelos. Diese schaltet bei Einbruch der Dämmerung, bei Nacht und beim Befahren dunkler Stellen ein und aus und verfügt über eine zeitlich begrenzte Standlichtfunktion.

Enormer Nachrüstbedarf
Dennoch ist nur ein Teil der Velos mit Nabendynamos samt Lichtautomatik ausgerüstet und könnte also mit Dauerlicht gefahren werden. Laut dem Branchenverband Velosuisse wurden 2015 knapp 70?000 voll ausgerüstete Modelle verkauft. Diese machen also nur einen Bruchteil der rund 5 Millionen gefahrenen Velos im Land aus. Kommt hinzu, dass eingebaute Lichtanlagen mit Naben­dynamo einiges teurer sind als die noch immer weitverbreiteten Batterie-Lichtanlagen. Ganz zu schweigen von den vielen «Bahnhofvelos», die oft eine rudimentäre Lichtanlage haben.

Viele Annahmen, wenig Fakten
Inwieweit auch tagsüber Licht am Velo die Sicherheit im Verkehr erhöhen könnte, ist nicht klar. Der Zusammenhang zwischen Unfällen und fehlendem Licht am Velo kommt in der Unfallstatistik praktisch nicht vor. Es gibt einzig eine dänische Studie, die einen Zusammenhang zwischen permanent eingeschaltetem Velolicht, der Häufigkeit von Unfällen und deren Schwere herstellt.
80 Prozent aller Velounfälle sind sowieso Selbstunfälle, geschehen also ohne Beteiligung eines anderen Fahrzeugs. «Wenn die Wirkung eines Velolichts schon in der Dämmerung und nachts kaum nachweisbar ist, dann ergibt es keinen Sinn, Licht am Tag zu fordern», sagt Daniel Bachofner. Wichtiger sei die Erkennbarkeit der fahrenden Person, insbesondere helle Kleidung. Auch diese Wirkung ist zwar wissenschaftlich nicht belegt, aber sie beruht auf Erfahrungen und Beobachtungen. Viele Annahmen und wenige Fakten also.

E-Bike-Unfälle schrecken auf
Aufgeschreckt wurden die Fachstellen durch die sprunghafte Zunahme schwerer Velounfälle mit E-Bikes. Diese Entwicklung erklärt sich zum einen mit der gestiegenen Nutzung dieser Velokategorie, zum anderen mit der Altersstruktur der FahrerInnen. Die Unfallprävention müsse deshalb neben den FussgängerInnen, Auto- und Velofahrenden auch die E-BikerInnen umfassen, fordert nun die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Eine dieser Präventionsmassnahmen könnte in eine Forderung nach Licht am Tag für E-Bikes münden.
Michael Rytz vom Verkehrsclub der Schweiz (VCS), der damit in den Medien zitiert wurde, relativiert: «Diese Idee stand auf einer Liste von Empfehlungen und war als Kombination verschiedener Massnahmen gedacht.»

Das Dilemma der Veloförderer
Die Haltung von Pro Velo zu einer Licht-am-Tag-Vorschrift für E-Bikes ist noch nicht klar. Daniel Bachofner von der Geschäftsstelle erklärt, das Thema sei nicht prioritär. Im Moment beschäftigt sich der Verband mit der Frage, ob für die E-Bikes und die schnellen Renner nicht die Benutzungspflicht hinsichtlich Velowegen aufgehoben werden sollte, denn vor allem die schnelle Klasse der E-Bikes – aber auch Rennvelos – gehört auf die Stras­­se und nicht in Bereiche, in denen oft auch Fussgänger unterwegs sind, was auf den gemischt genutzten Streifen oft der Fall ist.
Für Pro Velo und den VCS  besteht das Dilemma darin, möglichst viele Menschen aufs Velo zu bringen, ohne die Gefahren zu vernachlässigen. Das Beispiel der Forderung nach Licht am Tag auch für Velos zeigt es: Nicht alles, was technisch machbar ist, ist verkehrspolitisch auch sinnvoll.
 

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