Wer Baba Walser auf ihre Veloabenteuer anspricht, muss grosszügig Zeit einberechnen. Kein Wunder: Ihre Zweiradreisen haben sie in den vergangenen 40 Jahren in unzählige Länder auf allen Kontinenten geführt. Warum immer mit dem Velo? «Laufen ist mir zu langsam. Und im Auto werde ich müde. Zudem fragt man sich da unterwegs: ‹Lohnt es sich, hier auszusteigen?› Mit dem Velo halte ich regelmässig an und komme mit der Bevölkerung in Kontakt», sagt Walser.
Das Reisevirus infizierte die 62-Jährige früh: Mit 21 unternahm die studierte Sportlehrerin eine Backpacker-Weltreise. Dabei erlebte sie insbesondere in Asien intensive Momente. Die Erinnerung an den Handdruck des Dalai Lama in Nordindien währt bis heute. Trotzdem war Indien für sie als allein reisende junge Frau sehr anstrengend.
Aufenthalte in den USA, Neuseeland und Australien
Doch nur zwei Jahre später brach sie 1987 erneut auf. Dieses Mal mit dem Velo. Und gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Werner, der mittlerweile seit 30 Jahren ihr Ehemann ist. Die Tourenvelos des Typs Koga Miyata «Worldtraveller» hatten sie sich erst kurz vor dem Abflug gekauft. Offensichtlich Qualitätsprodukte: Babas «Worldtraveller» wird heute von ihrer Tochter gefahren. Nach neun Monaten und Aufenthalten in den USA, in Neuseeland und Australien kehrte das Paar heim. Wegen einer Verletzung von Werner früher als geplant – aber überzeugt von dieser Reiseform.
Weitere Veloreisen folgten, mit dem Zelt entdeckten die Walsers Irland, Portugal oder Sizilien. Später kamen ihre zwei Töchter zur Welt, und die Veloabenteuer rückten etwas in den Hintergrund. Richtig zurück zur Velopassion fand Baba Walser mit 40, als sie sich sagte: «Entweder wirst du jetzt ‹komisch› – oder versuchst etwas Neues.» Sie hörte vom Reiseanbieter Bike Adventure Tours und buchte relativ spontan dessen Bikereise nach Madagaskar.
In die Rolle der Reiseleiterin geschlüpft
Das Erlebnis mit Bike Adventure Tours gefiel Walser so gut, dass sie ein halbes Jahr später auch auf der Reise nach Myanmar dabei war. Und dort vom Reiseleiter gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, selber diese Rolle zu übernehmen. Konnte sie. «Von der überzeugten Alleinreisenden wurde ich erst zur Zu-zweit- und dann zur Gruppenreisenden», sagt Walser. Das war vor 20 Jahren, seither leitete sie Velogruppen auf Touren in unzähligen exotischen Destinationen. Aber auch daheim setzt sich Walser gerne aufs Velo, mit Vorliebe auf das jüngste Mitglied ihres stattlichen Velofuhrparks: das Gravelbike. Damit hatte sie nicht gerechnet, als ihr Mann ihr eröffnete, dass er sich ein Gravelbike kaufen würde. Für ihn, der auch Rennvelo fährt, war das ein logischer Schritt. Baba Walser hingegen zögerte. «Ich besitze zwar auch ein Rennvelo, auf der Strasse habe ich mich aber nie wohl gefühlt, das war kein Genuss.» Eine Gravel-Testfahrt überzeugte sie jedoch von dieser Velokategorie, die sie erst als Marketing-Gag abgetan hatte.
Wohl werden die Reisen von Bike Adventures grösstenteils auf dem Mountainbike durchgeführt. Und auch Walser mag das Bike sehr, vor allem in Davos, wo sie im Sommer viel Zeit verbringt. Als Vorbereitung auf die Bikesaison schätzt sie nun im heimischen Gelände das Gravelbike, mit dem sie Ausfahrten im Thurgau und bis in den Kanton Schaffhausen unternimmt. «Mit dem Gravelbike gibt es daheim so viel zu entdecken – man müsste eigentlich gar nicht mehr weg», scherzt sie.
China, Guatemala und Marokko auf der Liste
So weit wird es nicht kommen, Thurgauer Schönheit hin oder her. Kürzlich machte Baba Walser zusammen mit ihrem Mann eine Liste mit Destinationen, die das Ehepaar mit dem Velo noch bereisen will – die Erwachsenenbildnerin ist seit Kurzem pensioniert, bei ihrem Mann steht der Schritt bevor. Ferne Länder wie China, Guatemala oder Marokko notierten die beiden.
Auffällig ist, dass die Walsers die Nachbarländer bislang grösstenteils ignorierten. Ganz bewusst, sagt sie schmunzelnd: «Die können wir auch noch später machen, sagen wir uns immer.» Ob das noch lange so bleibt, weiss auch die Vielreiserin nicht: «Langsam müssen wir vorwärtsmachen: Die nächsten zehn Jahre werden nicht mehr so sein wie die letzten zehn, das gehört einfach zum Älterwerden.»






